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20 Jahre später
Tschernobyl: Mit dem Bus durch die Todeszone

Strahlenbelastung in Deutschland
Strahlenbelastung in Deutschland FOTO: AP
Tschernobyl (RP). "Die Zone”, brummt der schlecht gelaunte Busfahrer, tritt auf die Bremse. Er schaut auf das Heiligenbild vor ihm, dann auf das
Strahlenmessgerät. 19 Mikroröntgen pro Stunde, in Ordnung. Am Zaun warnen Schilder in Ukrainisch: "Radioaktivität!” Ein Offizier überprüft die Pässe. Ohne Behördenerlaubnis kommt man hier nicht rein. "Gute Fahrt”, sagt er, zieht die Schranke hoch. Dahinter führt eine leere Straße in einen Wald hinein. 30 Kilometer weiter liegt Tschernobyl, die strahlende Ruine. Wir sind in einer unheimlichen, lebensfeindlichen Welt.
Von Alexei Makartsev

1986 wurden 200.000 Menschen aus dem 30-Kilometer-Umkreis um den Reaktor evakuiert. Fast 100 Städte und Dörfer wurden geräumt. Seitdem lebt die entvölkerte "Zone” nach eigenen Gesetzen. Laut Legenden gebar sie unglaubliche Geschöpfe, die den verseuchten "roten Wald” bewohnten: Wolfshunde und wilde Katzen, die Menschen befielen. "Alles Märchen”, sagt Maxim, ein Mitarbeiter des Katastrophenschutzes, während der Bus an verfallenen Milchfarmen vorbeifährt. "In den Kühlwasserkanälen am Kraftwerk gibt es aber wirklich zwei Meter große Fische. Wer sie berührt, riskiert radioaktive Verbrennungen.”

Maxims erste Regel lautet: Draußen nichts essen. "Die Gefahr ist groß, dass sie Plutoniumstaub verschlucken, der Krebs verursachen kann”, sagt der junge Mann. Zweite Regel: Auf festen Wegen bleiben, nicht ins Gras gehen. Man könnte sonst in einen "strahlenden Fleck” treten. Beim Tschernobyl-GAU wurden etwa 200 gefährliche Substanzen freigesetzt. Manche wie das radioaktive Jod zerfielen schon nach acht Tagen. Andere wie Cäsium-137 oder Strontium-90 werden noch bis 2036 strahlen. Am schlimmsten sind die kilometergroßen Plutonium-Flecke westlich des Reaktors ­ sie bleiben noch 24.000 Jahre kontaminiert.

Einsame Straßen

Die Stadt Tschernobyl liegt 20 Kilometer südlich des Kraftwerks. Das
Dosimeter zeigt hier 32 Mikroröntgen pro Stunde, die Obergrenze der Norm. Wir fahren durch einsame Straßen, vorbei an zugenagelten Geschäften und gelbblauen Telefonzellen aus der Sowjetzeit. Am Straßenrand steht eine alte "Ehrentafel der besten Arbeiter”. In Tschernobyl und auf dem AKW-Gelände arbeiten 3900 Menschen. Viele pendeln mit einem Zug aus der Stadt Slawutitsch außerhalb der "Zone”.

Andere leben 15 Tage lang hier und erholen sich 15 Tage zu Hause. Die Zonen-Arbeiter sammeln radioaktiven Müll, sie sichern das Sperrgebiet und flicken den Sarkophag über dem Unglücksreaktor.
Für ukrainische Verhältnisse werden sie gut entlohnt: Die Gehälter reichen bis 600 Euro im Monat. Die Gefahr für die Gesundheit wird verdrängt. Es ist so leicht: Die Strahlung sieht und spürt man nicht.

Der Bus hält 500 Meter vor dem Sarkophag. Im "Herzen” der Zone beträgt die Strahlung 740 Mikroröntgen pro Stunde, das 30-fache der Norm. Nur 20 Minuten dürfen sich Besucher in der Nähe des riesigen Eisenbetonklotzes aufhalten, auf dem Menschen in Atemmasken arbeiten. "Sie reparieren die Hülle”, erklärt Sergej, ein Ingenieur. Im Inneren des maroden Kolosses geht die Kettenreaktion weiter. 200 Tonnen Uran birgt die Ruine.

Krank vor Angst

Man befürchtet, dass der Sarkophag einstürzen könnte ­ mit fatalen Folgen. Sergej, der seit zehn Jahren in der Zone arbeitet, spricht davon so gelassen, als ginge es um kochende Kartoffeln auf dem Herd. Ebenso locker beantwortet er Fragen über die Strahlengefahr: "Wissen Sie, warum Menschen krank werden? Nicht von der Radioaktivität, sondern weil sie in Angst leben.”

Nächster Halt: Geisterstadt Pripjat, vier Kilometer vom Reaktor entfernt.
Oleg Sujkow (35) steht im Sportsaal seiner ehemaligen Schule. Durch die
Fenster sieht man den Wald, der auf dem Schulhof wächst. "Am Tag der
Katastrophe hatten wir zum letzten Mal Unterricht”, erzählt der
Marketingchef einer Kiewer Firma. "Alle Schüler mussten wegen der Strahlung Jodmilch trinken. Aber niemand machte sich Sorgen.” Wie alle 50.000 Einwohner wurde Oleg einen Tag nach der Katastrophe aus Pripjat evakuiert. Seine Familie musste ihre Habe zurücklassen. Als er zehn Jahre später seine Stadt wiedersah, kamen ihm die Tränen: Im Schulzimmer stand auf der Tafel noch seine Klassenarbeit vom 26. April 1986.

Invaliden - wegen des Gau's

"Es war wie gestern”, sagt Oleg, der sich durch das Gebüsch den Weg zum Eingang seines Hauses bahnt. Die Pflanzen erobern ihren Lebensraum zurück. Die Wege sind mit Gestrüpp überwuchert, auf den Straßen wachsen Birken, Kletterpflanzen dringen durch offene Fenster ins Haus. In Olegs Wohnung sieht es wüst aus. Die Plünderer waren hier. "Das Schlimmste”, sagt er stockend, "das Schlimmste ist, dass mir nichts aus der Kindheit geblieben ist: kein Haus, keine Spielzeuge, keine Bücher.” Wenigstens ist Oleg gesund, das glaubt er jedenfalls. Seine Eltern sind nach dem GAU Invaliden geworden.

Letzte Station in der "Zone” ist das Dorf Iljinzy, das früher 700 Einwohner hatte. 36 Menschen leben hier, illegal in ihre verstrahlte Heimat zurückgekehrt, um dort zu sterben. Beim Verlassen der Zone gehen wir durch eine Sicherheitsschleuse. Grüne Lampen blinken, jemand seufzt erleichtert. Als sich der Schlagbaum hinter dem Bus schließt, färbt sich der Abendhimmel über dem Tschernobyl-Wald in zartem Rosa ­ noch ein letztes Foto. Doch der nun heitere Busfahrer gibt schon Gas.

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