Humanitäre Katastrophe droht: Über 1400 Tote im Kaukasus
zuletzt aktualisiert: 08.08.2008 - 21:58Tiflis (RPO). Die Kämpfe in Südossetien haben zahlreiche Menschen in die Flucht getrieben. Augenzeugen berichteten, die Hauptstadt Zchinwali sei schwer verwüstet worden. Wer kann, flieht auf das Land oder nach Nordossetien und versucht den schweren Kämpfen zu entkommen.
Im Kampf um die Vormacht in Südossetien sind durch Militäraktionen Russlands und Georgiens offenbar mehr als 1400 Menschen getötet worden. Der Präsident des nach Unabhängigkeit von Georgien strebenden Gebietes, Eduard Kokojty, machte eine georgische Offensive dafür verantwortlich, dass in der Hauptstadt Zchinwali "Über 1400 Zivilisten getötet" wurden, wie er der Nachrichtenagentur Interfax sagte. Die Angabe über die Zahl der Toten werde noch näher überprüft, kündigte Kokojty an. "Die Zahl 1400 beruht auf Informationen von Angehörigen", fügte er hinzu.
"Ich habe Leichen in den Straßen liegen sehen und auch rund um die zerstörten Häuser oder in Autos - überall Tote", sagte die 50-jährige Ljudmila Ostajewa. Sie ist mit ihrer Familie nach Dschawa geflohen, ein kleines Dorf an der Grenze zu Russland.
Wie viele Menschen den Kämpfen schon zum Opfer fielen, konnte Ostajewa nicht sagen: "Es ist unmöglich, die Leichen alle zu zählen. Aber es gibt kaum noch ein Gebäude in Zchinwali, das nicht beschädigt wurde." Andere Augenzeugen sprachen von einem Flammenmeer in der südossetischen Hauptstadt. Das wichtigste Krankenhaus der Hauptstadt wurde ebenfalls getroffen und musste seinen Arbeit einstellen, wie das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) bestätigte.
Ein Reporter der Nachrichtenagentur AP sah, wie Panzer und andere schwere Rüstung auch an der russischen Seite der südossetischen zusammengezogen wurden. Russland sieht sich schon seit langem als Schutzmacht der abtrünnigen georgischen Region und rückte deshalb gegen die einmarschierenden georgischen Truppen vor. Viele Zivilpersonen versprachen sich wiederum den größten Schutz von einer Flucht nach Russland.
"Ich habe miterlebt, wie die Georgier mein Dorf unter Beschuss genommen haben", sagte eine Frau, die ihren Namen nur mit Maria angeben wollte. Sie wirkte verstört und wollte kaum reden. Sie und andere Dorfbewohner hätten die Nacht in einem Feld verbracht. Als die Kämpfe bei Tagesanbruch dann weiter eskaliert seien, sei es ihnen gelungen, zur russischen Grenze zu fliehen.
Georgien bittet um internationale Hilfe gegen Russland
Der georgische Präsident Michail Saakaschwili hat die internationale Gemeinschaft zur Hilfe für sein Land im Konflikt mit Russland aufgerufen. "Wir sind ein freiheitsliebendes Land, das in diesem Augenblick angegriffen wird", sagte Saakaschwili dem US-Sender CNN.
Sein Land sei Opfer eine russischen Aggression. "Wenn man sie (die Russen) damit in Georgien durchkommen lässt, dann ist die Welt in Not." Saakaschwili verglich Russlands Eingreifen zugunsten der abtrünnigen georgischen Region Südossetien mit früheren Militärinvasionen der Sowjetunion: "Das ist wie der Angriff auf Afghanistan 1979. Es ist wie damals in der Tschechoslowakei, als die sowjetischen Panzer anrollten."
Saakaschwili warf der Regierung in Moskau vor, das Datum für ihre Angriffe auf sein Land mit Bedacht gewählt zu haben. "Man sieht, wie gut der Moment ausgewählt wurde: Es sind Olympische Spiele, niemand kümmert sich um Politik." Zudem sei die Welt durch den US-Wahlkampf abgelenkt, viele Politiker seien im Urlaub. "Das ist wirklich ein brillianter Zeitpunkt, um ein kleines Land anzugreifen", sagte Saakaschwili. Er warf Moskau vor, den Angriff bereits seit Jahren geplant zu haben, um Georgiens Orientierung nach Westen zu sabotieren: "Sie haben uns immer gesagt, wir schlagen gegen Euch zu, weil Ihr den Vereinigten Staaten nahe steht. "
Ausserdem ruft Michail Saakaschwili wegen des bewaffneten Konflikts die 2.000 georgischen Soldaten aus dem Irak zurück. Georgien stellte bisher nach den USA und Großbritannien das drittgrößte Kontingent der Koalitionstruppen im Irak. Saakaschwili sagte am Freitag dem US-Fernsehsender CNN, er ziehe die Soldaten wegen der Kämpfe in Südossetien aus dem Irak zurück.
