Kritik zurückgewiesen: Totenstille nach blutigen Unruhen in Usbekistan
zuletzt aktualisiert: 15.05.2005 - 22:22Andischan (rpo). Nach der blutigen Niederwerfung von Protesten im Osten Usbekistans hat eine Ärztin am Sonntag von rund 500 Todesopfern berichtet. Die Leichen würden in einer Schule in Andidschan aufgebahrt, sagte sie. Das Gebäude werde von Soldaten bewacht, Angehörige identifizierten die Toten. Die Stadt wirke wie ausgestorben, die Straßen sind menschenleer. Unterdessen hat die dortige Regierung die ausländische Kritik zurückgewiesen.
Die Zahl der Verletzten schätzte die Ärztin auf 2.000. In anderen Augenzeugenberichten war die Zahl der Toten zuvor mit 200 bis 300 angegeben worden.
Nach Angaben der usbekischen Nichtregierungsorganisation Animokur sind jedoch mindestens 600 Menschen getötet worden. In einer Schule in Andischan habe sie am Samstag 500 Leichen gezählt, weitere hundert Leichen in einer benachbarten Baufachschule, sagte die Animokur-Vorsitzende Gulbahor Turdijewa am Sonntagabend im usbekischen Namangan der Nachrichtenagentur AFP.
Die Ärztin berichtete telefonisch aus Andidschan weiter, Mitarbeiter der Stadtverwaltung versuchten, einen nahe gelegenen Flughafen zu erreichen, um dem Aufstand zu entkommen. Einige Organisatoren hätten unterdessen versucht, über die Grenze nach Kirgisien zu fliehen. Weitere Proteste gab es nach ihren Angaben in Andidschan nicht.
Der usbekische Menschenrechtsaktivist Abdugapur Dadabojew sagte, er habe getötete Polizisten und Soldaten auf den Straßen liegen sehen. Die Leichen von Zivilpersonen seien dagegen schnell geborgen worden. Einwohner von Andidschan berichteten von einer weitgehend ruhigen Nacht.
Usbekistan weist Kritik zurück
Die usbekische Regierung hat ausländische Kritik an der blutigen Niederschlagung von Protesten scharf zurückgewiesen. Der usbekische Präsident Islam Karimow gab die Zahl der am Freitagabend getöteten Menschen mit lediglich rund 30 an. Das Außenministerium dementierte Berichte von Augenzeugen und Menschenrechtsorganisationen, wonach Soldaten in der Stadt Andidschan das Feuer auf Demonstranten eröffneten und mehrere hundert Menschen erschossen. Der britische Außenminister Jack Straw, der dieses Vorgehen in einem BBC-Interview scharf kritisiert hatte, sei falsch informiert, erklärte die Regierung in Taschkent.
"Woher hat Jack Straw erfahren, dass die Sicherheitskräfte 'das Feuer auf Demonstranten eröffneten', wenn das überhaupt nicht stattgefunden hat?", hieß es in der Erklärung des usbekischen Außenministeriums. "Straw hätte erst analysieren sollen, was passiert ist, ehe er so laut Stellung bezieht." Der britische Außenminister hatte das Vorgehen der usbekischen Sicherheitskräfte bereits am Samstag verurteilt und am Sonntag im BBC-Radio von einer "klaren Verletzung von Menschenrechten, einem Mangel an Demokratie und einem Mangel an Offenheit" in Usbekistan gesprochen.
Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch äußerte die Befürchtung, dass die Regierung unter Präsident Islam Karimow die Unruhen als Vorwand zur verstärkten Unterdrückung von Oppositionellen nutzen werde.
Dagegen erklärte der russische Außenminister Sergej Lawrow, die Unruhen in Andidschan seien eine Provokation "von Gruppen ähnlich den Taliban" gewesen. Lawrow pflichtete damit der Darstellung der usbekischen Regierung bei, wonach es sich bei den Demonstranten um Islamisten handelt.
