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Würdigung: Warum Amerika so wichtig ist

VON MARTIN BEWERUNGE - zuletzt aktualisiert: 07.11.2012 - 10:31

Der Wahlkampf in den USA ist zu Ende. Millionen Menschen auf der Welt haben ihn verfolgt. Wer es noch nicht wusste, konnte es lernen: So funktioniert Demokratie.

Es ist ein großer, ein sehr amerikanischer Wahlkampf gewesen: Zwei starke Kandidaten, die einander nichts schenkten. Zwei, die im Bemühen, den anderen zu übertrumpfen, zugleich eine schonungslose Bestandsaufnahme der Lage im Land ablieferten. Zwei schließlich, die es vermochten, mit ihren Visionen von einem besseren Amerika die Massen zu bewegen. Pathos prägte regelmäßig und gleichermaßen ihre Auftritte, politische Botschaften wurden heiß und fettig und überschwappend serviert, die Begeisterung jedoch, die Barack Obama und Mitt Romney in ihren jeweiligen Lagern entfachten, war pur. Es war, kurz gesagt, großes, spannendes, demokratisches Kino. Und das Beste daran: Die ganze Welt konnte zuschauen.

Wenn auch weit über die Hälfte der Deutschen angibt, das Ringen zwischen dem amtierenden US-Präsidenten und seinem Herausforderer regelmäßig verfolgt zu haben, dann bedeutet dies: Größere politische Aufmerksamkeit wird hierzulande nur Landtags- oder Bundestagswahlen zuteil. Das ist nicht eben wenig, und dahinter steckt mehr als die Tatsache, dass Wahlen in China, Russland oder in von religiösen Fundamentalisten beherrschten Ländern nun einmal mäßig spannend ausfallen, weil das Ergebnis aus verschiedenen Gründen vorhersehbar ist. In den USA ist das anders, und mit Amerika verbindet Deutschland neben politischen und wirtschaftlichen Verflechtungen etwas Stärkeres: ein Lebensgefühl, ein way of life, zumindest der eine oder andere amerikanische Moment, den nahezu jeder auf dieser Seite des großen Teichs in sich trägt: der Anblick der Skyline von Manhattan, die Schluchten des Grand Canyon, die Straßen von San Francisco, "Vom Winde verweht"...

Als Angela Merkel vor exakt drei Jahren als erste deutsche Regierungschefin vor einer gemeinsamen Sitzung beider Kammern des US-Kongresses sprechen durfte, gab sie ein paar sehr persönliche Dinge von sich preis: "Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten – es war für mich lange Jahre meines Lebens das Land der unerreichbaren Möglichkeiten. Mauer, Stacheldraht, Schießbefehl – sie begrenzten meinen Zugang zur freien Welt." Gleich 1990 sei sie mit ihrem Mann das erste Mal im Leben nach Amerika geflogen, nach Kalifornien. "Niemals werden wir den Blick auf den Pazifischen Ozean vergessen. Es war einfach grandios."

Während Merkel noch ihrem amerikanischen Traum nachhing, in der alten, schäbigen, menschenschindenden DDR, waren im Westen viele Sehnsüchte lange gestillt. Bundesbürger gelangten leichter nach New York als nach Ost-Berlin, der Marshallplan der Sieger- und Schutzmacht USA hatte das Fundament für das deutsche Wirtschaftswunder gelegt. Das Wichtigste, was die Amerikaner den Westdeutschen zurückgegeben hatten, aber war eine Idee, die just in Europa entstanden und dort wie kaum anderswo mit Füßen getreten worden war: der Re-Import der Vorstellung einer freien aufgeklärten, demokratischen Verfasstheit, welche in den Vereinigten Staaten bereits am Ausgang des 18. Jahrhunderts politische Wirklichkeit geworden war.

Zur Wahrheit im transatlantischen Verhältnis gehört auch dies: Das Ende des Kalten Krieges vor über zwei Jahrzehnten hat Spuren hinterlassen. Deutschland ist nicht mehr in dem Maße wie früher auf den militärischen Schutz der USA angewiesen, und die heißen Kriege, die Amerika seither führte, die Umstände, unter denen Gefangene noch immer in Guantánamo festgehalten werden, haben nicht nur in Berlin Irritationen hervorgerufen. "Amerikaner kommen vom Mars, Europäer von der Venus", umschrieb der US-Autor Robert Kagan 2003 Unterschiede, die fraglos existieren. Amerika füllt eine Rolle aus, die Deutschland nicht spielen kann und auch nicht will – eine Führungsrolle als Weltmacht, eine Rolle auch, in der etwas zählt, was der deutschen Seele gänzlich fremd ist: Amerika will nicht gefallen.

Aktuell halten nur noch 26 Prozent der Deutschen die USA für das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, was auch daran liegen mag, dass die Möglichkeiten zu Hause längst nicht mehr die schlechtesten sind. Das sehen die US-Bürger übrigens genauso: 48 Prozent – so viele wie noch nie – haben ein gutes bis sehr gutes Bild von Deutschland. Von "New Germany" ist die Rede, von einem High-Tech-Land mit einem vorbildlichen Bildungssystem, niedriger Arbeitslosigkeit, einer klugen Umwelt- und Krisenpolitik in wirtschaftlich schlechten Zeiten – und einer multikulturellen Fußballnationalmannschaft.

Freuen wir uns an dieser Freiheit und an den Möglichkeiten der persönlichen Entfaltung. Vergessen wir aber nie, dass diese Freiheit auch heute bedroht ist und dass sie verteidigt werden muss. Auch Amerika, das ist die bittere Lehre zu Beginn des neuen Jahrtausends, ist nicht unverwundbar. Aber Amerika besitzt noch immer das, was es groß gemacht hat: den Glauben an die eigene Stärke, die Fähigkeit, sich neu zu erfinden, die Kompromisslosigkeit, mit der es an den Idealen der Aufklärung festhält. All das beantwortet die Frage, warum Amerika so wichtig ist – und bleibt.

Politik Seite A 5

Quelle: RP/pst


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