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Wahlen in den USA
Clintons wackelige Mehrheit

US-Wahlen 2016: Mehrheit von Hillary Clinton in den USA wackelt
Die Karte erläutert den Ablauf der US-Wahl. FOTO: Zörner
Düsseldorf/Washington. Das Rennen ums Weiße Haus ist noch einmal spannend geworden. Die Lage der Demokraten ist prekärer, als die Umfragen ahnen lassen. Von Frank Vollmer

Am Ende wird es darauf ankommen, ob die blaue Mauer hält. Sonst wird es schwierig mit Hillary Clintons Einzug ins Weiße Haus. Blau, das ist die traditionelle Farbe der US-Demokraten. Und hinter der - natürlich imaginären - Mauer liegen die Bundesstaaten, die gemeinhin als sicher für die Demokraten gelten. Die Metapher der blauen Mauer hat derzeit wieder schwer Konjunktur.

Denn es ist noch einmal richtig spannend geworden im Rennen um die US-Präsidentschaft. Mitte Oktober, nach den TV-Debatten und Trumps Sexismus-Skandal, schien das Rennen für Clinton schon gelaufen. Dann aber kam die Mitteilung der Bundespolizei FBI, es werde neue Untersuchungen zu Clintons E-Mail-Affäre geben - als Außenministerin hatte sie dienstliche, auch geheime Korrespondenz über private Server abgewickelt.

Auch wenn das FBI inzwischen klargestellt hat, man habe keine Anhaltspunkte für Straftaten: Die blaue Kurve Clintons und die rote Kurve Trumps haben sich wieder angenähert. Nicht unbedingt in den nationalen Meinungsumfragen - da führt Clinton nach wie vor mit bis zu fünf Prozentpunkten. Trotzdem sind Trumps Chancen, heute zu gewinnen, deutlich gestiegen, und das liegt am US-Wahlsystem. Präsident wird eben nicht, wer von San Francisco bis New York die meisten Stimmen bekommt. Präsident wird, wer die meisten Wahlmännerstimmen auf sich vereinigt. Und die werden Staat für Staat vergeben. Wer die meisten Stimmen in einem Bundesstaat erreicht, bekommt alle Wahlmännerstimmen (mit zwei Ausnahmen: Maine und Nebraska).

In einer Reihe wichtiger Staaten hat Trump inzwischen wieder bessere Chancen als Clinton - zumindest wenn man dem Statistiker und Publizisten Nate Silver und dessen Blog "Fivethirtyeight" (benannt nach der Gesamtzahl der Wahlmänner) glaubt. 2012 hat Silver das Ergebnis in allen 50 Staaten korrekt vorhergesagt. In zwei "Swing States" - also Staaten, die mal demokratisch, mal republikanisch stimmen - sah Silver gestern Trump deutlich vorn: Ohio (18 Wahlmänner) und Iowa (6). In Florida (29), North Carolina (15) und Nevada (6) räumte Silver Clinton minimal bessere Chancen ein. North Carolina ist zugleich der einzige Staat, der 2012 republikanisch wählte und in dem Clinton 2016 realistische Chancen auf einen Sieg hat.

Noch immer gilt: Wahrscheinlich wird Clinton gewinnen. Alle großen Meinungsforschungsinstitute sehen sie in der Wahlmänner-Abrechnung vorn. 268 Stimmen sind ihr sicher oder sehr wahrscheinlich zuzurechnen - schon knapp unter der Siegmarke von 270. Im Großen und Ganzen kommen diese Stimmen aus Bundesstaaten, die zuletzt in den 80er Jahren republikanisch stimmten. Dazu gehören zum Beispiel Wisconsin, Michigan und Pennsylvania. Selbst dort freilich hat Trump laut Silver immerhin Siegeschancen von 15 bis 25 Prozent.

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Die Lage ist für Clinton aus drei Gründen unsicherer, als sie zunächst scheint. Erstens liegt ihre Führung in den Umfragen teils innerhalb der statistischen Fehlertoleranz. Zweitens ist diese Wahl für Demoskopen insgesamt unberechenbarer als die vorherigen - das Phänomen Trump bekommen sie schwer in den Griff. Drittens stehen zwar die Staaten, in denen "Fivethirtyeight" Clintons Siegchancen gestern über 50 Prozent taxierte, für insgesamt 322 Wahlmänner. Denn zusätzlich zu den für Clinton sicheren oder wahrscheinlichen Staaten liegt sie in Nevada, New Hampshire sowie eben in North Carolina und Florida vorn - außer in New Hampshire aber extrem knapp; de facto stehen die Chancen jeweils 50:50. Fallen diese knappen Staaten an Trump, steht Clinton also bei 272 Wahlmännern - 268 plus New Hampshire. Wenn aus dieser blauen Mauer nur der kleinste Stein herausbricht, verliert sie. In diesem 272er-Szenario darf sich Hillary Clinton keinen Stolperer leisten.

Der Umkehrschluss aus alldem lautet freilich: Trump muss schon in fast allen Swing States abräumen, um eine Chance zu haben. Siege nur in Florida und Ohio werden ihm kaum reichen, obwohl es dort zusammen 47 Wahlmännerstimmen gibt. Mindestens zwei Staaten aus der Gruppe der Wackligen müssten dazukommen. Trump könne nur mit den Stimmen aus Florida, North Carolina, Ohio und Iowa gewinnen, spitzte es jüngst CNN zu, und ohne North Carolina gebe es für ihn kaum einen Pfad zum Sieg. Ohne den großen Brocken Florida, wäre hinzuzufügen, gibt es realistischerweise überhaupt keinen Weg für Trump ins Oval Office.

Vieles wird auf die Wahlbeteiligung heute ankommen. Trendmeldungen aus den Staaten, in denen teils schon seit Wochen abgestimmt wird, deuten darauf hin, dass Clintons sicherste Unterstützer, die Afroamerikaner, bisher nicht so zahlreich zur Wahl gegangen sind wie 2012 für Obama.

Quelle: RP
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