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Fotografin Nilüfer Demir
"Ich wollte den verstummten Schrei des Jungen hörbar machen"

Toter Junge von Bodrum: Jetzt spricht Fotografin Nilüfer Demir
Der Vater des toten Jungen, Abdullah Kurdi (40), hat seine zwei Söhne und seine Frau bei der Flucht verloren. FOTO: ap
Bordrum. Der Umgang mit Bildern von Toten ist umstritten. Doch im Fall des toten Flüchtlingskindes am Strand vom türkischen Bodrum entschieden sich zahlreiche Medien in aller Welt für die Veröffentlichung. Jetzt beschreibt die Fotografin des Bildes, wie die Aufnahme entstand. Von Cenk Cigdem

Am 2. September gegen 6 Uhr fuhr Nilüfer Demir von der türkischen Nachrichtenagentur DHA an den westtürkischen Küstenort Akyaka im Bezirk Bodrum. Sie wollte Fotos von den chaotischen Zuständen machen, die dort seit drei Monaten herrschen, berichtet sie in einem Online-Beitrag.

Demir und ihre Kollegen hätten dabei ein Boot mit pakistanischen Flüchtlingen beobachtet, die von Akyaka aus gestartet waren und die griechische Insel Kos zum Ziel hatten. Dabei bemerkte die Journalistin zwei tote Kinder am Strand.

"Als ich den dreijährigen Aylan Kurdi sah, ist mir das Blut in den Adern gefroren", erinnert sie sich. "Aylan lag leblos in seinem roten T-Shirt und seiner blauen Shorts. 100 Meter weiter lag sein fünfjähriger Bruder Galip. Beide hatten weder Schwimmwesten noch Vergleichbares an, was sie vor dem Ertrinken hätte schützen können. Ich konnte nichts mehr für Aylan tun. Das hatte mich tief bestürzt."

Von Syrien nach München – die Route der Flüchtlinge FOTO: AP/Lefteris Pitarakis

Demir wollte jedoch nicht untätig bleiben und drückte den Auslöser ihrer Kamera. "Um wenigstens den verstummten Schrei der Jungen für alle hörbar zu machen", sagte sie. So entstand das Foto, das zum Symbol tausendfachen Leids wurde. Unter dem Hashtag #KiyiyaVuranInsanlik (in etwa: "Menschheit an die Küste gespült") lösten die Fotos auf Twitter zahlreiche Reaktionen aus.

Die toten Brüder gehörten der Nachrichtenagentur zufolge zu einer Gruppe von mindestens zwölf syrischen Flüchtlingen und machten mit ihrer Familie ebenfalls die gefährliche Überfahr zur Hafenstadt Kos. Unter den Toten seien insgesamt drei Kinder. Fünf der Flüchtlinge würden noch vermisst. Einige Migranten konnten nach dem Unglück zurück zur türkischen Küste schwimmen, hieß es weiter.

Auch der Vater äußerte sich inzwischen zum Drama. "Ich half meinen beiden Söhnen und meiner Frau und versuchte mehr als eine Stunde lang, mich am gekenterten Boot festzuhalten. Meine Söhne lebten da noch. Mein erster Sohn starb in den Wellen, ich musste ihn loslassen, um den anderen zu retten", sagte er dem oppositionellen syrischen Radiosender Rosana FM. Weinend fügte der Vater hinzu, dass trotz seiner Bemühungen auch der andere Sohn gestorben sei. Als er sich dann um seine Ehefrau habe kümmern wollen, habe er sie tot vorgefunden. "Danach war ich drei Stunden im Wasser, bis die Küstenwache ankam und mich rettete."

Er habe den Schleusern 4000 Euro für die Überfahrt seiner Familie gezahlt. Der Menschenschmuggler an Bord sei nach Beginn des hohen Wellengangs ins Wasser gesprungen, um sich in Sicherheit zu bringen. Die Flüchtlinge überließ er ihrem Schicksal.

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