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Reportage aus der Ukraine
Tulpen für Julia Timoschenko
Reportage aus der Ukraine: Tulpen für Julia Timoschenko
Jelena Afanasjewna hat Angst um Julia Timoschenko. FOTO: Doris Heimann
Charkow. Fünf rosa Tulpen hat Jelena Afanasjewna besorgt. Sie sind sorgfältig eingewickelt in eine silberne Papiermanschette. Jetzt trägt die Rentnerin ihren kleinen Blumenstrauß zu einem grauen Tor und steckt ihn dort zwischen die Eisenstäbe. „Die sind für Julotschka“, sagt die Frau in der geblümten Kittelschürze bewegt und kämpft gegen die Tränen, „es ist doch heute Feiertag.“ Von Aus Charkow Berichtet Doris Heimann

Hinter dem Eisentor mit den Stacheldrahtrollen liegt die berüchtigte „Katschanowka“, das Frauengefängnis in Charkow. Hier sitzt die ukrainische Oppositionsführerin Julia Timoschenko in Haft. Seit zehn Tagen ist sie im Hungerstreik, aus Protest gegen Misshandlungen bei einem Transport ins Krankenhaus.

Der Fall ist zu einem internationalen Skandal geworden: Westliche Politiker rufen mittlerweile zu einem Boykott der Fußball-EM auf, die die Ukraine in wenigen Wochen gemeinsam mit Polen ausrichten will.

Das Gefängnis heißt hier Besserungskolonie

Jelena Afanasjewna kommt öfter hierher, um ihre Solidarität mit „Julotschka“ zu zeigen. „Ich habe sie immer unterstützt, war früher Wahlbeobachterin für ihre Partei“, erzählt die 73-Jährige, die einst als Monteurin Raketen für die sowjetische Weltraumfahrt zusammenschraubte. „Ich habe große Angst, dass sie ihr etwas antun.“

Ein schwarzer Geländewagen mit abgedunkelten Scheiben fährt vor, das Gefängnistor öffnet sich. Es gibt den Blick frei auf akkurat angelegte Rasenflächen und Gehwege, dahinter stehen zweistöckige unverputzte Gebäude mit vergitterten Fenstern. Ein großes Schild über dem Tor wirbt für „Hochwertige Berufsbekleidung vom Hersteller – Werk der Katschanowka-Besserungskolonie.“

Feiertags fällt die Timoschenko-Demo aus

Manchmal organisiert der Charkower Verband von Timoschenkos Partei „Bjut“ Demonstrationen vor dem Gefängnistor. Doch heute ist der 1. Mai, und am Feiertag fällt die Demo aus.

Petr Ljutko ist darüber enttäuscht: Der Gründer der Bürgerinitiative „Demokratie“ aus dem Provinznest Ramny ist extra nach Charkow gereist, um für Timoschenko zu demonstrieren. „Sie ist doch nur deshalb in Haft, weil sie den Widerstand gegen die Machthaber vertritt“, sagt der pensionierte Leiter eines Viehzuchtbetriebs.

"Wir hoffen nur auf den Westen"

Er ist für einen Boykott der EM-Spiele in der Ukraine, selbst wenn es dem Land schaden würde. „Wir wollten diese EM 2012 nicht haben“, erklärt er seine Position, „Janukowitsch und seine Leute bauen jetzt mit Staatsgeldern Stadien und Hotels, und hinterher reißen sie sich das alles selbst unter den Nagel.“

Jelena Afanasewjna glaubt, der Westen müsse noch stärkeren Druck auf Janukowisch ausüben, um die von der EU geforderte Freilassung Timoschenkos durchzusetzen. „Vielleicht ein Einreiseverbot für unsere politischen Eliten oder ähnliche Sanktionen“, sagt sie, „wir hoffen nur auf den Westen.“

Den meisten scheint ihr Schicksal egal zu sein

Die Menschen vor dem Gefängnistor sind entrüstet über die Härte, die der ukrainische Präsident gegenüber seiner einstigen politischen Widersacherin zeigt. „Mir tut Julia Timoschenko einfach Leid, als Frau unter solchen Umständen“, sagt Ljudmila Wassiljewna, die etwas später zu dem Grüppchen gestoßen ist, „wir dachten ja wirklich, man lässt sie bald nach der Verurteilung frei.“ Doch stattdessen läuft gerade ein zweites Verfahrung gegen Timoschenko an – wegen Steuerhinterziehung und Unterschlagung. Im Falle eine Verurteilung drohen ihr bis zu 12 Jahre Haft.

Den meisten Menschen in Charkow scheint das Schicksal der ehemaligen Regierungschefin aber ziemlich egal zu sein. An diesem warmen Maifeiertag bummeln sie durch die Stadt, vorbei an grünen Linden und blühenden Kastanien. Zur traditionellen 1.Mai-Demonstration sind etwa tausend meist ältere Bürger erschienen. Sie schwenken rote Fahnen und Lenin-Portraits, ein Militärorchester spielt Marschmusik. „Naja, ich denke, dass Timoschenko nicht ganz ohne Grund im Gefängnis sitzt“, sagt ein Rentner mit Schirmmütze.

Angehörigen geben ihr noch maximal zehn Tage

Unterdessen befürchten Timoschenkos Angehörige, dass die durch den Hungerstreik geschwächte Politikerin bald sterben könnte. „Die Zeit läuft uns davon“, sagte ihre Tochter Jewgenija bei einer Pressekonferenz in Prag: „Ich weiß nicht, wie lange Mama noch hungern kann – vielleicht fünf oder zehn Tage.“ Jewgenia Timoschenko hatte ihre Mutter vor zwei Tagen im Gefängnis besucht. „Es geht ihr schlecht. Sie liegt die ganze Zeit, kann sich kaum bewegen und ist vom Hungerstreik geschwächt.“

Sie hoffe aber, dass ihre Mutter doch noch die Behandlung in Deutschland antreten könne. Ein Ärzteteam der Berliner Charité hatte Julia Timoschenko vor kurzem untersucht und einen Bandscheibenvorfall festgestellt. Die empfohlene Therapie in Berlin lehnen die ukrainischen Behörden aber ab.

Ihr Mann fleht sie an, den Hungerstreik abzubrechen

Timoschenkos Mann appellierte in einem offenen Brief an seine Frau, den Hungerstreik abzubrechen. Aleksandr Timoschenko, der in den 90er Jahren in der Ukraine in Haft saß, lebt mittlerweile im politischen Asyl in Tschechien. „Ich wende mich an meine Frau und die Mutter unserer Tochter mit der Bitte, den Hungerstreik zu beenden“, schrieb er auf Julia Timoschenkos Webseite.

Der Tod seiner Frau würde nur einem Menschen nützen: „dem gegenwärtigen Präsidenten Janukowitsch, der ihre physische Vernichtung will und weiter Folter und Erniedrigung gegen sie anwendet.“

Quelle: pst/rm/pst
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