| 17.33 Uhr

Grenzgebiet zu Syrien
Türkei schießt russischen Kampfjet ab

Türkei schießt russisches Flugzeug ab
Ankara. Die türkische Luftwaffe hat im Grenzgebiet zu Syrien ein russisches Militärflugzeug abgeschossen. Die genauen Umstände sind unklar, einer von zwei Piloten soll tot sein. Putin reagiert mit scharfen Worten und droht mit Konsequenzen. Außenminister Lawrow sagt seinen geplanten Staatsbesuch in der Türkei ab. Für den frühen Abend wurde eine Nato-Sondersitzung einberufen.

Das brennende Wrack stürzte auf syrischer Seite ab, wie zunächst die Fernsehsender CNN-Türk und NTV unter Berufung auf türkische Armeekreise meldeten. Wenig später gab das russische Verteidigungsministerium laut den Nachrichtenagenturen Ria und Interfax bekannt, dass es sich um ein russisches Militärflugzeug, konkret einen Bomber vom Typ Suchoi Su-24, gehandelt habe.

Es ist der erste offiziell bestätigte Verlust der russischen Streitkräfte seit Beginn ihrer Intervention im syrischen Bürgerkrieg Ende September. Zunächst hatte ein Regierungsvertreter in Ankara der Nachrichtenagentur AFP gesagt, es sei unklar, aus welchem Land das Flugzeug stamme.

Fotos: Kampfjet an türkisch-syrischer Grenze abgeschossen FOTO: dpa, sdt jak

Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu verteidigte den Abschuss. Seine Regierung behalte sich als Reaktion auf Grenzverletzungen jedwede nötige Maßnahme vor, sagte er am Dienstag. Das US-Militär hat die Darstellung des Nato-Verbündeten Türkei untermauert. Das türkische Militär habe den russischen Bomber zehn Mal wegen der Verletzung des türkischen Luftraums gewarnt und keine Antwort bekommen, erklärte Pentagon-Sprecher Steve Warren am Dienstag. Das US-Militär habe die Kommunikation über Funk mitverfolgen können. "Wir konnten alles hören, was passiert ist", sagte Warren.

Widersprüchliche Angaben aus der Türkei und Russland

Das russische Verteidigungsministerium erklärte, die Maschine habe den Luftraum des Nato-Partners Türkei nicht verletzt und sei offenbar vom Boden aus in 6000 Metern Höhe beschossen worden.  Damit widersprach das russische Ministerium der türkischen Darstellung, wonach der Jet türkischen Luftraum verletzt habe. Die türkischen Streikräfte behaupten, das Flugzeug habe den türkischen Luftraum verletzt und mehrfache Warnungen ignoriert. Zwei türkische F16-Kampfflugzeuge hätten den Jet den Einsatzregeln entsprechend am Dienstagmorgen in der Grenzregion Hatay abgeschossen.

Russlands Präsident Wladimir Putin hat den Abschuss des russischen Kampfjets durch die Türkei in scharfen Worten verurteilt. Im Kampf gegen den Terror sei das ein Schlag von hinten gewesen, "begangen von Helfershelfern von Terroristen", sagte Putin am Dienstag live im russischen Fernsehen. Der russische Jet sei von F16-Kampfflugzeugen abgeschossen worden und etwa vier Kilometer von der Grenze entfernt auf syrischem Gebiet abgestürzt. Das russische Flugzeug habe keine Gefahr für die Türkei dargestellt.

"Das tragische Ereignis wird ernsthafte Auswirkungen auf die russisch-türkischen Beziehungen haben", sagte Putin. "Wir werden niemals dulden, dass solche Verbrechen wie das heutige begangen werden." Nach dem Abschuss habe sich die Türkei nicht etwa an Russland gewandt, sondern eine Sondersitzung der Nato einberufen.

Die türkische Nachrichtenagentur Anadolu veröffentlichte ein Video, das den Moment des Absturzes zeigen soll. Darauf ist zu sehen, wie ein brennendes Kampfflugzeug zur Erde stürzt. Weiter zeigte Anadolu Bilder, auf denen sich zwei Piloten offenbar mit einem Fallschirm aus dem abstürzenden Jet retten.