Prozess als Auslöser
Auslöser der Unruhen war ein Prozess gegen 23 Personen, denen Kontakte zu einer verbotenen islamischen Partei zur Last gelegt wurden. Demonstranten stürmten am Freitag das Gefängnis von Andidschan und befreiten rund 2.000 Häftlinge, unter ihnen auch die Angeklagten. Daraufhin schossen Soldaten in die Menschenmenge. Der usbekische Präsident Islam Karimow machte die Demonstranten für das Blutbad verantwortlich und warf dem Nachbarland Kirgisien vor, die Unruhen geschürt zu haben. Dort war die Regierung von Präsident Askar Akajew am 24. März von Anhängern der Opposition gestürzt worden.
In Andidschan, der viertgrößten Stadt Usbekistans, herrschte am Sonntagmorgen gespannte Ruhe. Die Demonstranten zogen sich Augenzeugen zufolge vom zentralen Platz in der Stadtmitte zurück, in den Straßen patrouillierten Soldaten.
Im nahe gelegenen Tefektosch an der Grenze zu Kirgisien kam es dagegen nach Angaben von Einwohnern zu Gefechten zwischen bewaffneten Männern und Regierungstruppen. Mehrere Soldaten seien getötet worden, bevor die Männer auf die kirgisische Seite geflohen seien, hieß es.
Zu Unruhen kam es am Samstag auch in der ostusbekischen Stadt Korasuw. Dort überrannten Demonstranten ein Gebäude der Finanzpolizei, setzen Fahrzeuge in Brand und verprügelten Grenzpolizisten, wie ein kirgisischer Beamter mitteilte. Kirgisien wies rund 6.000 Usbeken zurück, die in das Nachbarland zu fliehen versuchten. Korasuw war nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 zwischen beiden Ländern geteilt worden. Vor zwei Jahren zerstörten die usbekischen Behörden eine Brücke, die beide Stadtteile verband, um neue Handelsbeschränkungen durchzusetzen. Die Bewohner bauten die Brücke am Samstag wieder auf.
Die Regierung Karimows geht seit langem gegen Anhänger islamischer Gruppen vor, die sich außerhalb der staatlich autorisierten Moscheen zusammenfinden. Die Motive der Demonstranten sind jedoch nach ihren Angaben ebenso von der schlechten Wirtschaftslage in Usbekistan bestimmt.
Kirgisien richtet Lager für Flüchtlinge ein
Nach der Massenflucht ist am Sonntag ein erstes Flüchtlingslager im Nachbarstaat Kirgisien eingerichtet worden. In dem Lager in der Region Dschalal-Abad im Südwesten des Landes seien bereits knapp 600 Menschen eingetroffen, teilte das kirgisische Ministerium für Katastrophenschutz mit. Viele von ihnen seien verletzt.
Sie gehörten zu einer Gruppe von Menschen, die am Samstag nahe der Stadt Susak die gesperrte Grenze gewaltsam durchbrochen hätten. Ein Mitarbeiter des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen in Kirgisien sagte, noch hätten die kirgischen Behörden die Lage unter Kontrolle. Die UNO bereite sich aber angesichts weiterer erwarteter Flüchtlinge darauf vor, selbst aktiv zu werden.
Die usbekischen und kirgischen Behörden hatten nach einer vollständigen Grenzschließung am Sonntag einen Grenzübergang vorübergehend wieder geöffnet. In den kommenden fünf Tagen sollen Menschen die durch die Stadt Kara-Suu verlaufende Grenz wieder überqueren können. Bereits am Samstag hatten dort 3000 Flüchtlinge aus Andischan versucht, eine Brücke wieder aufzubauen, die Grenzbeamte zerstört hatten, um die Ausreise zu erschweren. Die Stadt Kara-Suu liegt rund 50 Kilometer östlich von Andischan.
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