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Taliban erobern Kundus
Deutsche länger in Afghanistan?

Von Albanien bis zum Südsudan: Ursachen der großen Flucht
Von Albanien bis zum Südsudan: Ursachen der großen Flucht FOTO: ALESSANDRO BIANCHI
Berlin. Nach der Eroberung der vormaligen Bundeswehr-Garnison Kundus mehren sich Forderungen, auch die deutschen Soldaten länger am Hindukusch zu stationieren. Kabul startet eine Gegenoffensive. Von Gregor Mayntz

Die Eroberung der afghanischen Provinzhauptstadt Kundus durch radikalislamische Taliban hatden Zeitplan für den weiteren Abzug der internationalen Truppen aus Afghanistan ins Wanken gebracht. Ursprünglich sollte der aktuelle Ausbildungseinsatz Ende 2016 auslaufen. Die SPD forderte, das Mandat zu verlängern, um die afghanische Regierung nicht alleinzulassen. Auch die Union verwies auf das Beispiel Irak, wonach ein zu früher Abzug katastrophale Folgen haben könne.

Die Taliban hatten am Montag den Angriff auf Kundus im Norden des Landes begonnen und die Stadt bis zum Abend erobert. Nur das Gebiet um den Flugplatz blieb in der Hand von Regierungstruppen. Bundeswehr-Soldaten machten sich gestern von dort aus ein Bild von der Lage und den anlaufenden Versuchen, die Stadt wieder freizukämpfen.

"Kundus ist ein besonderer Ort", sagte Bundeswehrverbands-Chef André Wüstner unserer Zeitung. Nirgendwo habe die Bundeswehr so viele Männer verloren, nirgendwo habe sie so hart gekämpft. "Deswegen herrscht jetzt eine große emotionale Betroffenheit in der Truppe", erklärte Wüstner. Die Angriffe seien ein klares Indiz dafür, wie instabil die gesamte Region dort geworden sei. Der Blick nach Syrien oder Libyen zeige, dass es kein Macht-Vakuum geben dürfe. "Hier ist die internationale Staatengemeinschaft gefordert", betonte Wüstner. Das sei von enormer Bedeutung auch für das Nachbarland Pakistan. Die Bundeswehr hatte ihr Lager Kundus vor zwei Jahren in die Hände der afghanischen Sicherheitskräfte übergeben.

"Es darf nicht sein, dass die Bundeswehr mehr als 50 Soldaten verliert, damit anschließend die Taliban wieder die Macht übernehmen", meinte Unionsfraktionsvize Franz Josef Jung. Deshalb dürfe die Option eines längeren Verbleibs einer erheblichen Präsenz internationaler Streitkräfte über das Jahr 2016 hinaus nicht ausgeschlossen werden. Das betreffe auch die Bundeswehr, fügte der frühere Verteidigungsminister hinzu. Die aktuelle Amtsinhaberin Ursula von der Leyen warnte indes vor überstürzten Entscheidungen. Die Lage in Kundus sei zwar besorgniserregend, sie müsse jedoch sorgfältig analysiert werden, bevor die Allianz über die Zukunft des Einsatzes befinde. Derzeit sind noch 850 Bundeswehrsoldaten vor allem in der Hauptstadt Kabul und mit einem kleinen Rest in Masar-i-Scharif, rund 150 Kilometer von Kundus entfernt. Sie erfüllen jedoch vor allem Ausbildungsaufgaben, einen Kampfauftrag haben sie nicht mehr.

Die offizielle Berliner Regierungslinie verweist darauf, dass die Taliban schon in der Vergangenheit immer wieder einzelne Stadtteile oder Dörfer überrannt hätten, dann aber stets von der afghanischen Armee zurückgedrängt worden seien. Auch gestern versprach Präsident Aschraf Ghani, alles zu unternehmen, um die Kontrolle zurückzugewinnen. Am Abend erklärte ein Polizeisprecher, Regierungstruppen hätten das Polizei-Hauptquartier und das Provinz-Gefängnis zurückerobert. Daraus waren am Vortag rund 600 Gefangene, darunter etwa 100 Taliban, entkommen.

Augenzeugen berichteten, die Taliban seien auch in beschlagnahmten Fahrzeugen der deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) unterwegs. Das Entwicklungsministerium erklärte, in Kundus hielten sich keine GIZ-Mitarbeiter mehr auf, diese seien schon seit April nicht mehr ständig in der Provinzhauptstadt gewesen.

Quelle: RP
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