 

Rebellen: Ein Pilot ist tot

Einer der beiden Piloten ist nach Angaben von syrischen Rebellen tot. Eine Gruppe mit dem Namen Zehnte Brigade verbreitete über das Internet ein Video, das den Leichnam zeigen soll. Zu sehen ist eine leblose Person in Uniform. Dazu heißt es, sie sei "durch die Hände von Rebellen" umgekommen. Die Nachrichtenagentur AFP hatte zuvor unter Berufung auf den TV-Sender CNN-Türk berichtet, einer der beiden Piloten sei von syrischen Rebellen gefangengenommen worden. 

Das Schicksal des zweiten russischen Soldaten, der sich an Bord des Kampfjets befunden haben soll, ist bislang unklar. Russische Hubschrauber suchten nach einem Bericht der türkischen Nachrichtenagentur Dogan nach dem Piloten. 

Das Moskauer Verteidigungsministerium bestätigte den Tod des Piloten nicht. Ein Sprecher erklärte lediglich, den Piloten sei es gelungen, sich mit Schleudersitzen aus dem Flugzeug zu katapultieren.

Russland unterstützt seit Ende September die syrische Armee im Kampf gegen die Aufständischen mit Luftangriffen. In der Region kämpfen radikale und moderate Rebellen gegen Anhänger des Regimes. Dazu gehört neben Kämpfern der ethnischen Minderheit der Turkmenen auch die Al-Nusra-Front, der syrische Ableger des Terrornetzes Al-Kaida.

Nato-Sondertreffen anberaumt

Nach dem Abschuss des Kampfjets wollen Vertreter der Nato-Staaten noch am Dienstag zu einer Sondersitzung zusammen. Das Treffen werde um 17 Uhr beginnen, teilte die Nato mit. Artikel 4 des Nato-Vertrags sieht Konsultationen vor, wenn ein Nato-Mitglied meint, dass die Unversehrtheit des eigenen Territoriums, die politische Unabhängigkeit oder die eigene Sicherheit bedroht ist.

Die Nato steht seit dem Abschuss in Kontakt mit den türkischen Behörden. Das bestätigte ein Sprecher der Deutschen Presse-Agentur in Brüssel. Das Bündnis beobachte die Lage sehr genau, fügte er hinzu. 

Zwischenfall vor Besuch des russischen Außenministers in Türkei

Der Zwischenfall überschattet einen für diesen Mittwoch geplanten Besuch des russischen Außenministers Sergej Lawrow in der Türkei. Russlands Unterstützung für die syrische Regierung belastet das Verhältnis zwischen Moskau und Ankara. Die Türkei ist ein ausgesprochener Gegner des syrischen Machthabers Baschar al-Assad. 

Lawrow hat seine Landsleute nach dem Vorfall vor Reisen in die Türkei gewarnt. Die Gefahr "terroristischer Zwischenfälle auf türkischem Boden" sei nicht geringer als in Ägypten, sagte Lawrow am Mittwoch in einer im Fernsehen übertragenen Erklärung. Deshalb sei davon abzuraten, sich zu Urlaubs- oder anderen Zwecken in die Türkei zu begeben. Lawrow kündigte zugleich an, dass er sich wegen der "wachsenden terroristischen Gefahr" in der Türkei entschieden habe, sein für Mittwoch vorgesehenes Treffen mit dem türkischen Außenminister Feridun Sinirlioglu in Istanbul abzusagen.

Das türkische Außenministerium hatte wegen russischer Luftangriffe auf turkmenische Rebellen in Syrien erst am vergangenen Freitag den russischen Botschafter in Ankara einbestellt. Aus Sicht des Ministeriums treffen die Russen mit ihren Luftschlägen nicht Terroristen, sondern Zivilisten. Die Türkei unterstützt die turkmenischen Rebellen, die gegen Assad kämpfen. Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu hatte am Montag betont, die Armee werde auf Grenzverletzungen aus Syrien sofort reagieren.

Dem Verteidigungsministerium in Moskau zufolge wurden zudem drei russische Kriegsreporter bei Beschuss in Syrien verletzt. Die Journalisten hätten an vorderster Front die syrische Armee bei ihrer Offensive gegen Rebellen begleitet, meldete Interfax.

In den vergangenen Monaten haben russische Militärflugzeuge schon mehrfach den türkischen Luftraum und damit das Gebiet der Nato verletzt. Russland sprach jedes Mal von einem Versehen - Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg schätzte die Situation anders ein.

Hier gibt es Bilder vom Absturz des Flugzeugs.

Eine Chronologie militärischer Zwischenfälle an der syrisch-türkischen Grenze finden Sie hier.

(lsa/felt/AFP/REU/dpa)
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