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Brüsseler Stadtteil Schaerbeek
Wo die Terroristen wohnen

Schaerbeek: Wo der Terrorist wohnte
Brüssel. Immer mehr Brüsseler Vororte geraten ins Visier der Terror-Fahnder. Die Bewohner reagieren mit einer Mischung aus Trotz und Scham. Ein Ortsbesuch. Von S. Bergmann, J. Dobrick und C. Kornmeier

Auf der Max-Roos-Straße im Vorort Schaerbeek im Nordosten von Brüssel herrscht Ausnahmezustand. Polizisten klopfen an Türen, befragen Hausbewohner. Journalisten klopfen an Türen, tun dasselbe. An jeder Straßenecke stehen Fernsehkameras. An den Geschäften sind die Rollläden heruntergelassen. Der Bäcker, der Tante-Emma-Laden, der Döner-Imbiss, alle haben geschlossen. Hier geht momentan nur vor die Tür, wer unbedingt muss.

Am Dienstag war in einem Müllcontainer der 130.000-Einwohner-Gemeinde das Testament von Ibrahim El Bakraoui gefunden worden. Am Morgen desselben Tages hatte er sich am Brüsseler Flughafen Zaventem in die Luft gesprengt und 14 Menschen mit in den Tod gerissen. El Bakraoui wohnte in der Max-Roos-Straße, im Haus mit der Nummer vier. Davor stehen jetzt Trauben von Journalisten, warten darauf, dass die Tür aufgeht und Nachbarn herauskommen. Bei einer Durchsuchung n der Nacht auf Mittwoch fanden die Polizisten in der Wohnung von El Bakraoui 15 Kilogramm Sprengstoff, Zünder, einen Koffer mit Nägeln und eine Flagge der Terrormiliz Islamischer Staat.

Video: Video zeigt die Zerstörung in der Flughafen-Halle

"Auch in Deutschland kann so etwas passieren"

Durch einen Spalt ihrer Haustür beobachtet Sabine Puthz-Laub das Tohuwabohu. Die Deutsche lebt mit ihrem Mann Wolfgang seit 30 Jahren in Schaerbeek, nur 50 Meter vom Wohnhaus El Bakraouis entfernt. Der Dienstag sei "aufregend" gewesen, sagt die pensionierte EU-Beamtin. Sie lag noch im Bett, als eine Freundin anrief und ihr von den Anschlägen erzählte. "Natürlich waren wir geschockt. Vor allem, als dann mittags viele Polizeiautos vor unserem Haus standen: schwerbewaffnete Polizisten liefen hin und her." Erst wurde das Ehepaar aufgefordert, das Haus nicht zu verlassen. "Später wurden wir dann evakuiert." Während Sabine Puthz-Laub erzählt, schüttelt ihr Mann nur den Kopf. Das Ehepaar hatte ohnehin überlegt, nach Aachen zu ziehen. Durch die Anschläge ist dieser Wunsch nur noch größer geworden. "Aber auch in Deutschland kann so etwas passieren, das ist klar", sagt Wolfgang Laub noch. Dann schließt er die Tür wieder.

Brüssel: Schweigeminute für Opfer der Terror-Anschläge

John Jairo Valderrama Navarro steht dagegen noch immer mitten auf dem Bürgersteig und beantwortet die Fragen der Journalisten. Er habe auf demselben Flur wie El Bakraoui gewohnt, sagt der Kolumbianer, der erst vor sechs Wochen eingezogen war. Einmal habe er Ibrahim El Bakraoui im Treppenhaus getroffen, ihn gegrüßt, aber keine Antwort bekommen.

Alain Boeckx lebt schon deutlich länger in der Gegend, seit 25 Jahren, nur 200 Meter vom Haus mit der Nummer vier entfernt. "Ich bin geschockt und traurig, habe aber keine Angst", sagt er. Auch die Evakuierung der Anwohner am Dienstag habe er mitbekommen. "Die Polizeisirenen waren nicht zu überhören." Boeckx spricht ruhig und überlegt. Bei Hilda van Rompaey hört man dagegen die Wut in der Stimme. Von den Anschlägen will sie sich nicht unterkriegen lassen. "Ich werde genauso weitermachen wie bisher", sagt die in schwarz gekleidete Frau. Sie fühlt sich trotz allem in ihrer Gemeinde sicher.

