Deutsch-französische Missstimmung: Tiefe Krise zwischen Sarkozy und Merkel
VON MATTHIAS BEERMANN - zuletzt aktualisiert: 11.09.2007 - 07:02Paris (RP). Die Szene hat sich schon im Juli abgespielt, doch Nicolas Sarkozy gerät bis heute in Rage, wenn man ihn daran erinnert. Bei einem Treffen mit den EU-Finanzministern in Brüssel war Frankreichs Präsident mit Bundesfinanzminister Peer Steinbrück aneinander geraten.
Der Deutsche übte scharfe Kritik, warf Sarkozy vor, lieber milliardenschwere Steuergeschenke an seine Wähler zu verteilen, als sich an den mit den europäischen Partnern vereinbarten Sparplan zu halten. Daraufhin platzte Sarkozy.
"Was fällt ihnen ein, in diesem Ton mit mir zu reden!", raunzte er Steinbrück an. Seither ist der Name von Steinbrück in Paris ein rotes Tuch. Richtig sauer wegen des Zwischenfalls ist Sarkozy aber auf Angela Merkel. Dass die Bundeskanzlerin ihren Finanzminister wegen der rüden Attacke auf den französischen Staatschef nicht öffentlich gerüffelt hat, hat Sarkozy der "lieben Angela" bis heute nicht verziehen. Und auch sonst gärt im Elysée-Palast die Unzufriedenheit mit der Kanzlerin. Merkel, so bestätigt auch ein Deutschland-Kenner aus Sarkozys UMP-Partei, gehe dem Präsidenten "zunehmend auf die Nerven".
Es konnte wohl nicht ausbleiben. Denn da prallen zwei Charaktere aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Auf der einen Seite die bedächtige, bienenfleißige Merkel, vor jedem politischen Schritt vorsichtig zum Koalitionspartner SPD schielend.
Auf der anderen der hyperaktive, ungeduldige Sarkozy, jeden Tag mit einer neuen Initiative auf dem Markt und am liebsten ständig in den Schlagzeilen. Besonders mit seiner Art, anderen die politische Show zu stehlen, hat sich der quirlige Franzose im Kanzleramt schon mächtig unbeliebt gemacht.
Dass Sarkozy sich nach dem EU-Gipfel von Heiligendamm zuhause in Frankreich ganz unbescheiden als der eigentliche Architekt des Verhandlungserfolgs feiern ließ, übersah man an der Spree noch gnädig. Doch spätestens seit dem vom Elysée inszenierten Medienrummel um Sarkozys Rolle bei der Freilassung der bulgarischen Krankenschwestern aus libyscher Haft, ist die Verärgerung nicht mehr zu übersehen. Prompt wurde Sarkozys letzter Vorstoß in Berlin mehr als frostig aufgenommen.
"Sarkozy ist ein begnadeter Abstauber"
In einem Brief an Merkel hatte der Franzose vor dem Hintergrund US-Hypotheken-Krise gefordert, die Transparenz der Finanzmärkte zum Thema beim nächsten Gipfel der G-8-Staaten zu machen. Das Timing war perfekt: Mit seinem Vorschlag kam Sarkozy weltweit in die Schlagzeilen.
Doch im Kanzleramt fühlte man sich böse veräppelt - hatte Merkel eine entsprechende Initiative doch schon vor Monaten ergriffen. "Sarkozy ist ein begnadeter Abstauber", sagt Jean-Louis Missika, Professor für politische Kommunikation in Paris. "Aber mit seiner Strategie fährt er ein hohes Risiko. Und irgendwann wird er dafür den politischen Preis bezahlen müssen".
Doch einstweilen macht Frankreichs Präsident erst einmal weiter, und zwar im Alleingang. Den französischen Kandidaten für den vakanten Chefsessel beim Internationalen Währungsfonds IWF schickte er entgegen allen Gepflogenheiten ohne jede Absprache mit Berlin ins Rennen.
Auch bei der Regelung der Führungsprobleme beim Airbus-Konzern EADS versuchte Sarkozy, die deutsche Seite vor vollendete Tatsachen zu stellen. Auch deutsche Diplomaten können hinter vorgehaltener Hand inzwischen eine lange Liste von außenpolitischen Initiativen herunterbeten, bei der sich Sarkozy um die Ansicht der übrigen Europäer und insbesondere der Deutschen nicht geschert hat: "Der macht einfach, was er will."
In Paris glauben inzwischen viele, dass Sarkozy insgeheim nur eines im Kopf hat: Merkel auf internationalem Parkett als führende europäische Politikerin auszustechen. Und wie immer, wenn es im deutsch-französischen Verhältnis knirscht, kommt die britische Karte ins Spiel.
Einst wollte sich Gerhard Schröder aus der Exklusivbeziehung zwischen Berlin und Paris befreien, indem er gemeinsam mit dem damaligen Premierminister Tony Blair ein Strategiepapier verfasste, das in Paris prompt als Kampfansage aufgefasst wurde.
Nun reiste Merkel zu Blairs Nachfolger Gordon Brown nach London. Bei der Visite Ende August, so steckte es ein deutsches Delegationsmitglied freimütig der Presse, gehe es für Merkel vor allem auch darum, "auf gewisse Distanz zu Nicolas Sarkozy zu gehen". Deutlicher konnte das Warnsignal Richtung Paris kaum ausfallen.
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