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Analyse
Erdogans Kampf gegen den Staatsfeind Gülen

Türkei: Erdogans Kampf gegen den Staatsfeind Gülen
Für die türkische Regierung ist klar: Fethullah Gülen steckt hinter dem Putschversuch. FOTO: dpa, lb cul sab
Ankara/Düsseldorf. Für Präsident Erdogan ist Fethullah Gülen Drahtzieher des türkischen Putschversuchs. Das zu behaupten, ist vor allem Taktik. Gülens Bewegung ist kein islamisches Scientology, sondern ein wichtiger Akteur der Zivilgesellschaft. Von Heiner Barz

Wo Rauch ist, muss auch Feuer sein - nach dieser Devise greifen viele Beobachter auch in Deutschland die Anschuldigungen des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan gegenüber der Gülen-Bewegung auf. Anhänger von Erdogans Partei AKP - oder sollte man sagen: Erdoganisten? - weisen immer wieder auf Fethullah Gülen als vermeintlichen Rädelsführer des Putschversuchs hin: "Das ist eine Sekte!" Als sei damit alles gesagt: Gehirnwäsche, Bewusstseinskontrolle, Zwang gegen Abweichler, Abkapselung, striktes Freund-Feind-Denken, autoritäre Hierarchie, Führerkult, Geldgier und so weiter.

Was, wenn Erdogan doch recht hätte? Das ist die Leitfrage. Die veröffentlichte Meinung in Deutschland ist einigermaßen verunsichert, wenn es um Gülen und seine Anhänger geht.

Den einen erscheint Gülen als besonders perfider Sektenführer, der sein fundamentalistisches Machtstreben nur besonders gut tarnt. Seine Anhänger stellt man sich als ferngesteuerte Vollstreckungsgehilfen eines geheimen Welteroberungsplans vor.

Die zweite Wahrnehmungslinie sieht in Gülens Lehren den überfälligen Versuch, die islamische Überlieferung mit der modernen Leistungsgesellschaft in Einklang zu bringen. Gülens Anhänger verweigern sich demnach der Alternative "Entweder Islam oder Moderne". Gülens Überzeugungen erinnern Religionswissenschaftler an die "innerweltliche Askese", wie sie der große Soziologe Max Weber als Wesensmerkmal des Protestantismus beschrieben hat. Die Gottsuche wird nicht im Eremitentum praktiziert, sondern der rechte Glaube soll sich im tätigen Leben bewähren.

Anders als oft behauptet wird, hat Gülen keine konkrete politische Agenda

Die Verbindung zwischen einer tief spirituell geprägten persönlichen Lebensführung und einer enormen Außenwirkung, in der neben Wirtschafts- und Medienunternehmen vor allem Bildungseinrichtungen weltweit entstanden sind, ist im islamischen Raum einzigartig - und etwa mit der Muslimbruderschaft überhaupt nicht vergleichbar. Anders als oft behauptet wird, hat Gülen keine konkrete politische Agenda. Der "Dienst" ("Hizmet"), zu dem er die Menschen auffordert, richtet sich mehr auf das Hier und Jetzt: Kampf gegen Armut und Unbildung, Glaubensvermittlung, religiös begründete Lebensführung, Anspruchslosigkeit, Opferbereitschaft. Als Zukunftsvision gilt ein neues Zeitalter, das durch Frieden und Toleranz eine gemeinsame Zivilisation hervorbringen soll.

Die Gülen-Anhänger mit ihrer Bemühung, die Bildungsbenachteiligungen türkischstämmiger Schüler durch eigene Schulgründungen zu beseitigen, sind in dieser Perspektive eher als zivilgesellschaftliche Graswurzel-Bewegung zu verstehen. Auch wohlhabende Muslime zahlen dafür gerne den "Zakat", also die freiwillige Spende, das islamische Pendant zu unserer Kirchensteuer.

Die Sektengefahr wird zum Beispiel von den vermeintlich allzuständigen Sekten-Experten der großen Kirchen beschworen. Die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen strickt kräftig am Feindbild der verschworenen Untergrundorganisation. Die zweite Richtung der Kritik wurzelt im einst einflussreichen Kemalismus, also den Lehren des Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk. Aus dessen Sicht ist jede stärkere Hinwendung zu Religion und Tradition ein Rückschritt. Weil nach Eindruck vieler Beobachter ein großer Teil der intellektuellen Elite der Türkei in irgendeiner Form von Gülens Thesen inspiriert ist, muss der Kemalismus hier ein Feindbild sehen.

Unbestritten sehen auch Erdogan-kritische Oppositionelle in Gülen den Drahtzieher des Putschversuchs. Wer allerdings weiß, dass der oppositionelle Kemalismus in einer Art Soft-Islam die noch schlimmere Gefahr sieht, der wird den seltsamen Schulterschluss zwischen Erdoganisten und Kemalisten als Taktik einordnen - um sich selbst aus der Schusslinie zu bringen. Die am Putschversuch maßgeblich beteiligte Luftwaffe beispielsweise gilt bis heute als Hort der Atatürk-Anhänger. Wenn in der im Staatsfernsehen verlesenen Erklärung der Putschisten einige Male vom "allmächtigen Atatürk" die Rede war, dann ist für neutrale Beobachter klar, dass dies nicht die Handschrift einer religiösen Bewegung ist.

Expertin: Gülen-Bewegung ist eine bedeutende zivilgesellschaftliche Strömung

Während kirchliche Sektenjäger, fundamentalistische Säkularisten und Erdoganisten Gülens Anhänger als eine Art islamischen Scientology-Konzern stilisieren, findet sich in den wenigen wissenschaftlichen Studien zum Thema ein ganz anderes Bild: Eine von der amerikanischen Soziologin Helen Rose Ebaugh 2012 in verschiedenen Ländern erstellte Studie bewertet die Gülen-Bewegung als eine bedeutende zivilgesellschaftliche Strömung. Diese Interpretation wird von der Essener Migrationspädagogin Ursula Boos-Nünning oder dem Siegener Soziologen Wolf-Dietrich Bukow geteilt. Unter denjenigen, die die Integrationsimpulse von Gülens Reformislam positiv würdigen, sind prominente Politiker wie Rita Süssmuth oder Bill Clinton. Auch ein Gutachten der Stiftung Wissenschaft und Politik bilanzierte 2013, "dass die nach außen gerichteten zivilgesellschaftlichen Aktivitäten der Bewegung in Deutschland, ihr Engagement im Bereich der Bildung und des interreligiösen beziehungsweise interkulturellen Dialogs, der Integration von Migranten in die deutsche Gesellschaft dienen".

Dass unter den geschätzten weltweit zehn Millionen Anhängern Gülens etliche sind, denen man Fehler oder sogar Verbrechen nachweisen kann, wird kaum jemand bestreiten. Dass unter den Putschisten auch Gülen-Anhänger waren, ist ebenfalls wahrscheinlich. Dass Gülen aber der Anführer eines Staatsstreichs gewesen sein soll, ist für unbefangene Kenner der Gülen-Bewegung eher unwahrscheinlich.

Der Autor Heiner Barz (59) ist Professor für Bildungsforschung und Bildungsmanagement an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

Quelle: RP
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