Bilder aus Schaerbeek nach den Durchsuchungen FOTO: RPO

Leben unter falschem Namen

Auch ein weiterer Brüsseler Stadtteil stand bereits vergangene Woche im Zentrum der Ermittlungen: Forest im Süden. Dort wurde bei einem Anti-Terror-Einsatz ein Verdächtiger von der Polizei erschossen. Khalid El Bakraoui, der als Attentäter in der Brüsseler Metro identifiziert worden ist, soll in Forest unter falscher Identität eine Wohnung angemietet haben.

Bisher hatte sich der Blick der Öffentlichkeit aber vor allem auf die Gemeinde Molenbeek konzentriert, die als Islamisten-Hochburg gilt. Hier, im Westen der Stadt, konnte Salah Abdeslam unterschlüpfen. Er soll einer der Hauptverantwortlichen für die Pariser Anschläge mit 130 Todesopfern im vergangenen November sein. Am Freitag wurde er nach mehrmonatiger Flucht in dem Viertel festgenommen.

Parallelgesellschaft

Molenbeek gilt seit Jahren als Problemstadtteil mit einer kaum zugänglichen Parallelgesellschaft. Die Arbeitslosenquote liegt bei rund 30 Prozent. Natürlich gebe es hier Probleme, sagt Ahmed El Khannou, der erste Beigeordnete der Bürgermeisterin und im Rathaus auch für das Thema Integration zuständig. Aber Molenbeek sei kein rechtsfreier Raum. Am Montag nach der Razzia und Verhaftung Abdeslams gab er noch auf dem Rathausplatz geduldig Interviews. Vorwürfe, die Bewohner des Viertels hätten Abdeslam geholfen, wies er brüsk zurück. "Molenbeek wird niemals einen Kriminellen wie diesen schützen. Niemals. Die Bevölkerung ist schockiert, angewidert."

Dass jetzt doch auch andere Orte in Brüssel ins Visier der Ermittler geraten, kommt Fremdenführer Bert de Bisschop wie eine Korrektur des Blickwinkels vor. "Die Konzentration auf Molenbeek war merkwürdig", sagt der Mann, der Führungen durch den verruchten Ort anbietet. Ein Molenbeeker Ehepaar klang auch schon vor den Anschlägen in Brüssel pessimistischer. "Wir waren nicht überrascht, dass Abdeslam in Molenbeek gefunden wurde", sagt der 41-Jährige. Seine Frau fällt ihm ins Wort: "Es ist einfach frustrierend. Es war hier vorher schon schwierig, aber okay. Jetzt misstraut jeder jedem." Das Ehepaar lebt seit fünf Jahren in Molenbeek. Sie beschreiben sich selbst als "weiße Mittelschicht". Was hier falsch läuft? "Die meisten Menschen versuchen einfach über die Runden zu kommen. Sie haben nicht die Energie und vielleicht auch nicht das Interesse, sich gegen kriminelle und terroristische Strukturen zu erheben."

Während die Ermittlungen weiter gehen, stockt der Alltag in Brüssel. Flughafen und Metro bleiben weitgehend geschlossen, Straßen gesperrt. Das Heulen der Polizeisirenen wird zum Grundrauschen der Stadt. Fremdenführer De Bisschop betont die positiven Seiten. Der Hort seiner Kinder in Molenbeek sei am Mittwochnachmittag geschlossen geblieben. Die Betreuer seien dann einfach in die Schule gekommen, um dort auf die Kinder aufzupassen. "Das ist ein Beispiel dafür, wie man so normal wie möglich mit dem Leben weitermachen kann", sagt de Bisschop. Seine Tochter werde einen schönen Nachmittag haben, wie an jedem anderen Mittwoch auch. Davon ist er überzeugt.

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