Abschreckung oder Sicherheitsrisiko in Europa: US-Atomwaffen werden zum Zankapfel der Nato
zuletzt aktualisiert: 10.05.2010 - 17:23Fliegerhorst Kleine Brogel/Belgien (RPO). Jeder der zehn bis zwanzig 3,5 Meter langen Metallzylinder auf dem Fliegerhorst Kleine Brogel in Belgien hat eine um ein Vielfaches größere Sprengkraft als die Bombe, die Hiroshima zerstörte. Überholt und unerwünscht, ein Überbleibsel aus dem 20. Jahrhundert, sind die ältesten amerikanischen Atomwaffen zu einem Zankapfel innerhalb der Nato geworden.
Schätzungsweise 200 Atombomben vom Typ B-61 gibt es noch auf sechs Luftwaffenstützpunkten in Europa: Neben Kleine Brogel in der Provinz Limburg entfernt, sind dies der Fliegerhorst Büchel in der Eifel, Volkel in den Niederlanden, Ghedi Torre und Aviano in Italien sowie Incirlik in der Türkei. Die Frage ist nicht nur, warum sie überhaupt noch da sind - sondern auch, wie sicher sie sind.
Militärisch sinnlos
Auf Kleine Brogel, je 80 Kilometer von Brüssel und von Mönchengladbach entfernt gelegen, hat vor Jahren schon Al-Qaida ein Auge geworfen. Zudem stellten Inspektoren der US-Luftwaffe auf den meisten der sechs Bombenstützpunkte Sicherheitsmängel fest. Und schließlich gelang es Atomwaffengegnern vor drei Monaten, ungehindert einen Kilometer tief auf das Gelände bis zu den Bunkern vorzudringen.
"Das war ein Schreck", sagte Theo Kelchtermans, der Bürgermeister des Nachbarortes Peer. "Ich hoffe, dass diese Bomben verschwinden." Damit spricht er nicht nur dem deutschen Außenminister Guido Westerwelle aus dem Herzen, der sich für den Abzug der letzten US-Nuklearwaffen aus Europa stark macht. Auch der frühere Nato-Generalsekretär Willy Claes, ein Belgier, findet, dass die Zeit der Bomben vorbei ist. "Das Vorhandensein taktischer Nuklearwaffen in Europa ergibt vom militärischen Standpunkt aus keinen Sinn mehr", sagte er.
Lastenteilung im Bündnis
Andere halten daran fest wie an einem Glücksbringer. Für den ehemaliger belgischer Starfighter-Piloten Oberstleutnant Roger Lams sind sie quasi der Leim, der das transatlantische Bündnis zusammenhält. "Die Bomben werden nicht abgezogen", bekräftigt der 73-Jährige, der in Kleine Brogel ein kleines Fliegermuseum eingerichtet hat. Er verteidigt das System der "nuklearen Teilhabe" der Europäer, die im Ernstfall die Bomben ins Ziel fliegen müssten und dafür ein Mitspracherecht beim Einsatz bekämen: "Das verteilt die Last."
Die Debatte darüber brach vorigen Monat auf dem Nato-Außenministertreffen im estnischen Tallinn auf und dürfte mindestens noch bis zum Nato-Gipfel im November in Lissabon dauern, wo das Bündnis erstmals seit 1999 wieder ein strategisches Konzept vorlegen will. Neben dem Wunsch nach einem kernwaffenfreien Europa gibt es in der Allianz auch Bedenken, dass ein Abzug der US-Waffen die transatlantische Bindung lockern könnte. Gerade den osteuropäischen Bündnismitgliedern ist mit Blick auf Russland der Gedanke nicht geheuer. US-Außenministerin Hillary Clinton erklärte, dass jede Verringerung des Arsenals in Europa mit gleichen Schritten Russlands einhergehen müsse.
Tornado-Ersatz käme teuer
Daheim und in Europa verfügen die USA über schätzungsweise 1100 taktische Atomwaffen, Russland über mindestens 2000. Ungeachtet des START-Abrüstungsvertrags für Interkontinentalraketen scheint Moskau nicht geneigt, über Kurzstreckenwaffen verhandeln zu wollen. Russland habe bereits alle seine taktischen Atomwaffen aus den früheren Sowjetrepubliken und Ostblockländern zurückgeholt, erklärte Nato-Botschafter Dmitri Rogosin. "Wir erwarten jetzt Schritte von amerikanischer Seite."
Die alten Atombomben aus Zeiten des Kalten Kriegs heute zur "Abschreckung" Russlands einsetzen zu wollen, findet er "sinnlos, idiotisch". Für Rogosin sind das "Spielzeuge", die weder Europa noch den USA, sondern nur noch der Nato-Bürokratie nutzten.
Letzten Endes sind vielleicht weniger strategische Überlegungen als vielmehr Sparzwänge ausschlaggebend. Die europäischen Verbündeten müssten alle in den nächsten Jahren ihre überalterten Kampfflugzeuge ausmustern und Nachfolgemodelle für teures Geld zum Abwurf von Atombomben nachrüsten. Deutschland wäre als erstes dran, die Tornados des Jagdbombergeschwaders 33 in Büchel durch nuklearfähige Eurofighter zu ersetzen. Das dürfte schätzungsweise 300 Millionen Euro kosten, und es müsste bald darüber entschieden werden. Nato-Kreise halten es für unwahrscheinlich, dass der Bundestag solche Summen freigibt.
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