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US-Wahlen
Mit letzter Kraft ins Ziel

US-Wahlen: Wahlkampf auf der Zielgeraden
Joe Biden bei einem seiner zahlreichen Auftritte im Wahlkampf. FOTO: ap, CHO
Vizepräsident Joe Biden macht Wahlkampf für Hillary Clinton in Pennsylvania, Melania Trump für ihren Mann. Beide Lager bündeln alle Kräfte für den Endspurt kurz vor dem Wahltag.  Von Frank Herrmann, Harrisburg

Links von ihm steht ein Leibwächter, rechts von ihm steht ein Leibwächter. Draußen vor der Schule in Harrisburg warten schwarze Staatskarossen und Polizisten auf blank gewienerten Motorrädern, um ihn mit Blaulicht und Sirenengeheul zum nächsten Auftritt zu bringen. Aber drinnen in der Aula ist Joe Biden jetzt nicht der Vizepräsident der Vereinigten Staaten, auch wenn sein Amtswappen das Rednerpult schmückt. Er ist der Arbeiterjunge aus Scranton. Joe, der Nachbar. Joe, der Kumpel. Er krempelt die Ärmel hoch und sagt, dass er alles, was er zum Leben brauchte, in Scranton, Pennsylvania, gelernt habe.  

"Geld bestimmt nicht, wer du bist in der Welt", zitiert er einen irischstämmigen Großvater namens Ambrose Finnegan. Courage und Loyalität, das seien die wahren Werte, jedenfalls die, die einem in Scranton beigebracht wurden. Dazu der Glaube, dass man es schaffen kann, auch wenn man das Licht der Welt zwischen rauchenden Schloten erblickte. "Es ist ein Amerika, das Donald Trump nicht versteht, nicht mal im Ansatz. In seinen Augen kann nur Großes vollbringen, wer im Herrenhaus geboren wurde. Und eins kann ich euch sagen: In Scranton redet man anders über Frauen, als Trump es tut."

Vor einem Jahr gab es Gerüchte um Bidens Kandidatur

Vor ein paar Tagen hat Biden den Bauunternehmer in rustikalem Ton wissen lassen, am liebsten würde er ihn wie an der High School "hinter die Turnhalle" bitten, um Mann gegen Mann die Kräfte zu messen. Noch vor gut einem Jahr spielte er mit dem Gedanken, selber ins Rennen ums Oval Office zu ziehen.

Hillary Clinton: US-Präsidentschaftskandidatin 2016 FOTO: afp, js

Damals machten Geschichten die Runde, wonach ihm Beau, sein an Krebs verstorbener Sohn, kurz vor dem Tod eine Bewerbung flehentlich ans Herz gelegt haben soll. Das Weiße Haus dürfe nicht zurück an die Clintons fallen, man fahre besser, wenn man sich an die Biden-Werte halte, wurde Beau in einer Zeitung zitiert. Der hemdsärmelige Vizepräsident hat kein Hehl daraus gemacht, dass er Hillary Clinton manches verübelt, die Nähe zur Wall Street, die hochdotierten Reden, die Art, wie sie und ihr Mann Millionen verdienten. Aber Wahlkampf ist Wahlkampf, und letztlich gehört auch Joe Biden zum Team Hillary.

Joe Biden hetzt in Pennsylvania von Bühne zu Bühne

Deshalb hetzt er in Pennsylvania von Bühne zu Bühne. In einem Staat, der seit 1992 immer nur für demokratische Präsidentschaftsanwärter gestimmt hat, in dem Trump aber am Dienstag auf einen Überraschungscoup hofft. "Lasst euch nicht hinters Licht führen", ruft Biden seinen rund dreihundert Zuhörern in Harrisburg zu, seine Stimme klingt jetzt wie die eines schweren Rauchers. "Wenn sich der Bursche ein Haus anschaut, dann sieht er Ziegel, Mörtel und Holz. In Scranton bedeutet ein Haus vor allem: Geborgenheit."

Michelle Jones steht, vor ein paar Tagen war das, am Rand einer viel befahrenen Straße in Berwyn, einem gepflegten Vorort im Schatten der Millionenstadt Philadelphia, und versucht ein Gefühl für die Stimmung der Wählerschaft zu bekommen. In den Händen hält sie ein blaues Plakat, auf dem zwei Namen stehen, Clinton und Kaine. Wer hupt, wird die beiden wohl wählen. Der Huptest gehört zu amerikanischen Wahlkämpfen wie 2016 die Lieder Bruce Springsteens zu den Auftritten der Demokraten. In Berwyn sagt er Michelle Jones, dass es knapp werden könnte. Einmal lässt einer das Autofenster herunter und schüttelt zornig die Faust.

"Ich weiß nicht, woher diese Wut kommt", sagt die Kinderkrankenschwester und fügt sofort hinzu, dass sie trotz allem noch immer gern in Amerika lebe. Sicher, sagt Jones, es gebe Grund zur Unzufriedenheit: eine nur mäßig wachsende Wirtschaft, stagnierende Löhne, teils exorbitant steigende Beiträge zur Krankenversicherung. "Aber haben wir nicht diesen Crash durchgemacht? Dauert es nicht, bis man sich nach so einem Schlag ins Kontor wieder aufrappelt?", fragt die hochgewachsene Frau und meint die Finanzkrise des Jahres 2008. "Fehlt uns einfach nur die Geduld? Ist es wie mit dem Medikament, von dem wir erwarten, dass es sofort, auf der Stelle, seine Wirkung tut?"

Auf dem Hügel über der Swedesford Road, an der Jones die Reaktionen der Autofahrer testet, haben Anhänger Donald Trumps ein Figurenensemble aus Pappe auf den Parkplatz einer Sporthalle gestellt. Links Ronald Reagan, rechts John Wayne, in der Mitte der Mogul. "Das Triumvirat", ist darunter zu lesen.

Melania Trump macht Wahlkampf für ihren Mann

Drinnen im Main Line Sports Center spricht Melania Trump von der Jugend, der wieder beigebracht werden müsse, amerikanische Werte zu schätzen. "Unsere Gesellschaft ist zu gemein und zu ruppig geworden", klagt sie. So nützlich soziale Medien seien, sie könnten dazu führen, dass sich ein Kind oder ein Teenager sehr einsam fühle, allein gelassen mit Attacken und Lügen.

Auch das frühere Fotomodell muss in der Schlussphase Wahlkampf machen, auch wenn man ihr anmerkt, dass es ihr nicht behagt. In Berwyn kündigt sie an, energischer vor den Schattenseiten der Social-Media-Kultur warnen zu wollen, wenn sie denn erst als First Lady im Weißen Haus sitze. Dass ihr Mann womöglich einen Anteil am gereizten Ton hat, darüber spricht Melania Trump nicht. 

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