Wahlkampf in den USA: Endspurt um das Weiße Haus
VON FRANK HERRMANN, SPRINGFIELD - zuletzt aktualisiert: 03.11.2008 - 21:14Cleveland (RP). Die US-Präsidentschaftskandidaten Barack Obama und John McCain nutzen auch die letzten Stunden vor der Entscheidung für Wahlkampfauftritte vor ihren Anhängern. Um Inhalte geht es dabei längst nicht mehr. Ein Ortstermin.
Es wirkt, als sei er aufgezogen. Aus den Lautsprechern dröhnen anfeuernde Klänge, Filmmusik, Rocky, der Boxer, wie er das verloren geglaubte Duell gegen den blonden sowjetischen Riesen noch dreht. John McCain steigt aus seinem Bus, dem „Straight Talk Express“, und rennt aufs Podest. Er reckt die Arme, die er seit Vietnam nicht mehr über den Kopf heben kann, so hoch es geht, bis in die Waagerechte. Er hebt beide Daumen, schneidet fröhliche Grimassen, dann stößt er die Fäuste nach vorn. Alles ist einem einzigen Leitmotiv untergeordnet, dem großen Comeback des harten Kämpfers.
John Warner, ein Republikaner alter Schule, hat eben noch einmal von McCains Tagen im „Hanoi Hilton“ erzählt, dem Kriegsgefangenenlager, in dem der Bomberpilot fünfeinhalb Jahre einsaß. Warner ist ein Kritiker George W. Bushs. Er war Marineminister, als McCain 1973 aus Vietnam zurückkehrte, an Krücken humpelnd. Er spricht von Ehre und Größe und stimmt einen Chor an: „Country First! Politics Last!“ So sei er, der Kandidat, sagt Warner. Das Land setze er an die erste, die Politik an die letzte Stelle.
"Steht auf...!"
Um Inhalte geht es nicht mehr. Es geht um ein Sich-Aufbäumen, um die Konterattacke des Zurückliegenden, um den Versuch, die sprichwörtlichen Sympathien der Amerikaner für einen Underdog auszuschlachten. „Steht auf, steht auf, steht auf und kämpft“, heizt McCain der Menge ein. „Nichts ist hier unvermeidlich. Wir geben nie auf. Wir verstecken uns nie vor der Geschichte. So, und jetzt lasst uns diese Wahl gewinnen.“
Es ist so etwas wie ein Trotzreflex, auf den der 72-Jährige in der Schlussrunde hofft. Eine jähe Aufwallung, die sich gegen den Favoriten Barack Obama richtet. In Springfield, Virginia, hat sein Team bewusst eine schlichte Kulisse gewählt. McCain redet vor der Laderampe eines Lagerhauses, bemüht, ein proletarisches Grundgefühl à la Rocky zu vermitteln. „Mac is back“, steht auf den Postern. „Mac ist zurück“ – es ist dieselbe Parole, die der Weißschopf schon zum Vorwahlauftakt im Januar plakatieren ließ. Man hatte ihn abgeschrieben, er feierte ein glänzendes Comeback. Irgendwie will er dieses Winterwunder im Herbst wiederholen.
In sieben Bundesstaaten, prophezeien die Demoskopen, könnte das Rennen mit einem hauchdünnen Ergebnis enden. In Florida, Indiana, Missouri, Nevada, North Carolina, Ohio und Virginia. Es sind die Staaten, auf die sich beide Kontrahenten beim Endspurt konzentrieren.
Auch Obama zieht alle Register
Obama zieht in Cleveland, Ohio, noch einmal alle Register. Vorgestellt wird er von Bruce Springsteen. „Ich will meinen Traum zurück! Ich will mein Amerika zurück!“, ruft der Rockbarde. Also gelte es, noch einmal die Ärmel aufzukrempeln für Barack Obama, in den letzten Stunden noch einmal alles zu geben. Springsteen umarmt den gertenschlanken Senator. Es ist ein starkes, gut inszeniertes Symbol: hier der singende Held der Arbeiterklasse, dort der grazil gebaute Harvard-Jurist, von dem McCains Truppe behauptet, er verstehe Amerikas Arbeiterschaft nicht.
In den letzten Tagen merkte man, dass sich Obama nach einem Ende des Marathons sehnt, dass es ihn nervt, so oft von seiner Familie getrennt zu sein. Am Halloween-Abend in Chicago haben Reporter erstmals erlebt, dass auch er, der Nervenstarke, aus der Haut fahren kann. Er wollte mit seinen Töchtern an Haustüren klingeln, um Süßigkeiten zu sammeln, „trick or treat“, ein Massenvergnügen. Obama fühlte sich von Kameras belagert und verlor für ein paar Sekunden die Fassung.
In Cleveland, Ohio, ist nichts davon zu spüren. Dort spricht der Profi, der nichts dem Zufall überlassen will, der fürchtet, dass sich seine Anhänger zu früh im sicheren Gefühl des Sieges wiegen könnten. „Glaubt nicht eine Sekunde lang, dass diese Wahl vorbei ist“, ruft Obama. „Denkt nicht für eine Minute, dass sich die Macht mit ihrer Niederlage abfindet. Wir müssen arbeiten, als hänge unsere Zukunft allein davon ab, was wir tun in diesen allerletzten Tagen.“
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