Anschlag auf Bundeswehr-Soldaten: Todesfalle Afghanistan
VON HELMUT MICHELIS - zuletzt aktualisiert: 20.10.2008 - 21:54Kabul (RP). Der Kampf am Hindukusch wird immer blutiger. 997 Nato-Soldaten wurden seit 2002 getötet, auch 30 Deutsche starben. Die ausufernde Gewalt hat viele Gründe: die poröse Grenze zu Pakistan, Korruption und alte "Kriegsherren".
Es wird das verlustreichste Jahr für die Schutztruppe Isaf in Afghanistan: Mit dem heutigen Anschlag auf die Bundeswehr starben insgesamt 246 Nato-Soldaten, 14 mehr als im gesamten Jahr 2007. Die Opferzahlen steigen seit Beginn des Einsatzes 2001 stetig an. Die höchsten Verluste haben Amerikaner und Briten zu beklagen.
Außerdem kamen in den vergangenen zehn Monaten nach Schätzungen bis zu 4000 afghanische Zivilisten ums Leben. Dass die Terroristen auf sie keine Rücksicht nehmen, zeigt erneut das gestrige Selbstmordattentat in Kundus auf die Fallschirmjäger aus dem pfälzischen Zweibrücken: Fünf spielende Kinder wurden mit in den Tod gerissen. Auch Nato-Luftangriffe fordern immer wieder zivile Opfer, weil sich die Taliban gezielt in Dörfern verschanzen.
Für die Bundeswehr ist es längst der verlustreichste Einsatz ihrer Geschichte: 30 deutsche Soldaten und drei Polizisten starben in Afghanistan, 17 davon durch Angriffe.
Die radikal-islamistischen Taliban lernen offenbar ständig dazu. Sie schicken nicht nur Selbstmordattentäter, zünden Sprengfallen am Straßenrand oder feuern Raketen auf die Isaf-Lager ab, sondern fordern die Nato-Soldaten auch wieder verstärkt zum offenen Kampf heraus: Mitte September wurde der durch 4000 Isaf-Soldaten geschützte Transport einer Turbine zum Kajaki-Staudamm zur regelrechten Schlacht, in der 220 Taliban starben. Vor wenigen Tagen griff eine Taliban-Gruppe, unterstützt durch Selbstmordattentäter, offen den US-Stützpunkt Camp Salerno in der Ostprovinz Khost an. Die Attacke wurde jedoch abgewehrt.
Die Islamisten seien "mutiger geworden, und in letzter Zeit haben sie gefährliche Aktionen mit größerer Schlagkraft organisiert", stellte der kanadische General Richard Blanchette gegenüber der französischen Nachrichtenagentur AFP fest. Frankreich hatte es Ende August besonders hart getroffen: Taliban lockten Fallschirmjäger aus Toulouse bei Kabul in einen Hinterhalt und töteten zehn von ihnen.
Derzeit sind in Afghanistan rund 3320 deutsche Soldaten im Einsatz. Letzte Woche hatte der Bundestag mit großer Mehrheit das Mandat verlängert und dessen Obergrenze um 1000 auf 4500 Soldaten erhöht. Mit der Aufstockung reagierte der Bundestag auf die verschärfte Sicherheitslage. Der Nato-Oberbefehlshaber in Europa, US-General John Craddock, warf den Mitgliedsstaaten der Nato-Allianz gestern aber trotzdem "unzureichenden politischen Willen" vor. Die zahlreichen Vorbehalte einzelner Länder gegen bestimmte Operationen behinderten den Erfolg. So sperrt sich Deutschland bislang gegen den Einsatz vom Bodentruppen im Südosten Afghanistans, der besonders heftig umkämpft ist. Große Schwächen hat Isaf im Lufttransport. Deutschland stellt beispielsweise nur sechs Großraum-Hubschrauber, die zudem nicht alle einsatzfähig sein sollen.
Die 26 Nato-Staaten haben gegenwärtig knapp 50.000 Soldaten in Afghanistan stationiert. Doch eine militärische Faustregel besagt, dass man zur Befriedung und Kontrolle eines Landes pro 1000 Einwohner 20 Soldaten benötigt. Dies würde in Afghanistan, das flächenmäßig etwa doppelt so groß wie Deutschland ist, eine Streitmacht von weit mehr als 500.000 Mann erfordern.
Dennoch können die Taliban militärisch nicht gewinnen. Die Mehrheit der 31 Millionen Afghanen, ausgenommen die Paschtunen diesseits und jenseits der Grenze zu Pakistan, haben ihre Terrorherrschaft nicht vergessen und betrachten sie bis heute als Feinde.
Doch nicht allein die auf bis zu 16.000 Köpfe geschätzten Koran-Krieger sind für die Angriffe auf die Isaf verantwortlich. Dazu kommt eine unheilvolle Allianz aus Drogenbossen, die ihre Opium-Geschäfte gefährdet sehen, und von früheren Warlords aus dem Krieg gegen die Sowjetunion. Sie regieren in den Provinzen und haben nach UN-Angaben noch 200.000 Kämpfer unter Waffen. Präsident Hamid Karsai verschaffte vielen dieser heimlichen Machthaber im Land offizielle Regierungsposten und sogar Ämter bei Polizei und Justiz.
Afghanistan ist zudem in Sachen Korruption ein Fass ohne Boden. Millionen Euro Entwicklungshilfe versickern in dunklen Kanälen, statt der Bevölkerung zugute zu kommen. Die Afghanistan-Expertin der Stiftung Wissenschaft und Politik, Citha Maaß, forderte heute im "Kölner Stadtanzeiger" eine Absetzung des Gouverneurs der Provinz Kundus, Mohammad Omar, um die Sicherheit der deutschen Soldaten zu verbessern. Dieser Gouverneur sei zutiefst korrupt; den Attentätern werde sogar Unterschlupf gewährt.
Zu allem Überfluss ist die 2400 Kilometer lange Grenze zu Pakistan löchrig wie ein Sieb, die Rebellen können sich nach Anschlägen zurückziehen und fast unbegrenzt Waffen und Munition nach Afghanistan einschleusen. Über das Terrornetzwerk al Qaida kehren außerdem zahlreiche islamistische Kämpfer aus dem Irak zurück und sickern nach Afghanistan ein.
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