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Republikaner nach Wahl-Niederlage am Boden
Die Schuldzuweisungen beginnen
US-Wahl 2012: So sehen Verlierer aus
US-Wahl 2012: So sehen Verlierer aus FOTO: afp, David Becker
Düsseldorf. Die USA haben Barack Obama als US-Präsident wiedergewählt und Mitt Romney eine nach Wahlmännerstimmen klare Niederlage beschert. Es dauerte über eine Stunde, bis der geschlagene Republikaner seine Niederlage einräumte. Die Kritik an Romney wird lauter. Die Republikaner stehen vor einer Zerreißprobe. Von Nicolas Berthold

Für Mitt Romney, seinen möglichen Vize Paul Ryan, Romneys Team und die Millionen Wähler kommt das Ergebnis einer schallenden Ohrfeige gleich. Bis zum Schluss hatten die Republikaner für den Sieg gekämpft - und gehofft.

Ihre Hoffnungen schienen durchaus berechtigt, schließlich hatten die Umfrageinstitute bis zum Schluss ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Amtsinhaber Barack Obama um den Einzug ins Weiße Haus prognostiziert.

Romney gewinnt 24 Staaten

Für Romney ist ein Blick auf die Landkarte der gewonnenen US-Bundesstaaten ernüchternd. Zwar konnte er 24 Staaten nach dem „Winner-takes-all-“Prinzip für sich entscheiden. Und auch nach dem "Popular Vote", der Anzahl absoluter Wählerstimmen, liegt Romney nur knapp hinter Obama. Allein genützt hat es dem Multi-Millionär nicht.

Obama siegte in den wichtigen Staaten – den hart umkämpften „Swing States“ und den Bundesstaaten, in denen es viele Wahlmännerstimmen zu gewinnen gibt. Zudem hat es Romney nicht geschafft, Wählergruppen von sich zu überzeugen, die in den USA immer stärker an Gewicht gewinnen: Latinos, Asiaten, Afro-Amerikaner. In diesen entscheidenden Wählerschichten dominierte Obama den Diskurs und ließ den zurückhaltenden Romney links liegen.

Romney war zu sehr Romney

Romneys Problem war, dass Romney offenbar zu sehr Romney war. Kritiker argumentieren, dass er ein Kandidat von gestern sei. Bei seiner klassischen Klientel lag er in Umfragen deutlich vorn - den Senioren, Kirchgängern, Waffenbesitzern oder Vorort-Bewohnern.

Das Problem: Deren Einfluss schwindet massiv. Vor 20 Jahren machten weiße Wähler noch 90 Prozent der Wahlberechtigten aus – heute sind es nur noch gut 70 Prozent. Tendenz weiter fallend. Obama schien diesen demografischen Wandel früher erkannt zu haben. Vor Wochen erklärte er, dass Romney sich im Falle einer Wahlniederlage von der "am schnellsten wachsenden demografischen Gruppe im Land entfremdet“ habe - den Latinos.

Pannen-Mitt konnte Image nicht abstreifen

Viele Amerikaner setzten letztlich auf Kontinuität und erteilten dem Experiment mit Romney eine Absage. Dem aufgrund seiner zahlreichen verbalen Patzer auch als „Pannen-Mitt“ verschrieenen Politiker war es während des Wahlkampfs nicht gelungen, sein Image des herzlosen Finanzhais abzustreifen.

Die Meinungen enttäuschter Wähler sind beispielhaft. "Ich habe mir das angeschaut", sagte die zweifache Mutter Tamara Johnson aus Apex in North Carolina. "Ich hatte nicht das Gefühl, die Antworten zu bekommen, die ich hören wollte oder musste." Romney sprach im Wahlkampf zwar oft vom Amerikanischen Traum, überzeugen konnte er die Wähler allerdings nicht.

Niederlage nur zögerlich eingeräumt

Der im Geschäftsleben erfolgsverwöhnte Romney räumte seine Niederlage zögerlich, aber gefasst ein. Erst mehr als eineinhalb Stunden nach der Entscheidung trat der Hoffnungsträger der Republikaner in Boston vor seine enttäuschten Anhänger und gratulierte Obama zur Wiederwahl.

Nach dem durchwachsen geführten Wahlkampf (schlechter Start, solides Ende) und der Quittung an den Wahlurnen stellen sich nun viele Republikaner die Frage, wie es mit der stolzen Partei weiter geht. Die Republikaner geben ein zerrissenes Bild ab. Vielen Wählern ist die Partei zu weit nach rechts gerückt. Tea-Party und evangelikale Hardliner üben vermehrt Druck aus.

Gut möglich, dass die "Grand Old Party" die Schuld allein beim Kandidaten sieht und ihn als Versager abstempelt. Mit dem "moderaten Mitt" sind viele Konservative ohnehin nie warm geworden.

Immer mehr Romney-Kritiker

Und so steigt die Zahl der Romney-Kritiker innerhalb der „Grand Old Party“ – viele meldeten sich bereits nach den ersten Ergebnissen und der drohenden Niederlage vermehrt zu Wort.

Der frühere republikanische Präsidentschaftsbewerber Mike Huckabee warf seiner Partei am Wahlabend denn auch eine "erbärmliche" Minderheitenpolitik vor. "Das ist eine Gruppe, die eigentlich bei uns Konservativen sein müsste. Aber die Republikaner haben gehandelt, als könnten sie diese Wählergruppe ohnehin nicht gewinnen, und es gar nicht versucht. Und deshalb haben sie sie auch nicht bekommen." An wen sich die Kritik hauptsächlich richtete war eindeutig.

"Ich bin enttäuscht"

Sarah Palin, ehemalige Gouverneurin von Alaska und erfolglose Vize-Präsidentschaftskandidatin 2008, reagierte verbittert. "Ich bin enttäuscht", sagte sie via TV-Botschaft. Obamas Wiederwahl sei ein „katastrophaler Rückschlag" für die Partei und das Land.

Karl Rove, berühmt-berüchtigter Stratege im Weißen Haus zu Zeiten von George W. Bush, schien bereits zwei Tage vor der Wahl eine Erklärung parat zu haben, warum Romney es womöglich nicht schaffen würde. Obama habe von "Sandy" profitiert, so Roves Auffassung.

Spalten sich die Republikaner auf?

Die teils harschen Reaktionen und das Abwenden vom Präsidentschaftskandidaten offenbaren das zerrüttete Innenleben der republikanischen Partei. Während des Wahlkampfs wurden die Gräben nur notdürftig kaschiert. Es gibt sogar Stimmen, die eine Aufspaltung der Partei für möglich halten. Sie fordern eine Neuausrichtung, inhaltlich wie personell.

Chris Christie ist einer der Politiker für einen möglichen Neuanfang. Der gewichtige Gouverneur von New Jersey, der erst kürzlich, während der Aufräumarbeiten nach dem verheerenden Hurrikan „Sandy“, Präsident Obama für sein Krisenmanagement in höchsten Tönen lobte, bringt sich offenbar für höhere Aufgaben in Stellung. Bei der US-Bevölkerung ist der Republikaner äußerst beliebt. Allein das ist für die gebeutelten Republikaner schon eine positive Nachricht.

Quelle: rpo/nbe/csr/rm/pst
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