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Auswanderer aus NRW zu Trumps Wahlsieg
"Die Amerikaner wussten genau, wen sie da wählen"

US-Wahl 2016: Das sagen Auswanderer aus NRW zu Trumps Wahlsieg
Donald Trump polarisiert. Was sagen Auswanderer aus NRW zu dieser Wahl? Wir haben nachgefragt. FOTO: dpa, msc hjb
Düsseldorf . Nicht nur viele Amerikaner sind vom Ergebnis der US-Wahlen überrascht worden. Vor allem Deutsche, die in Amerika leben, schockt der Wahlausgang. Wir haben mit Auswanderern aus NRW über ihre Ängste und Ansichten gesprochen.  Von Jessica Kuschnik

Sylvia Mogel (59) wurde in Köln geboren. Seit 1986 lebt sie in Los Angeles und arbeitet seit knapp 24 Jahren für das dortige Goethe-Institut als Rezeptionistin und in der Sprachkursberatung. Seit 2003 ist sie amerikanische Staatsbürgerin und somit wahlberechtigt:

"Für mich und viele meiner Gleichgesinnten ist das ein unfassbarer Schock. Es fühlt sich an wie ein schlechter Traum, der leider wahr geworden ist. Es bereitet mir Bauchschmerzen. Dass die respektlose Rhetorik der vergangenen Monate nun noch belohnt wird, ist mir völlig unbegreiflich. Meine große Sorge ist, dass viele Fortschritte, die unter Barack Obama gemacht wurden, nun mit Füßen getreten werden. Ich glaube, viele der Wähler, die für Trump gestimmt haben, verkennen dies. Sie könnten ihre Entscheidung bereuen, aber jetzt ist es zu spät. Unser Gesundheitssystem, welches endlich, nachdem es Europa lange hinterher war, mit Obamacare einen Schritt in die richtige Richtung machte, ist wieder gefährdet."

Für Sylvia Mogel aus Köln fühlt sich der Sieg von Trump wie ein schlechter Traum an. FOTO: Privat

Cornelia Funke, 57, Bestsellerautorin ("Tintenherz"), stammt aus Dorsten und lebt seit elf Jahren in den USA:

"Ich will mich künftig stärker politisch engagieren. Ich bin sowieso ein politisch aktiver Mensch. Aber was mir eine Lehre war, ist, dass ich elf Jahre mit einer Greencard in Amerika gelebt habe, ohne mir die Mühe zu machen, die Staatsbürgerschaft zu beantragen und dadurch nicht wählen konnte. Das war ein Fehler. Ich werde jetzt die Staatsbürgerschaft vorantreiben, damit ich nicht noch mal in diese politisch unmündige Situation komme.

Wir sind uns unserer Demokratien so sicher, dass wir eigentlich denken, wir müssten gar nichts machen. Ich glaube, dass das jetzt eine weitere Erinnerung daran war, dass Demokratie so nicht funktioniert. Die Bestürzung unter meinen Freunden ist sehr groß. Aber ich fürchte, das ist im Moment so etwas, das die Welt ausdrückt. In Deutschland wird man sich da sicherlich auch warm anziehen müssen. Nach Kanada werde ich nicht auswandern. Ich habe Amerika so viel zu verdanken, dass ich jetzt nicht die Flinte ins Korn werfen werde." 

Die Dorstener Bestsellerautorin Cornelia Funke will sich künftig stärker politisch engagieren. FOTO: dpa, bsc

Claudia Schafer ist Wissenschaftlerin in Boston am MIT und forscht an Lungenkrebs. Sie lebt seit sechs Jahren in den USA und kommt ursprünglich aus der Nähe von Bonn:

"Das Unaussprechliche ist Realität geworden. Die USA haben gewählt und die Witzfigur ist nun tatsächlich neuer Präsident der Vereinigten Staaten. Nach allem was wir gehört und gesehen haben! Ich habe die Wahlentscheidung live im Fernsehen mitverfolgt bis kurz vor 3 Uhr, als das Ergebnis nun endgültig war. Meine Gefühle reichten von Schock über Unfassbarkeit bis zu Tränen. Ich war im Vorfeld immer sehr optimistisch und habe immer gesagt und geglaubt, dass alles gut ablaufen wird und dass wir uns keine Sorgen machen müssen.

Am Morgen des Wahltags postete ich noch diese Nachricht auf Facebook: 'Auf geht's USA – I believe in you'. Und nun von der Realität eingeholt, bin ich immer noch sprachlos. Dies ist ein Schlag ins Gesicht der Freiheit, Gleichheit und Demokratie nicht nur in den USA. Dieses Wahlergebnis wird das amerikanische Volk auseinanderreißen. Ich werde am Donnerstag nach Deutschland fliegen, um im Rheinland den 11.11. zu feiern. Eigentlich wollte ich als Patriot gehen und die amerikanische Flagge auf dem T-Shirt tragen. Dies kann ich nun nicht mehr. Vielleicht komme ich auch einfach nicht mehr zurück... Abschließend will ich noch sagen, dass die Amerikaner bei dieser Wahl genau wussten, wen sie wählen... now deal with it!"

