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US-Wahlkampf
Warum Clintons Gesundheit so wichtig ist

US-Wahlkampf: Hillary Clintons Gesundheit
Clinton posiert mit einer Schülerin für ein Erinnerungsfoto. FOTO: rtr, KC
Washington. Als Hillary Clinton die Wohnung ihrer Tochter Chelsea verließ, wo sie sich nach einem Schwächeanfall zwei Stunden lang ausgeruht hatte, versuchte sie so fidel zu wirken, als gäbe es nichts Schöneres, als an einem Sonntag in Manhattan vor einem Pulk von Kameraleuten schauspielern zu müssen. Von Frank Herrmann

Hillary Clinton lächelte, sie winkte, sie posierte mit einer Schülerin für ein Erinnerungsfoto. Sie fühle sich großartig, es sei ein wunderschöner Tag in New York, rief sie den Reportern auf dem Bürgersteig zu, bevor sie mit ihren Bodyguards davonfuhr.

Die Szene im Flatiron District Manhattans dürfte ihr einiges an Kraft abverlangt haben, denn im Moment ist es um Clintons Gesundheitszustand nicht gut bestellt.

Am Sonntagvormittag musste die Präsidentschaftskandidatin bei einer Feier zum Gedenken an die Opfer der Anschläge vom 11. September 2001 vorzeitig das Feld räumen, nachdem sie rund neunzig Minuten in schwüler Hitze durchgehalten hatte.

Clinton leidet seit längerer Zeit unter chronischem Husten

Ein zufälliger Passant stellte ein Video ins Netz, das erst recht für Wirbel sorgte. Es zeigt, wie Hillary Clinton von ihrer Assistentin Huma Abedin gestützt werden muss, als sie am Ground Zero auf einen Van wartet. Es zeigt, wie sie kurz vor dem Einsteigen in die Knie geht, sodass ihre Leibwächter sie auffangen müssen. Wie sie für ein paar Augenblicke die Kontrolle über ihren Körper verliert und möglicherweise auch ihr Bewusstsein.

Hinterher ließ ihr Stab einsilbig verlauten, die Kandidatin habe sich "überhitzt" gefühlt. Dann schob ihre Ärztin Lisa Bardack eine Erklärung hinterher, die das Karussell der Spekulationen zusätzlich in Schwung brachte. Frau Clinton habe für längere Zeit unter chronischem Husten gelitten und sich am Freitag schließlich untersuchen lassen. Dabei habe sie, Dr. Bardack, eine Lungenentzündung diagnostiziert. Die Medizinerin verschrieb Antibiotika und gab der Patientin den Rat, kürzerzutreten. Worauf jene eine für Montag und Dienstag geplante Reise nach Kalifornien absagte.

Die Episode ist nun ein gefundenes Fressen für alle, die glauben, Hillary habe wieder einmal etwas zu verbergen. Es liegt auch an der Clinton'schen Neigung zur Geheimniskrämerei, dass ihr nach aktuellen Umfragen nur 35 Prozent ihrer Landsleute vertrauen. Hätte sie die Zeremonie am Ground Zero nicht vorzeitig verlassen müssen, wäre das mit der Lungenentzündung wahrscheinlich nie publik geworden. Wieder einmal wirkte es so, als scheue sie die Transparenz, die Amerikaner von ihren Wahlkämpfern erwarten, gerade auf der Zielgeraden des Rennens.

Dabei ist die Gesundheit der früheren Außenministerin schon deshalb ein Thema, weil sie im Oktober ihren 69. Geburtstag feiert. Gewinnt sie im November das Votum, hätte sie den von Ronald Reagan gehaltenen Altersrekord fast eingestellt. Der Republikaner hatte 1980 sein erstes Präsidentschaftsduell ebenfalls im Alter von 69 Jahren für sich entschieden, nur um ein paar Monate älter, als die Demokratin es heute ist.

2012 musste Clinton eine Spezialbrille tragen

Ein Thema ist ihre Gesundheit auch, weil Hillary Clinton 2012, damals noch Chefin des State Department, nach einem Sturz einen Blutklumpen im Gehirn hatte und eine Zeit lang verschwommene Bilder sah. Wochenlang musste sie eine Spezialbrille tragen. Sechs Monate habe sie bis zur vollen Genesung gebracht, plauderte ihr Mann Bill einmal aus dem Nähkästchen. Verschwörungstheoretiker wiederum fabulieren von epileptischen Anfällen und fortschreitender Demenz.

Eine Sprecherin Donald Trumps wollte neulich sogar eine Sprachstörung bei Hillary ausgemacht haben, die angeblich auf eine Fehlfunktion des Hirns zurückgehe. Und Trump selber wird nicht müde, Zweifel zu säen: Seiner Rivalin, behauptet er, fehle die physische Stärke, die man brauche, um im Oval Office regieren zu können. Außerdem schlafe sie zu viel. Jetzt wünschte er seiner Konkurrentin überraschend gute Besserung.

Nur gibt eben auch die Belastbarkeit des Baulöwen Anlass zu Spekulationen, allein schon, weil der Mann siebzig ist. John McCain, 71 Jahre alt, als er sich fürs Weiße Haus bewarb, machte 2008 eine 1173 Seiten dicke Krankenakte publik, um Bedenken zu zerstreuen. Der Leibarzt des Immobilienmoguls, Harold Bornstein, beließ es bislang bei der ebenso knappen wie euphorischen Feststellung, dass Trump der gesündeste Präsident wäre, der jemals gewählt wurde. Näheres soll nur dann preisgegeben werden, wenn auch Clinton Farbe bekennt.

John F. Kennedy verheimlichte akute Rückenschmerzen

Früher hat man über so etwas eher nicht debattiert. Früher konnten die Männer, die im Oval Office regierten, oft erfolgreich den Schleier des Geheimnisses über ihre Gebrechen legen. Franklin D. Roosevelt, an Kinderlähmung erkrankt, durfte lange Zeit nicht im Rollstuhl fotografiert werden. Dass er aus eigener Kraft schon nicht laufen konnte, als er ins Weiße Haus einzig, dass er auf Helfer und Krücken angewiesen war, sollte der Öffentlichkeit verborgen bleiben.

John F. Kennedy verheimlichte die akuten Rückenschmerzen, die ihn permanent plagten. Andrew Jackson, der 7. Präsident der USA, litt im Laufe seines Lebens an Malaria, Bleivergiftung und chronischem Durchfall, um nur einige Beispiele zu nennen. In seinem Körper steckten Kugeln, die britische Kolonialsoldaten im Unabhängigkeitskrieg auf ihn abgefeuert hatten. Offenbar hat sich damals kaum jemand daran gestört.

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