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Meinungsumfragen vor US-Wahl
"Das ist nicht repräsentativ und voller Fehler"

US-Wahl 2016: Warum die Meinungsforscher so falsch lagen
US-Bürgerin bei der Stimmabgabe (im Bundesstaat Colorado) FOTO: afp, MARC PISCOTTY
Düsseldorf. Von 67 Umfragen in den vergangenen Tagen sahen nur vier Donald Trump vorne – den späteren Wahlsieger. Auch beim Brexit lagen Meinungsforscher daneben. Statistik-Professor Gerd Bosbach erklärt, warum auf Prognosen immer seltener Verlass ist.  Von Jessica Kuschnik

Herr Bosbach, was halten Sie von Wahlprognosen und Meinungsumfragen? 

Gerd Bosbach Da gibt es zwei Aspekte. Prognosen können positiv sein, weil die Menschen ungefähr wissen wollen, was los ist. Dafür sind sie gut. Wahlprognosen und Meinungsumfragen können aber auch negative Auswirkungen haben: Mit ihnen wird Werbung gemacht. Man muss deshalb immer fragen, wer das jeweilige Institut beauftragt hat.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Bosbach Dies ist ein fiktives Beispiel: Wenn Donald Trump ein Meinungsforschungsinstitut beauftragt hätte, einen Vorsprung für Hillary Clinton zu prognostizieren, dann könnten Clintons Wähler sagen: "Ich gehe nicht zur Wahl, die gewinnt ja sowieso."

Sind derartige Umfragen vor einer Wahl also eher gefährlich als nützlich?

Bosbach Das kommt darauf an. Man muss sich einfach die Ergebnisse von vielen verschiedenen Meinungsforschungsinstituten ansehen und hoffen, dass einige von ihnen ehrlich sind. Wenn man unterschiedliche Ergebnisse hat, dann muss man ein Mittel finden und kommt so der Realität am nächsten. 

Trump: "Vielleicht ein Traum, vielleicht eine Panikattacke"

Bei Trump und Clinton waren sich fast alle einig.

Bosbach Noch ein fiktives Beispiel: Die Bertelsmann-Stiftung bringt eine Studie heraus. Der Stiftung wird Vertrauen geschenkt und die Ergebnisse verbreiten sich weiter. Plötzlich hört man diese von allen Seiten und nimmt sie deshalb für wahr – obwohl es nur eine Quelle gibt.

Kann man sich auf Meinungsforschungsinstitute überhaupt verlassen?

Bosbach Die Öffentlichkeit hat einen falschen Eindruck davon, was ein Meinungsforschungsinstitut leisten kann. Bei Wahlen in Deutschland, bei denen im Vorfeld 1500 Menschen stichprobenartig befragt werden, können sie für den Stimmenanteil einer großen Partei immer nur einen Korridor angeben, in dem das richtige Ergebnis liegen wird. Etwa: Partei C wird zwischen 37 und 43 Prozent erreichen. Mehr gibt sowas auch theoretisch nicht her. Die Institute müssen aber möglichst so tun, als wären sie nah am richtigen Ergebnis dran. Also befragen sie am Wahltag nochmal die Menschen, die aus den Wahllokalen kommen. Die Antworten der Wähler sind zum einen ehrlicher, nachdem sie ihre Stimme abgegeben haben. Vorher waren sie vielleicht noch unsicher, wen sie wählen würden. Zum anderen befragen die Institute an Wahltagen 100-mal so viele Wähler und sind damit zehnfach genauer. Mit dem Ergebnis, das sie dann erzielen – welches ja viel genauer ist – machen sie anschließend Werbung nach dem Motto: "Seht mal, wie genau wir waren". Dadurch entsteht ein falscher Eindruck. 

Sind die Methoden der Institute bei den Prognosen schlecht?

Bosbach Das sind ja meist Telefonumfragen, und wen erreicht man denn da schon? Das ist nicht repräsentativ und voller Fehler. Bei Landtagswahlen gab es schon Fehlschätzungen von bis zu neun Prozentpunkten. 

Nun lagen die Demoskopen ja vor allem bei den US-Wahlen, bei der Brexit-Abstimmung und mit den Ergebnissen der AfD bei diversen Landtagswahlen in Deutschland daneben. Liegt es daran, dass die Wähler mit populistischen Meinungen unberechenbar sind? 

Bosbach Das spielt sicherlich mit rein. Es ist zum Beispiel so, dass nur 50 Prozent der NPD-Wähler auch öffentlich zugeben, die NPD zu wählen, weil dies für ein sozial schlechtes Image sorgt. Bei den US-Wahlen war es so: Wenn ich auf den Tisch klopfen will, dann wähle ich Trump. Intelektuelle würden das aber nicht unbedingt zugeben. Statt zuzugeben, dass sie Trump wählen, sagen sie lieber, sie wählten Clinton oder gar nicht. Je aufgeheizter die Stimmung ist, desto eher neigt man dazu, im Wahllokal radikal zu wählen. Gleichzeitig sagt man das nicht unbedingt öffentlich. Das verschärft die statistischen Unsicherheiten und die Fehler, die Prognosen mit sich bringen. 

Welche anderen Gründe gibt es für die Fehleinschätzungen im US-Wahlkampf?

Bosbach Es gibt zwei Effekte von Prognosen auf die Wähler: Zum einen gibt es vor dem Ende einer Wahl noch einmal eine Zuspitzung. Die Leute ändern schnell noch einmal ihre Meinung. Zum anderen gibt es auch psychologische Aspekte. Manche Menschen wollen zum "Gewinner-Team" gehören – das kennt man ja vom Fußball. Am Wahltag ist es für sie schöner zu sagen: "Mein Kandidat hat gewonnen". Besonders unsichere Wähler können so durch Prognosen noch einmal beeinflusst werden. 

Sind Sie überrascht, dass nun Trump und nicht Hillary Clinton die Wahl gewonnen hat?

Bosbach Mich wundert das überhaupt nicht. Aber ich denke nicht, dass wir Angst haben müssen vor Donald Trump als nächsten US-Präsidenten. Es gibt genug Kontroll-Instanzen. Er ist nur eine Vorzeigefigur. Kein vernünftig denkender Mensch wird ihm die Kontrolle über Atomwaffen überlassen. 

Gerd Bosbach (62) ist Professor für Statistik und Empirische Wirtschafts- und Sozialforschung an der Hochschule Koblenz (Standort Remagen). Der Demoskopie-Aufklärer schrieb das Buch "Lügen mit Zahlen. Wie wir mit Statistiken manipuliert werden".

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