Blutige Unruhen in China: Uiguren-Führerin spricht von 400 Toten
zuletzt aktualisiert: 08.07.2009 - 09:52Peking (RPO). Im Rahmen der blutigen Unruhen in der chinesischen Uiguren-Region Xinjiang sind nach Angaben des Uigurischen Weltkongresses rund 400 Uiguren von Polizisten getötet worden. Sie seien durch "Schüsse und Schläge" der Polizei ums Leben gekommen, schrieb die im Exil lebende Uiguren-Führerin Rebiya Kadeer am Mittwoch in einem Beitrag für die asiatische Ausgabe der Zeitung "Wall Street Journal".
Bei ihren Angaben berief sich die 62-Jährige auf eigene Quellen in der Provinz Xinjiang, die von den Uiguren als Ostturkestan bezeichnet wird. Nach offiziellen Angaben kamen bei den Auseinandersetzungen am Wochenende mehr als 150 Menschen ums Leben.
Die Proteste hätten sich mittlerweile über die Regionalhauptstadt Urumqi hinaus auf andere Teile der Provinz ausgeweitet, berichtete Kadeer. So gebe es auch unbestätigte Berichte über mehr als 100 Tote in der Stadt Kashgar. Besorgt zeigte sich die Uiguren-Führerin über verschärfte Sicherheitsmaßnahmen der chinesischen Behörden wie Hausdurchsuchungen und Festnahmen.
Kadeer erklärte, dass sie Gewaltanwendung auf beiden Seiten ablehne. Sie verurteile die "übertriebene Gewalt gegen Demonstranten" genauso wie die Übergriffe der Uiguren bei einer zunächst friedlichen Demonstrantion gegen den Tod zweier uigurischer Fabrikarbeiter am Wochenende. Peking wirft der Chefin des Uigurischen Weltkongresses vor, die Ausschreitungen angestiftet zu haben. Die Uiguren machen dagegen die chinesische Seite für die Gewalt verantwortlich.
Wegen der Ausschreitungen nimmt Chinas Staatspräsident Hu Jintao nicht am G-8-Gipfel in L'Aquila teil. Hu flog am Mittwoch von Italien aus zurück nach China, wie das Außenministerium in Peking mitteilte. Auch ein Besuch in Portugal wurde gestrichen.
Angesichts der blutigen Unruhen hat die Vorsitzende des US-Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, Peking zu einem Dialog mit den dort lebenden Uiguren aufgerufen. Die "scharfe Politik" der Staatsführung gegenüber der muslimischen Minderheit habe die Spannungen verschärft und für Verbitterung unter den Uiguren gesorgt, sagte die Demokratin in Washington. "Die chinesische Regierung muss Schritte unternehmen, um sicherzustellen, dass das Recht auf friedliche Meinungsäußerung geschützt ist", ergänzte sie.
EU zeigt sich "tief besorgt"
Die Europäische Union äußerte sich "tief besorgt" über die Ereignisse in Xinjiang. In einer Erklärung rief die schwedische Ratspräsidentschaft alle Seiten zur Zurückhaltung auf. Zugleich forderte sie China auf, das Recht auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit zu respektieren. Die EU fordere einen "friedlichen Ausgang" des Konflikts, hieß es in der Erklärung weiter.
Die chinesischen Behörden haben das Sicherheitsaufgebot nach den ethnischen Unruhen im Uiguren-Gebiet Xinjiang unterdessen massiv verstärkt. Tausende Soldaten und Polizisten marschierten am Mittwoch in der Provinzhauptstadt Urumqi auf. Die mit automatischen Schusswaffen ausgerüsteten Sicherheitskräfte riegelten die von Uiguren bewohnten Viertel ab. Über der Stadt kreisten Hubschrauber der Armee.
Ausgangssperre in der Nacht
Für die Nacht zum Mittwoch hatten die Behörden eine Ausgangssperre für die Hauptstadt der betroffenen Region erlassen, wo 2,3 Millionen Menschen leben. Die Sicherheitskräfte sind mit zahlreichen Kräften vor Ort, um Zusammenstöße zwischen den beiden den muslimischen Uiguren und Han-Chinesen zu verhindern. Sie setzten auch Hubschrauber ein.
Ungeachtet der Militärpräsenz gingen hunderte Uiguren mit Stöcken und Steinen bewaffnet auf die Straße. Sie versammelten sich unmittelbar vor einer Polizeikette, die zwischen ihrem Viertel und einem von Han-Chinesen bewohnten Stadtteil aufgebaut wurde.
Schon am Dienstag waren Han-Chinesen mit Knüppeln, Schaufeln und Messern bewaffnet durch Urumqi gezogen, um sich für die Übergriffe muslimischer Uiguren am Wochenende zu rächen. Die Polizei in Xinjiang hatte die Lage noch nicht unter Kontrolle gehabt, obwohl Hunderte Sicherheitskräfte in den Straßen patrouillierten.
Eine Gruppe von Uiguren griff am Bahnhof von Urumqi Menschen an, in einem anderen Stadtteil lieferte sich eine Gruppe von 200 zumeist weiblichen uigurischen Demonstranten ein Handgemenge mit der Polizei. Am Nachmittag waren rund 1.000 Han-Chinesen mit Knüppeln bewaffnet wütend durch die Straßen gezogen.
Die Gewalt ist ein herber Rückschlag für die chinesische Regierung, die zum 60. Jahrestag der kommunistischen Herrschaft im Oktober das Bild einer "harmonischen Gesellschaft" präsentieren wollte. Trotz des jahrelangen wirtschaftlichen Aufschwunges ist es noch nicht gelungen, die Gräben zwischen den Volksgruppen zu überwinden.
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