10.000 Delegierte verhandeln in Posen: UN-Klimakonferenz im Schatten der Finanzkrise
zuletzt aktualisiert: 01.12.2008 - 15:39Posen (RPO). Zu Eröffnung der UN-Klimakonferenz in Polen hat Ministerpräsident Donald Tusk die internationale Gemeinschaft aufgefordert, trotz der weltweiten Finanzkrise dem Klimaschutz Priorität einzuräumen. Der Weltklimarat macht Druck für einen Nachfolger des Kyoto-Protokolls.
Natürlich seien alle besorgt angesichts der Lage auf den Finanzmärkten, sagte Tusk am Montag in Posen. Finanzkrisen habe es immer gegeben, "aber unsere Arbeit für die Umwelt sollte zeitlos sein, sollte dauerhaft sein".
Der Exekutivdirektor des Weltklimarats (UNFCCC), Yvo de Boer, forderte: ein Nachfolgeabkommen für das 2012 auslaufende Kyoto-Protokoll müsse in einem Jahr vorliegen. "Die Uhr tickt", sagte er am Sonntagabend. "Die Arbeit muss schneller vorankommen." Die Finanzkrise habe bereits zur Verschiebung einiger Klimaprojekte zur Förderung sauberer Energien geführt. Die fallenden Ölpreise wiederum hätten zur Folge, dass Anreize für Investitionen in saubere Energien fehlten. Die Investoren sollten jedoch die Krise "als Chance für grünes Wachstum" sehen.
Der UNFCC-Direktor warnte, möglicherweise sei eine Vereinbarung im kommenden Dezember noch nicht unterschriftsreif. Wichtig sei jedoch, dass sich alle Beteiligten grundsätzlich auf den Klimaschutz verständigten. Einzelheiten könnten auch später ausgehandelt werden.
Umweltminister Gabriel glaubt nicht an schnelle Einigung
Bundesumweltminister Sigmar Gabriel dämpfte die Erwartungen an die Weltklimakonferenz. Im besten Fall könne die internationale Gemeinschaft dort das "Skelett" eines neuen Klimaabkommens vereinbaren, sagte der SPD-Politiker am Montag in Berlin. Im Laufe des kommenden Jahres gehe es dann darum, das "Skelett mit Fleisch" zu versehen. Dazu zählte der Minister konkrete Zusagen zur Minderung von Treibhausgasen. Erst 2009 werde der Druck dafür stark genug sein.
Die einzige Ausnahme werde die Europäische Union bilden, sagte Gabriel weiter. Sie wolle auf dem EU-Gipfel kommende Woche parallel zur heißen Schlussphase der Klimakonferenz eine mindestens 20-prozentige Minderung ihrer Treibhausgase von 1990 bis 2020 zusagen und 30 Prozent für den Fall, dass ein internationales Abkommen zustande komme.
Özdemir wirft Koalition Verwässerung der EU-Klimaziele vor
Die Grünen haben der Bundesregierung vorgeworfen, das Klimapaket der EU zu verwässern. Zu Beginn der Weltklimakonferenz im polnischen Posen am Montag warf Grünen-Chef Cem Özdemir vor allem der Union einen "Kardinalfehler" vor, weil sie die Lösung der Finanzmarktkrise und der Klimakrise nicht miteinander verknüpfe. "Die Union hat nicht begriffen, was die Zeichen der Zeit sind", sagte Özdemir.
Insbesondere kritisierte Özdemir die Verwässerung der EU-Zielvorgabe für die Reduzierung von Autoabgasen. Ursprünglich sollte der neue Grenzwert von 120 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer für Neuwagen ab 2012 gelten. Nun soll er auf Drängen einiger großer EU-Staaten, darunter Deutschlands, erst stufenweise bis 2015 eingeführt werden.
In Posen verhandeln rund 10.000 Delegierte über ein künftiges Weltklimaabkommen, das Ende 2009 in Kopenhagen geschlossen werden soll. Die Konferenz dauert bis zum 12. Dezember In den ersten zehn Tagen beraten die Delegierten in informellen Gruppen. Am 11. und 12. Dezember beginnt die Ministerrunde, die mit einer Erklärung von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon eingeleitet wird.
Greenpeace warnt vor finanziellen Folgen
Der Klimawandel wird Greenpeace zufolge weitaus schlimmere Auswirkungen als die Finanzkrise haben. "Die Folgen des Klimawandels werden die Folgen der Rezession auch finanziell weit in den Schatten stellen", sagte Greenpeace-Kampagnenchef Thomas Breuer am Montag im Südwestrundfunk.
Breuer formulierte drei Ziele: Die EU müsse ein starkes Klimaschutzpaket vorlegen und damit die Vorreiterrolle wieder übernehmen. Zudem müssten die USA wieder aktiv in die Klimaverhandlungen eintreten. "Und das dritte Signal ist ganz wichtig, dass die Industrienationen sich ganz klar zum Klimaschutz bekennen und sagen, dass sie mindestens 30 bis 40 Prozent bis 2020 ihre CO2-Emissionen reduzieren wollen."
Experten fordern gerechten Rahmen für Klimaabkommen
Führende Experten haben von den Teilnehmern der UN-Klimakonferenz eine gerechte Lastenverteilung zwischen Industrie- und Entwicklungsländern gefordert. "Der Kampf gegen den Klimawandel und der Kampf gegen globale Armut werden zusammen gewonnen oder verloren", heißt es in einem am Montag veröffentlichten Aufruf, den unter anderen der britische Ökonom Nicholas Stern, der frühere EU-Kommissar Franz Fischler sowie die deutschen Klimawissenschaftler Ottmar Edenhofer und Hans Joachim Schellnhuber unterzeichneten. Ein weltweites Klimaabkommen müsse "effektiv, effizient und gerecht" die Treibhausgas-Emissionen reduzieren.
Der Aufruf ist das Ergebnis einer Konferenz zur Klimagerechtigkeit, die gemeinsam von der Nichtregierungsorganisation Ökosoziales Forum Europa und dem Potsdamer Institut für Klimaforschung in Brüssel veranstaltet wurde. Die Teilnehmer beklagten dabei das Ungleichgewicht zwischen Industriestaaten, die hauptsächlich zum Klimawandel beigetragen hätten, und Entwicklungsländern, welche nunmehr die Hauptlast trügen.
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