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Washington
Ist Amerika reif für eine Präsidentin?

US-Wahl mit Hillary Clinton: Ist Amerika reif für eine Präsidentin?
FOTO: afp, js
Washington. Hillary Clinton ist als demokratische Anwärterin auf das Weiße Haus nicht unumstritten. Doch eine Frau an der Spitze täte dem Land gut. Von Godehard Uhlemann

Ist Amerikas Gesellschaft reif für eine Frau an der Staatsspitze? Ist diese Fragestellung im Jahr 2016 politisch unkorrekt und nährt nur chauvinistische Motive einer sich bedroht fühlenden Männerwelt? Amerika erlebt Frauen in vielen Führungspositionen jenseits von Glanz und billigem Glamour. Auf diesen Feldern sind sie doch eher Nahrung für männliche - nicht selten pubertäre - Projektionen. Doch im Bereich von Politik und Gesellschaft haben es Frauen und Schwarze in den USA immer noch schwerer als weiße Männer.

Ausnahmen mögen die Regel bestätigen: Janet Yellen steht an der Spitze der amerikanischen Notenbank. Nancy Pelosi war als Demokratin lange Sprecherin des Repräsentantenhauses, dem sie seit 1987 angehört. Madeleine Albright war Außenministerin wie später auch Hillary Clinton, die in wenigen Wochen für die Demokraten als erste Präsidentin in der Geschichte ins höchste Staatsamt gewählt werden will.

Die Demokraten verstehen sich auch als Partei des Feminismus, den viele konservative Amerikaner als Bedrohung ihres auf ewig zementiert geglaubten Weltbildes sehen. Vielleicht liegt hier auch eine Mitursache für das tabulose Getobe des konservativen Republikaners Donald Trump, der ebenfalls ins Weiße Haus will. Er geht Hillary Clinton als Frau an und setzt sich wenig mit den politischen Ansichten und Positionen seiner Kontrahentin auseinander. Wer den Wahlkampf beobachtet hat, mag zu dem Schluss kommen, dass Amerikas Gesellschaft wohl noch nicht so reif für eine Präsidentin ist, wie sich viele einreden. Das Land braucht eine Frau an der Spitze aber dringender denn je, um als Führungsmacht Nummer eins in der Welt das westliche Demokratiemodell aus Toleranz und Chancengleichheit glaubhaft vertreten zu können.

Und was treibt Hillary Clinton an, Präsidentin der Vereinigten Staaten werden zu wollen? Warum will sie sich das Bündel aus Problemen, politischen Widerständen und persönlichen Anfeindungen aufbürden, wo sie es sich doch in ihrer weiteren Lebensplanung einfacher machen könnte? Will sie nur zurück ins Weiße Haus, in dem sie als First Lady neben Bill Clinton von 1993 bis 2001 gewirkt hatte? Will sie ihrem Mann Bill beweisen, dass auch sie das Land führen kann, wie es in Deutschland Angela Merkel oder in England Theresa May tun?

Die Begründung wurzelt wohl bereits in ihrer Kindheit und wurde genährt und entwickelt in ihrer Jugend- und Studentenzeit. Hillary Clinton ist gesättigt von hochprozentigem Ehrgeiz. Sie will an die Spitze, sie will sich und vor allem der Welt beweisen, dass sie jeden Posten ausfüllen kann. Ihr wäre bei einem Wahlsieg der Eintrag in den Geschichtsbüchern sicher, als erste Frau das höchste Amt Amerikas erreicht zu haben.

Hillary ist schon lange im politischen Geschäft. Sie vertrat von 2001 bis 2009 den Bundesstaat New York im Senat. Der erste schwarze Präsident Barack Obama holte sie, nachdem sie bei der Präsidentschaftsnominierung gegen ihn gescheitert war, als Außenministerin in sein Kabinett. Sie lernte früh zu kämpfen. Unerschrockener Durchsetzungswille hat sie geprägt. Dorothea Hahn schildert in ihrer lesenswerten, soeben erschienenen Biografie "Hillary. Ein Leben im Zentrum der Macht" (Verlag C.H. Beck. 240 Seiten. 18.95 Euro) eine bezeichnende Episode aus Hillary Clintons Kindheit. Als sie als Vierjährige nach Hause gerannt kam, weil ein größeres Mädchen sie hart angegangen hatte, meinte die Mutter lakonisch: Wehr dich! "In diesem Haus ist kein Platz für Feiglinge." Wenig später berichtete die Tochter der Mutter, dass sie den Raufbold verhauen hätte.

Hillary war eine gute Schülerin, mischte in Jugendclubs, bei der Kirche und bei den Republikanern als erster politischen Übungsarena mit. Ihr Bruder Hugh sagte von ihr: "Hillary führte gern." Ein Mitschüler charakterisierte sie mit den Worten: "Sie war stark, selbstsicher, reizvoll und ziemlich anmutig."

Auf der Eliteschule für Mädchen in Wellesley nahe Boston hatte sie anfangs einen schweren Stand. Sie war nicht immer die Beste und ihre Mitstudentinnen folgten auch einem anderen Lebensstil. Sie kamen im Gegensatz zu ihr aus sehr begüterten Familien, waren modisch und modern. Sie gingen aus und feierten Partys. Manche rümpften die Nase.

Hillary legte wenig Wert auf Äußerlichkeiten, sie wollte die Welt mit dem Kopf erobern. Einer älteren Mitstudentin sagte sie, sie wolle First Lady werden. Nicht dass sie sich nicht vorstellen könnte, selbst Präsidentin zu sein, aber sie hielt eine Frau an der Spitze im 20. Jahrhundert in den USA nicht für möglich. Sie hielt das College durch und wurde später Juristin. Ihre Mutter stärkte sie immer wieder. Sie blieb auch bis zu ihrem Tode 2011 eine der einflussreichsten Menschen in Hillarys Leben.

Dorothea Hahn zitiert in ihrer süffig zu lesenden Biografie Gerüchte, dass die Mutter getobt habe wegen der Affäre ihres Schwiegersohnes Bill Clinton im Weißen Haus mit der Praktikantin Monica Lewinsky. Sie solle nun ihre eigene politische Karriere starten. Auf die Frage, was ihre Tochter so stark gemacht habe, sagte sie, sie hat ihren Vater ertragen.

Hillary Clinton ist heute bei vielen, nicht nur alten rückwärtsgewandten Amerikanern verhasst: Auch viele junge Menschen lehnen sie ab, halten sie für unglaubwürdig und verehren Bernie Sanders, der sich in den Vorwahlkämpfen Hillary Clinton beugen musste. Sie versteht sich als Galionsfigur des Feminismus und der Minderheiten. Bill Clintons Außenministerin Madeleine Albright donnerte auf einer Wahlveranstaltung in New Hampshire: "Wir können unsere Geschichte erzählen, davon, wie wir die Leiter erklommen haben und viele von euch jüngeren Frauen glauben, es ist geschafft. Aber es ist nicht geschafft." Und dann ihr drohender Wahlaufruf: "In der Hölle ist ein besonderer Platz reserviert für Frauen, die einander nicht helfen."

Hier geht es nicht mehr um Sachfragen. Hier geht es um die Geschlechterrolle im Amerika 2016.

Quelle: RP
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