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Republikaner in der Krise
Auf verlorenem Posten gegen Hillary Clinton

Donald Trump: Auf verlorenem Posten gegen Hillary Clinton
Mit Donald Trump riskieren die Republikaner eine krachende Niederlage bei der Präsidentschaftswahl. FOTO: afp, jr/aek
Washington. Wenn die Republikaner Donald Trump ins Rennen ums Weiße Haus schicken, hat er einen Trend gegen sich: die zunehmende Entfremdung der "Grand Old Party" von großen Teilen der real existierenden Vereinigten Staaten. Von Frank Herrmann

Es muss schon viel passieren, bevor sich Charles Koch vor eine Kamera setzt, um Kritik an den Republikanern zu üben. Charles Koch, der mit seinem Bruder David ein milliardenschweres Industriekonglomerat besitzt, Ölraffinerien, Papierfabriken, Chemiewerke, der einst der erzkonservativen John Birch Society angehörte und nach der Wahl Barack Obamas zum Präsidenten orakelte, damit drohe Amerika der größte Verlust seiner Freiheit und seines Wohlstands seit den 1930er Jahren: Dieser Groß-Mäzen der Konservativen hat sich neulich überraschend weit aus dem Fenster gelehnt.

Bei CNN befand er, Bill Clinton sei in vielfacher Hinsicht ein besserer Präsident gewesen als George W. Bush. Und auf die Frage, ob sich die nächste Clinton, nämlich Hillary, besser fürs Oval Office eigne als der Kandidat der Republikaner: "Ja, das ist möglich".  

Damit ist sie schon hinreichend skizziert, die Seelenlage der "Grand Old Party". Mancher verzweifelte Stratege rät bereits, die Wahl 2016 abzuschreiben und sich schon jetzt auf 2020 zu konzentrieren, um eine Präsidentin Clinton nach vier Amtsjahren mit frischem, populärerem Personal herauszufordern. Manche Wortmeldung klingt so sarkastisch, ja galgenhumorig, als wäre sie eigens für die Satire-Show "Saturday Night Live" geschrieben.

Das Dilemma hat tiefere Wurzeln

Sich als Juniorpartner Donald Trumps um die Vizepräsidentschaft zu bewerben, das wäre so, als wollte man ein Schiffsticket für die Titanic buchen, spöttelte Lindsey Graham, ein altgedienter Senator aus South Carolina. Trumps härtester parteiinterner Rivale wiederum, der ebenso debattenstarke wie dogmatische Texaner Ted Cruz, war letztlich keine Alternative, auf die sich jene, die einen Durchmarsch des Baulöwen noch zu verhindern gedachten, einigen konnten.

Keiner hat die Hemmschwelle markanter geschildert als John Boehner, der frühere Speaker des Repräsentantenhauses, der von Cruz als dem "leibhaftigen Teufel" sprach und hinzufügte, er habe noch nie in seinem Leben mit einem "erbärmlicheren Hurensohn" zu tun gehabt. Eine Kandidatur John Kasichs, eines Pragmatikers, der in der politischen Mitte punkten könnte, ist der Basis kaum zu vermitteln, dazu fehlen dem Gouverneur aus Ohio schlicht die nötigen Vorwahlerfolge.

Also Trump. Mit ihm riskieren die Republikaner eine krachende Niederlage gegen Hillary Clinton, auch wenn die frühere Außenministerin keine Begeisterungsstürme entfacht und  56 Prozent der Amerikaner bei Umfragen sagen, sie hätten kein echtes Vertrauen in sie. Nur wäre es falsch, die Krise der Republikaner auf eine – gleichsam vorübergehende – Personalkrise zu reduzieren. Das Dilemma hat tiefere Wurzeln.

Trump und die Republikaner brauchen ein Wunder    

Bei fünf der letzten sechs Abstimmungen fürs Weiße Haus ist es der Partei Abraham Lincolns nicht gelungen, das sogenannte "popular vote" zu gewinnen, die Mehrheit der Wählerstimmen. Eingeschlossen das Drama des Jahres 2000, als es in Florida auf der Kippe stand und sich George W. Bush erst nach wochenlangem juristischem Gezerre gegen Al Gore durchsetzte. Schon das skizziert den Trend.

Falls nicht noch ein Wunder geschieht (oder ein Terroranschlag akute Verunsicherung sät und somit Trump in die Hände spielt), wird sie am 8. November das dritte Präsidentschaftsvotum in Folge verlieren. Das gab es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr, und der Hauptgrund ist, dass sie nicht Schritt hält mit dem gesellschaftlichen Wandel.

Auf die ethnischen Minderheiten, die irgendwann zwischen 2040 und 2050 zusammengenommen die Bevölkerungsmehrheit bilden dürften, auf Hispanics und Afroamerikaner, aber auch auf Migranten mit asiatischen  Wurzeln, wirkt die Marke "Grand Old Party" nur noch vorgestrig, sowohl ihre Botschaft als auch das Milieu weißer, älterer Männer, das sie bis heute prägt.

Tea Party ist eine Seniorenbewegung

Die Tea-Party-Rebellion, deren Schwung den Republikanern half, seit sechs Jahren sämtliche Kongresswahlen für sich zu entscheiden, zehrte auch davon, dass jüngere Amerikaner bei den Midterm-Elections eher zu Hause bleiben, anders als die älteren, deren Stimmen somit besonders stark ins Gewicht fallen. Bei Präsidentenwahlen ist das anders. Und 2012 lag Obama unter den Jungen noch klarer vorn, als es 2008 der Fall gewesen war.

Eugene Joseph Dionne, einer der profiliertesten Kolumnisten der USA, hat das Phänomen in einem Buch mit dem Titel "Why The Right Went Wrong" in allen Facetten unter die Lupe genommen. Die Tea Party, doziert er, sei in erster Linie eine Seniorenbewegung, eine Bewegung von Menschen, denen der kulturelle Wandel missfalle – von Schwulenrechten bis hin zum ersten Schwarzen im Weißen Haus – und die das Gefühl hätten, ihnen werde ihr Land weggenommen, jedenfalls das Land, wie es ihrem verklärten Idealbild der "guten alten" Fünfzigerjahre entspreche.

In Trump hat die Revolte ihren neuen Helden gefunden. Nur eben einen Helden, mit dem ein großer Teil der real existierenden Vereinigten Staaten über Kreuz liegt.

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