Für Claudia Schafer ist Trump eine Witzfigur. FOTO: Privat

Deike Peters, 46, Professorin für Umweltstudien an der Soka University of America in Los Angeles, geboren in Dortmund, zwei Kinder (elf und 13), die wie ihre Mutter die doppelte Staatsbürgerschaft haben, verheiratet mit einem Amerikaner:

"Ich bin letztes Jahr nach vielen, vielen Jahren endlich doppelte Staatsbürgerin geworden und habe also das erste Mal aktiv an einer Nationalwahl in den USA teilgenommen. Wir leben in einem Teil von Los Angeles, in dem ich während der gesamten Wahlkampfzeit eigentlich kein einziges Trump-Schild im Vorgarten gesehen habe. Hier bei uns im Nachbarschafts- und Freundeskreis war die Frage also eigentlich ausschließlich, ob man im Vorwahlkampf Bernie oder Hillary unterstützt hat. Mein Facebook-Feed, gespickt mit vielen Freunden aus der ganzen Welt, ist ähnlich einseitig. Und alle sind nach der Wahl kollektiv traumatisiert. Es ist eine Mischung von Vor-den-Kopf-Geschlagen-Sein, Trauer, Wut, Angst, Frust, Mutlosigkeit aber auch Sich-Gegenseitig-Mut-Machen. 

Ich selbst habe Hillarys Niederlage sehr früh am Abend kommen sehen. Die Gewissheit war da, als mein Vater mich Stunden vor der offiziellen Bekanntgabe des Ergebnisses aus Dortmund anrief und ich ihm irgendwie die aktuelle Lage der Dinge erklären musste. Aber wie sollte ich ihm, dem 1937 geborenen, erklären, dass mein stolzes Zweitheimatland Amerika nicht wie erwartet die erste Frau ins höchste Amt gewählt hat, sondern statt dessen einem völlig unqualifizierten, emotional instabilen, narzisisstischen Demagogen zu Füssen gefallen ist, der polemisch an niedere Instinkte appelliert und unter anderem ungehindert und ungestraft Frauen erniedrigt und sexuell belästigt — und dass die politische Zukunft dieses Landes nun sehr, sehr ungewiss ist? Und dann musste ich es meinen Kindern erklären... Irgendwann und irgendwie sind wir dann alle ins Bett, natürlich ohne uns Trumps Rede anzuhören. 

Der Morgen danach war dumpf. Ich habe dann zum ersten Mal geweint als ich auf dem Weg zur Uni im Radio Hillarys Erklärung zur Niederlage gehört habe. Leise Tränen in der Überholspur auf der Autobahn. 

Deike Peters wusste nicht, wie sie das Ergebnis der Wahlen ihrem Vater in Dortmund beibringen sollte. FOTO: Privat

Die englische Sprache hat ja bekanntlich kein richtiges Wort für Zivilcourage, aber ich befürchte wir werden im neuen politischen Klima dieses Landes sehr viel davon brauchen, selbst im demokratisch abgesicherten Kalifornien."

Sigrid Savelsberg (52), geboren in Herzogenrath, arbeitet für das Goethe-Institut in San Francisco:

Sigrid Savelsberg ist davon überzeugt, dass Hillary Clinton siegen würde. FOTO: Privat

"Damit hat hier niemand gerechnet... Kalifornien wählt traditionell die Demokraten. Unter Kollegen war daher die vorherrschende Meinung, dass Hillary Clinton es schon irgendwie schaffen wird. Auch unsere Partner im Bildungs- und Kulturbereich gehören nicht zu den typischen Trump-Wählern und wurden vom Wahlausgang ziemlich überrascht. Ein tiefer Riss geht durch das Land. Nun muss sich zeigen, wie wir in unseren Kultur- und Bildungsprogrammen damit umgehen. Es ist heute zu früh, um das zu sagen."

Marlon Stoeckius (36) kommt aus Köln, ist Molekularbiologe und lebt in New York City, wo er im Genomforschungszentrum "New York Genome Center" arbeitet:

Marlon Stoeckius glaubt nicht, dass sich die Wahl Trumps auf ihn persönlich auswirken wird. FOTO: Privat

"In New York City sind mein Freundeskreis und meine Arbeitskollegen – Amerikaner und andere Nationalitäten – sehr schockiert über das Wahlergebnis. Niemand hier hat damit gerechnet, dass ein egozentrischer Demagoge mit ähnlich populistischen, frauenfeindlichen und rassistischen Parolen, wie man es auch bei einer steigenden Anzahl europäischer Parteien beobachten kann, ins Weiße Haus einzuziehen vermag. Aber leider ist New York nicht repräsentativ für den Rest der USA. Für viele von uns ist es nur schwer vorstellbar wie dieses überraschende und zugleich erschreckende Wahlergebnis kurz- und mittelfristig unser Leben in den USA verändern könnte. Es gibt aber Befürchtungen, dass die angekündigten drastischen Steuerkürzungen zu Einschnitten im Forschungsetat führen könnten. Allerdings denke ich, dass sich für mich persönlich aller Voraussicht nach erst mal nicht viel ändern wird. Für Donald Trump scheinen zwar Begriffe wie Forschung und Innovation Fremdwörter zu sein, trotzdem glaube ich, dass man als ausländischer Wissenschaftler in den USA auch weiterhin bessere Arbeitsvoraussetzungen finden wird als beispielsweise in Deutschland."

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