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Stimmungslage nach der US-Wahl
Die große deutsche Trump-Depression

US-Wahl 2016: Die große deutsche Trump-Depression
Die Menschen in den USA sind geschockt - und nicht nur da. Auch viele Deutsche können das Wahlergebnis kaum fassen. FOTO: afp, mb
Meinung | Düsseldorf. Der nächste Präsident der USA heißt Donald Trump. Dieser Schock sitzt auch bei uns Deutschen tief. Doch aus der Depression könnte etwas Gutes wachsen. Von Helene Pawlitzki

Dienstagabend war die Welt noch in Ordnung. Mittwochmorgen schauten wir auf unsere Handys und können es kaum fassen. Da ist dieses ungute Gefühl in der Magengrube: Angst vor dem, was jetzt kommt. Der Schock ist groß – so groß, dass bei manchen sogar Tränen flossen.

Es ist ja auch zum Weinen: Die Amerikaner haben einen rassistischen, sexistischen Lügner zum Präsidenten gewählt. Jemanden, dessen Wahlkampfstrategie es war, Hass zu säen. Jemanden ohne Demut, der behauptet, niemals Fehler gemacht zu haben – was objektiv nicht stimmt. Jemanden, der allem Anschein nach nicht in der Lage sein wird, mit der riesengroßen Verantwortung umzugehen, die er bald hat.

Und man kann noch nicht mal wütend aufs System sein oder die Wahl anzweifeln. Das System hat funktioniert, die Wahl war sauber. Die Amerikaner wollen es so, und wir haben kein Recht, ihnen diesen Wunsch abzusprechen: Donald Trump wird demnächst als demokratisch legitimierter Präsident die USA regieren.

Ein Sturm kommt

Man kann es so sehen wie Barack Obama: Auch heute morgen ist die Sonne wieder aufgegangen. Die USA sind auch nur ein Land von vielen – wenn auch ein sehr großes. Und die haben jetzt halt bald einen ziemlich unmöglichen Präsidenten.

Doch vielen von uns fällt dieses Schulterzucken schwer. In der Bahn, beim Bäcker, im Büro fragen wir uns gegenseitig: Was haben die Amerikaner sich dabei gedacht? Wie konnte das passieren? Und was bedeutet das für uns?

Es fühlt sich nach einem historisch schwarzen Tag an. Als hätten sich all die schlechten Nachrichten der vergangenen Tage, Wochen und Monate wie eine dunkle Wolke zusammengeballt, und als wäre es nur eine Frage der Zeit, bis der Sturm losbricht. Nicht nur auf der anderen Seite des Atlantik – sondern auch hier.

Warum macht uns Trumps Wahlsieg so betroffen? Weil er wie das logische Ende einer politischen und kulturellen Entwicklung wirkt, in der wir uns möglicherweise selbst befinden.

Spätestens seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als Deutschlands Uhr auf Null gestellt wurde, sind die USA die Taktgeber unseres Fortschritts. Ob Coca Cola oder die digitale Revolution: Jahrzehntelang schwappte, was in den Staaten funktionierte, irgendwann auch in die Bundesrepublik. Wir feiern Halloween, teilen unser Leben auf Facebook und trinken Starbucks-Kaffee to go. Wir netflixen und chillen, essen dazu Kale-Chips und lassen uns die wirklich wichtigen Fragen unserer Existenz von Google beantworten. Nur der Taxiservice Uber hat es hierzulande noch nicht geschafft – was viele Menschen extrem rückständig finden.

Emotionen ersetzen Fakten, Personen politische Themen

Und das sind nur die kulturellen Aspekte. Politologen sprechen schon seit mehr als 15 Jahren von einer "Amerikanisierung" der Politik: Alle politischen Prozesse unterwerfen sich der Logik der Massenmedien. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat das 2002 schon mal gut beschrieben – als "twitter" tatsächlich nur ein englisches Wort für "Gezwitscher" war und sonst nichts.

Symptomatisch für die "Amerikanisierung" ist, dass es immer weniger um abstrakte und komplexe Themen geht. Stattdessen wird alles personalisiert – auch der Wahlkampf. Meinungsumfragen und Marketingtauglichkeit werden wichtiger als Prinzipien. Emotionen lösen Fakten als Argument ab. Kommt uns das bekannt vor? Leider ja.