USA schalten sich ein
Angesichts der Gefahr eines Krieges im Kaukasus haben die USA zu einer Waffenruhe in der georgischen Region Südossetien aufgerufen. Außenministerin Condoleezza Rice habe alle Parteien in dem Konflikt in Telefongesprächen aufgefordert, die Ruhe wiederherzustellen, teilte State-Departments-Sprecher Gonzalo Gallegos am Freitag in Washington mit. Er sagte nicht, mit welchen Führungspersönlichkeiten Rice telefoniert hat.
Die US-Regierung hat die Konfliktparteien in Südossetien zu einem sofortigen Waffenstillstand aufgefordert und eine aktive Rolle bei den Schlichtungsbemühungen angekündigt. Noch am Freitag werde ein Sondergesandter in die Konfliktregion entsandt, sagte Außenamtssprecher Gonzalo Gallegos in Washington. "Wir beteiligen uns an Vermittlungsbemühungen, um einen Waffenstillstand zu erreichen", sagte er weiter. "Wir fordern alle Parteien - Georgier, Südosseten und Russen - dringend auf, zu einer Deeskalation beizutragen und einen Konflikt zu vermeiden." Gallegos versicherte zudem, dass die USA "die territoriale Integrität Georgien unterstützen
Georgien hat bei den Vereinten Nationen eine zweite Dringlichkeitssitzung des Sicherheitsrats zu Südossetien innerhalb weniger Stunden gefordert. Nachdem die erste von Russland beantragte Dringlichkeitssitzung am Donnerstagabend (Ortszeit, Freitagmorgen MESZ) ergebnislos geblieben war, beantragte Georgien nach den Kämpfen am Freitag die zweite.
Der Sicherheitsrat verwarf einen russischen Resolutionsentwurf, weil der als Konfliktparteien lediglich Georgien und Südossetien, nicht aber auch Russland definiert hatte. Daran machten die USA ihre Ablehnung fest, verlautete aus amerikanischen UN-Kreisen. Auch Großbritannien und andere Ratsmitglieder seien nicht mit einer Definition als "georgisch-südossetischer Konflikt" einverstanden gewesen, von der ausgehend "alle Konfliktparteien" - und damit nicht auch Russland - aufgefordert wurden, der Gewalt zu entsagen und an den Verhandlungstisch zurückzukehren.
Angesichts der schweren Kämpfe in Südossetien ist der UN-Sicherheitsrat nun aber erneut zu einer Dringlichkeitssitzung hinter geschlossenen Türen zusammengekommen. Die Mitglieder stünden kurz vor einer Einigung auf einen Text, der die Konfliktparteien dazu auffordere, "jeglichen weiteren Akt von Gewalt zu unterlassen", sagte ein Diplomat, der namentlich nicht genannt werden wollte.
Die Dringlichkeitssitzung zum Konflikt um die abtrünnige georgische Provinz ist die zweite innerhalb von 24 Stunden. Nach der ersten Beratung äußerte der Sicherheitsrat seine Besorgnis über die Eskalation des Konflikts. Auf eine gemeinsame Erklärung konnte er sich jedoch nicht einigen.
Georgien spricht von fünf abgeschossenen russischen Jets
Die georgische Luftwaffe hat nach eigenen Angaben fünf Flugzeuge der russischen Armee über der abtrünnigen Provinz Südossetien abgeschossen. Das sagte ein Sprecher des Innenministeriums in Tiflis, Schota Utiaschwili, am Freitag der Nachrichtenagentur AFP. Die "erbitterten Kämpfe" in der südossetischen Hauptstadt Zchinwali gingen unterdessen weiter, sagte er.
Russische Kampfflugzeuge haben nach Angaben der georgischen Regierung georgische Stützpunkte bombardiert. Das Außenministerium in Tiflis teilte mit, es habe bei dem Angriff in Bolnissi Opfer gegeben. Zudem seien mehrer georgische Militärflugzeuge zerstört worden. Der Fernsehsender Rustawi 2 berichtete, es habe vier Tote und fünf Verwundete auf dem Luftwaffenstützpunkt Marneuli gegeben.
Die Gefechtslage veränderte sich laufend. Abends sagte Saakaschwili, die südossetische Hauptstadt Zchinwali werde "vollständig" von Georgien kontrolliert. Auch die anderen Teile des Gebietes "bis auf (das Dorf) Java" seien in der Kontrolle Georgiens. Zchinwali sei "beinahe vollkommen" durch georgischen Beschuss zerstört, berichtete Interfax. Die russischen Einheiten nahmen für sich in Anspruch, die georgischen Stellungen um Zchinwali "zerstört" zu haben.
Im Süden der Hauptstadt Zchinwali gebe es am Abend "erbitterte Kämpfe", teilte das russische Militär laut einer Meldung der Nachrichtenagentur RIA-Novosti mit. Insgesamt seien zwölf russische Soldaten getötet und 150 verletzt worden, sagte ein Sprecher der Truppen Interfax. Während der georgische Präsident Michail Saakaschwili am Abend sagte, seine Einheiten kontrollierten Südossetien nahezu umfassend, beanspruchten die südossetischen Unabhängigkeitskämpfer die Kontrolle über Zchinwali für sich.
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