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Afghanische Armee kämpft um Rückeroberung
Von der Leyen: Lage in Kundus "besorgniserregend"

Von Albanien bis zum Südsudan: Ursachen der großen Flucht
Von Albanien bis zum Südsudan: Ursachen der großen Flucht FOTO: ALESSANDRO BIANCHI
Kundus. Mit Unterstützung des US-Militärs hat die afghanische Armee am Dienstag um die Rückeroberung der nördlichen Stadt Kundus aus den Händen der radikalislamischen Taliban gekämpft. Während das Verteidigungsministerium in Kabul erste Erfolge vermeldete, berichtete die Nato von einem US-Luftangriff in der gleichnamigen Provinz.

Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) sprach von einer "besorgniserregenden" Lage und plädierte für eine Überprüfung der Nato-Abzugspläne aus Afghanistan.

Die Offensive habe am Morgen begonnen, teilte das Verteidigungsministerium in Kabul mit. Das Hauptquartier der Polizei und das städtische Gefängnis seien bereits zurückerobert worden. Die Nato erklärte, das US-Militär habe in der Provinz Kundus einen Luftangriff geflogen, "um eine Bedrohung für die afghanischen und internationalen Kräfte zu beseitigen".

"Die Stadt wird zurückerobert", versprach ein Sprecher des afghanischen Innenministeriums. Es seien Einheiten zur Verstärkung entsandt worden, die "eine große Operation" zur Rückeroberung der Stadt planten. Das Ministerium kündigte zudem eine Untersuchung der Geschehnisse an. Einwohner berichteten, es gebe weder Wasser noch Strom. Die Geschäfte seien geschlossen.

Tödliche Angriffe auf die Bundeswehr FOTO: ddp

Die im nördlichen Masar-i-Scharif stationierte Bundeswehr entsandte ein Team von Soldaten zur Erkundung nach Kundus. Diese sollten "Abstimmunsggespräche" mit der afghanischen Armee führen und dann zurückfliegen, sagte ein Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums in Berlin. Das Entwicklungsministerium teilte mit, dass sich derzeit keine deutschen Mitarbeiter in Kundus aufhielten.

Mit rund 2000 Kämpfern hatten die Taliban am Montag Kundus erobert und damit erstmals seit ihrer Entmachtung im Jahr 2001 wieder die Kontrolle über eine größere afghanische Stadt übernommen. Die Extremisten befreiten hunderte Häftlinge aus dem Gefängnis von Kundus, setzten Regierungsgebäude in Brand, darunter die Geheimdienstzentrale, und hissten ihre weißen Flaggen.

Im Krankenhaus mit seinen 200 Betten machten die Islamisten Jagd auf verwundete afghanische Soldaten. Auf den Straßen von Kundus lagen nach Angaben geflohener Einwohner zahlreiche Leichen. Viele Menschen flohen zum Flughafen der Stadt, zu dem sich die Regierungstruppen zurückzogen. Manche beklagten allerdings, dort von Sicherheitskräften abgewiesen worden zu sein.

Für die Provinz Kundus war früher die Bundeswehr verantwortlich. Im Oktober 2013 übergab sie ihr dortiges Feldlager an die afghanischen Sicherheitskräfte. Ende vergangenen Jahres beendete die Nato ihren Kampfeinsatz in Afghanistan. Seit Anfang dieses Jahres unterstützt sie mit dem Einsatz "Resolute Support" die afghanischen Sicherheitskräfte in der Ausbildung.

Porträt: Von der Leyen - Ministerin mit Ambitionen FOTO: dpa, Hannibal Hanschke

Derzeit sind noch gut 13.000 ausländische Soldaten in dem Land, darunter fast 7000 US-Soldaten und bis zu 850 Bundeswehrangehörige. Die internationalen Truppen sollen sich bisherigen Plänen zufolge nach und nach aus der Fläche in Richtung Kabul zurückziehen und bis Ende 2016 vollständig vom Hindukusch abgezogen werden.

Von der Leyen (CDU) sprach sich am Dienstag für eine Überprüfung dieser Pläne aus. "Wichtig ist, dass wir die aktuelle Lage sorgfältig analysieren und aufgrund dieser Analyse Entscheidungen fällen - und das nicht nach starren Zeitlinien tun, sondern nach der aktuellen Situation", sagte sie in Berlin. Die Lage in Kundus nannte sie "besorgniserregend".

"Wir müssen prüfen, ob wir das Abzugsdatum halten können", sagte der Vizechef der Unionsfraktion im Bundestag, Franz Josef Jung (CDU), dem "Tagesspiegel" aus Berlin. Auch die SPD zeigte sich offen für Planänderungen. Voraussetzungen dafür seien internationale Einigkeit und das Einverständnis aus Kabul, sagte der außenpolitische Fraktionssprecher Niels Annen im Deutschlandfunk.

(AFP)
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