Dazu kommen all die politischen Bewegungen, die – wie Donald Trump – nicht von guten Ideen leben oder von positiver Veränderungskraft, sondern von Abgrenzung und Hass. Für diese Entwicklung brauchten wir die USA nicht, das haben wir alleine hingekriegt. Von Front National bis zur ungarischen Fidesz-Partei, von den Wahren Finnen bis zur Lega Nord grassiert der Populismus in den europäischen Parteiensystemen. Und hier in Deutschland haben wir es geschafft, die AfD aus der Obskurität heraus in zehn von sechzehn Landesparlamenten zu wählen. Eine Partei, die anfangs (wie Trump) kaum einer ernst genommen hat – inklusive der meisten Journalisten.

Das Vernunftmodell der Demokratie scheint gescheitert

Kommt das, was in den USA passiert ist, auch auf uns zu? Eine Bundeskanzlerin namens Frauke Petry schien bis gestern unmöglich. Aber seit heute morgen ist auf einmal vieles denkbar. Mehr noch: Es erscheint fast als zwingende Konsequenz.

Denn der Ausgang der US-Wahl ist kein Ergebnis eines Systemversagens. Das Volk hat gesprochen, die Demokratie funktioniert. Nur stellt sich heraus: Demokratie führt nicht notwendigerweise dazu, dass die Vernunft siegt. Nicht aus jeder Debatte geht der mit den besten Argumenten als Sieger hervor: Fast anderthalb Jahre lang haben mehr als zwei Dutzend Präsidentschaftskandidaten für ihre Ideen geworben. Und dann gewinnt der Mann, der eine Mauer an der Grenze zu Mexiko bauen will.

Sind wir mit Schuld an Trumps Wahlsieg?

Das deprimiert uns: die dunkle Ahnung, dass ein demokratisches System allein nicht ausreicht – man muss es auch aktiv pflegen, damit die Vernunft siegt.

Und dann ist da noch die Schuldfrage. Wer ist verantwortlich für Trumps Wahlsieg? Der US- Journalist Jeff Jarvis gibt eine Antwort, der viele zustimmen werden:

Die Medien seien Schuld, sagt Jarvis. Und er hat recht: Ohne einen entfesselten Skandal- und Kampagnenjournalismus, wie er in den USA, aber mittlerweile auch hier grassiert, hätte Trump es schwerer gehabt, seine Botschaften an den alten, weißen Mann zu bringen, der ihn mehrheitlich gewählt hat.

Doch das Problem geht noch viel weiter: Wenn wir ganz ehrlich sind, haben wir alle dazu beigetragen, dass es soweit kommen konnte. Wir leben in einer Welt, in der es für Trump okay war, seine Hasstiraden auf Twitter zu verbreiten. Und in der es okay war, darauf mit Applaus zu reagieren. In der wir alle gierig jedes Detail aus diesem schmutzigen Wahlkampf aufgesaugt haben – auch in Deutschland.

Wir leben auch in einer Welt, in der Rassisten Böller auf Flüchtlingsunterkünfte werfen, und junge Muslime sich in Hinterzimmern radikalisieren. Und was machen wir? Wir scrollen durch unsere Facebook-Timeline. Wir verschicken alle fünf Minuten ein Smiley per Whatsapp. Wir packen uns selbst in Watte, indem wir nur noch die Nachrichten konsumieren, die wir hören wollen.

Wir haben diese Welt zu verantworten, weil wir still sind, während wütende, fehlgeleitete Demagogen gegen das Gute im Menschen anschreien. Das Resultat? Der nächste Präsident der USA heißt Donald Trump – und es gibt nichts, was wir dagegen tun können.

Wir können nichts tun – außer aktiv für das Gute zu kämpfen

Die Sonne ist aufgegangen, obwohl Trump Präsident wird. Aber Obama hat Unrecht: Die USA sind nicht "immer noch eine großartige Nation". Es ist völlig in Ordnung, sich davon deprimieren zu lassen. Und dann zu überlegen, was wir tun können, damit sich diese Wahlnacht nicht wiederholt – nicht in vier Jahren in den USA, und niemals in Deutschland.

Ein Vorschlag: Machen wir uns ehrlich. Und fangen wir damit im eigenen Umfeld an. Reden wir miteinander über die Werte, die wir bewahren wollen – in der Kneipe, in den Kirchen oder am Kiosk. Friedlich und freundlich, aber auch klar. Gehen wir in den Konflikt mit denen, die diese Werte nicht teilen. Und hören wir auf, uns in politischen Debatten auf Kosten anderer zu profilieren. Statt schlauer Sprüche und Skandalgeschichten ist Substanz gefragt. Schwören wir dem leeren Gerede ab, der in den Algorithmen des modernen Lebens so hoch gerankt ist. Wir können das. Wir haben die Wahl.

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