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Nach Obamas Europa-Reise: McCain beleidigt Deutsche

VON FRANK HERRMANN - zuletzt aktualisiert: 27.07.2008 - 21:30

Washington (RP). John McCain ist frustriert. Als Daheimgebliebener musste er zähneknirschend mit ansehen, wie Barack Obama das Scheinwerferlicht ganz für sich allein hatte. Nichts half, weder das eilends improvisierte Bratwurstessen im deutschen Viertel in Columbus, Ohio, noch ein blitzartig arrangierter Auftritt mit dem Dalai Lama in Colorado. Weshalb das Team des republikanischen Präsidentschaftsbewerbers am Ende schweres Geschütz auffuhr.

Obama ziehe einen „Haufen unterwürfiger Deutscher“ den eigenen, verwundeten Soldaten vor, schimpfte McCains Sprecher Tucker Bounds im Sender Fox News. „Er hatte Zeit, um ins Fitness-Studio zu gehen. Aber den Besuch bei der Truppe, den hat er gestrichen.“

Tatsächlich blies der Senator aus Illinois einen Abstecher ins US-Militärkrankenhaus in Landstuhl kurzfristig ab. Er wolle auf dem Rücken verletzter GIs keinen Wahlkampf machen, hieß es zur Begründung. Auch das Pentagon, das Verteidigungsministerium in Washington, hatte Bedenken angemeldet. McCain hielt es nicht davon ab, kräftig nachzukarten. Er an Obamas Stelle wäre sicher nach Landstuhl geflogen, und hätte ihm das Pentagon abgeraten, dann wäre er laut geworden, sagte er am Sonntag. „Dann hätte es ein seismisches Ereignis gegeben, das garantiere ich Ihnen.“

Aus der Hüfte geschossen kommt das alles nicht. McCain, Vietnamveteran, gequält und gefoltert in über fünf Jahren Kriegsgefangenschaft in Hanoi, hat klare Vorstellungen davon, wie er dem Hoffnungsträger Obama Paroli zu bieten gedenkt. In der roten Ecke steht er, der kantige Patriot, manchmal impulsiv und kauzig, aber durch nichts zu beeindrucken, schon gar nicht durch zweihunderttausend Jubelnde im fernen Germany. Ein Mann, für den Amerika mit seinen Sorgen, mit Benzinpreisgalopp und Immobilienkrise, stets an erster Stelle rangiert. In der blauen Ecke tänzelt Obama, der wolkige Redner, der sich im Herzen Berlins feiern lässt und darüber seine eigenen Landsleute vergisst. Auf diese grobe Karikatur spitzt McCain es derzeit zu. Offen ist, ob sein Konzept am Ende nicht doch aufgeht.

Die Meinungsforscher des Rasmussen Report, eines renommierten US-Instituts, sehen Obama zwar mit 49 Prozent vor McCain (44 Prozent) liegen. Doch der Abstand ist zu gering, als dass man den Jüngeren gut drei Monate vor der Wahl zum Favoriten erklären könnte. Aufschlussreich ist das Kleingedruckte. So sehr Obama die Europäer begeisterte, in den Umfragen daheim hat er den Vorsprung nicht ausbauen können. In einigen Schlüsselstaaten, die oft von Republikanern zu Demokraten schwenken und umgekehrt, liegen beide Kandidaten Kopf an Kopf.

Im heftig umkämpften Mittleren Westen etwa legen Wechselwähler weniger Wert darauf, was der Rest der Welt von Amerika denkt, als es junge Liberale in Küstenmetropolen wie New York oder San Francisco tun. Ronald Brownstein, Kommentator des „National Journal“, Pflichtlektüre der Kongressabgeordneten, fasst es so zusammen: „Europäische Jubelstürme helfen Obama bei den Starbucks-Leuten, aber es bleibt abzuwarten, ob sie seine Aussichten bei den Dunkin’-Donuts-Kunden ebenfalls versüßen“. Das Bild dürfte sich wie ein roter Faden durchs Wahlduell ziehen. Hier die liberalen, weltoffenen Kunden der schicken Kaffeehauskette, dort die bodenständige Klientel der Donuts-Imbisse, der es darum geht, billig satt zu werden.

Dennoch, meinen selbst McCain-Sympathisanten, eine gute Figur macht er derzeit nicht, der Weißschopf mit der Neigung zum Lospoltern. Falls er es mit verbalem Dauerfeuer versuche, könnten die Schüsse nach hinten losgehen. Dann wirke er wie ein zänkischer alter Mann, der dem neuen Star nur das Rampenlicht neide. „McCain hat die letzte Woche klar verloren“, bewertet es John Weaver, einst Chefstratege des Senators aus Arizona. „Noch so eine Woche kann er sich nicht leisten.“


 
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