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Dilek Mayatürk-Yücel im Interview
"Und Deniz wird freikommen"

"Und Deniz Yücel wird freikommen"
Dilek Mayatürk-Yücel (31) bedankt sich am 21. Juni in Berlin für den Theodor-Wolff-Preis, den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen, für ihren Mann. FOTO: dpa
Berlin. Die Frau des inhaftierten Journalisten Deniz Yücel hat ihn im Gefängnis von Istanbul geheiratet. Im Interview mit unserer Redaktion berichtet sie vom Kampf gegen die Willkür. Von Rena Lehmann

Seit Februar sitzt der Türkei-Korrespondent der Zeitung "Die Welt", Deniz Yücel, in Istanbul in Untersuchungshaft. Ihm wird Terrorpropaganda vorgeworfen, doch eine Anklage gibt es bislang nicht. Auch damit sie sich regelmäßig sehen können, haben er und Dilek Mayatürk im April im Gefängnis von Istanbul geheiratet. Im Interview erklärt die 31-jährige TV-Produzentin, die ihre Arbeit in München aufgab, wie sich ihr Leben verändert hat - und wie sie ihren Mann unterstützt.

Frau Mayatürk-Yücel, wie geht es Ihnen und Ihrem Mann in der Untersuchungshaft?

Mayatürk-Yücel Mir geht es gut. Ich gebe auf mich Acht, damit es mir weiterhin gut geht, denn das ist wichtig. Dazu motiviert mich Deniz' Situation. Wenn es ihm gut geht, geht es mir gut. Ich erlebe ihn als geduldig und stark. Soweit ich es bei den Besuchen sehen kann, ist er trotz der Isolation physisch und psychisch wirklich ziemlich kräftig. Er passt auf sich auf, ernährt sich bewusst, lässt sich die Haare schneiden und rasieren. Das sind keine überflüssigen Kleinigkeiten, sondern für einen Menschen in Einzelhaft sehr wichtige Dinge. Er ist jetzt ja schon fünf Monate isoliert. Das ist ein Verstoß gegen die grundlegenden Menschenrechte. Die Auswirkungen bemerkt man aber nicht sofort. Sie stellen sich schleichend ein, und das ist besonders fies. Heute geht es Deniz gut. Aber ich muss auch daran denken, wie es morgen wohl für uns sein wird.

Wie oft und unter welchen Bedingungen können Sie ihn sehen?

Mayatürk-Yücel Einmal pro Woche hinter einer Trennscheibe per Telefonhörer. Und einmal alle zwei Monate gibt es ein Gespräch ohne Trennscheibe. Zuletzt haben sie mir aber wieder einmal nicht erlaubt, mich neben Deniz zu setzen. Wenn sie ihn reinbringen, kann ich für drei bis vier Minuten neben ihm sitzen, dann muss ich mich ihm gegenüber setzen. Ich frage sie, was Schlimmes passieren könnte, wenn ich neben ihm säße. Es gibt keine Antwort. Und alle zwei Wochen können wir für zehn Minuten telefonieren. Deniz und ich und diejenigen, die das Telefon überwachen oder uns über die Kamera beobachten, wir sind bei jedem Kontakt ein Grüppchen.

Wie sieht sein Alltag aus?

Mayatürk-Yücel Es wird ihm verweigert, die Gemeinschaftsräume zu betreten, die für die Häftlinge in manchen anderen Blocks da sind. Deniz wird im neunten Zellenblock gehalten, wo größtenteils Gülen-Anhänger und Terrorverdächtige einsitzen. Er muss immer noch alleine Sport machen. Für die simpelsten und normalsten Dinge müssen wir kämpfen. Zum Beispiel, dass Deniz Briefe ausgehändigt werden. Briefe werden sowieso von einem Ausschuss gelesen. Zumindest haben wir jetzt erreicht, dass er türkische Briefe ausgehändigt bekommt. Da haben wir die Willkür ein Stückchen zurückdrängen können. Er darf nur eine bestimmte Anzahl von Kleidungsstücken haben. Wenn ich Deniz besuche, darf ich ihm Fotos geben. Aber auch da gibt es eine Obergrenze, nämlich zehn. Das elfte Foto darf er nicht bekommen, da muss er mir alte Fotos zurückgeben, damit er neue bekommen darf.

Wie hat sich Ihr Leben in der Türkei verändert, seit Ihr Mann inhaftiert ist?

Mayatürk-Yücel Alles hat sich verändert. Nur unsere Katze ist ganz die alte.

Ihr Mann hat Klage erhoben vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Was versprechen Sie sich davon?

Mayatürk-Yücel Wie Sie wissen, will der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Beschwerde von Deniz vorrangig behandeln. Die Türkei hat jetzt bis zum 24. Oktober Zeit, um auf die Beschwerdepunkte zu antworten. Gleichzeitig hat der Gerichtshof die Bundesregierung gefragt, ob sie eine Stellungnahme abgeben will. Die Bundesregierung hat erklärt, dass sie Deniz bei seiner Klage unterstützen will, und das stand auch in der Presse. Bis zum 24. September kann sie eine schriftliche Antwort an den Gerichtshof schicken. Eine andere Entwicklung ist, dass unsere Anwälte im Namen der Zeitung "Die Welt" eine Verfassungsbeschwerde in der Türkei eingereicht haben. "Die Welt" argumentiert, dass mit der Verhaftung ihres Türkei-Korrespondenten ein Problem entstanden ist, das auf juristischer Ebene diskutiert werden muss: Ihre Leserschaft ist in ihrem Recht auf freien Zugang zu Informationen eingeschränkt worden.

Rechnen Sie damit, dass Ihr Mann bald entlassen wird?

Mayatürk-Yücel Als eine Frau, die in der Türkei aufgewachsen ist, weiß ich sehr gut, dass Entwicklungen und Veränderungen, die in irgendeinem europäischen Land sehr schleppend vorangehen, aber dafür auf einer rational nachvollziehbaren Grundlage, und vielleicht ein Jahr brauchen, in der Türkei über Nacht geschehen können. Sie wachen auf und plötzlich ist alles ganz anders. Deshalb ist es sehr schwer, irgendetwas für die Türkei vorauszusagen. Unsere Anwälte tun, was rechtlich getan werden muss. Darauf beziehe ich mich. Unser Anwalt ist die einzige Stimme, auf die ich vertraue. Aber die Mühlen der Justiz mahlen nun einmal langsam, oder sie mahlen gar nicht mehr, vielleicht ist das Mahlwerk kaputt, egal. Aber es gibt internationale Rechtsnormen. Die werden eines Tages nach Vorschrift angewendet werden müssen. Und Deniz wird entsprechend freikommen. Nicht auf Grundlage abwegiger Szenarien.

Das Interview mit Dilek Mayatürk-Yücel haben wir schriftlich geführt. Übersetzung: Oliver Kontny

Quelle: RP
 
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