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Analyse
Vereinigte Staaten von Lateinamerika

USA: Vereinigte Staaten von Lateinamerika
So verteilen sich die Anteile der spanischsprachigen Bevölkerung auf die USA. FOTO: rp
Los Angeles. In den Vereinigten Staaten waren die Spanischsprechenden vor zwei Generationen eine winzige Minderheit. Im Jahr 2050 wird einer von vier Amerikanern Latino-Wurzeln haben. Die Metropole Los Angeles ist ein Labor. Von Martin Kessler

Ausgerechnet Fußball ist in der amerikanischsten aller US-Städte die Lieblingssportart. Das liegt aber nicht an einem heimischen Champion oder einer großen Tradition. Fußball ist in vielen Kneipen deswegen zu sehen, weil die größte Gruppe der Bewohner von Los Angeles aus Lateinamerika, vor allem aus Mexiko, stammt. Und sie folgen nicht den US-Fußball-Ligen, sondern den Top-Spielen aus Mexiko. Immerhin sollen die Azteken dort vor mehr als 500 Jahren den Fußball erfunden haben.

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Die Latinos, oder die Hispanics, wie sie in den Formularen der Amerikaner heißen, stellen mit fast 50 Prozent den größten Bevölkerungsteil der Film- und Rüstungsmetropole. Längst haben sie die Weißen (29 Prozent) und erst recht die Afroamerikaner (zehn Prozent) abgelöst. Ähnlich stark anwachsend, wenngleich von einem niedrigeren Ausgangswert, sind die Anteile der Koreaner und Chinesen. Los Angeles, sowohl die engere City als auch die Agglomeration mit ihren rund 17 Millionen Einwohnern, ist die multikulturelle Stadt der Vereinigten Staaten par excellence. Wer den Globus studieren will, muss in die südkalifornische Metropole reisen. Katholische Dome, protestantische Erlöserkirchen, buddhistische Tempel, Moscheen oder Gebetshäuser der Bahai - alles ist in Los Angeles vertreten. Genauso verhält es sich mit Einkaufszentren, Restaurants, Wochenmärkten und Stränden.

Doch dominiert wird die Metropole von den Hispanics. Sie mögen noch nicht überall die Spitzenpositionen besetzen. Aber im Stadtbild, an den Universitäten, bei den Billigjobs und in den schier endlosen Vorstädten sind sie allgegenwärtig. Mit Antonio Villaraigosa stellten sie 2005 auch zum ersten Mal den Bürgermeister der Stadt, ehe der 2013 wieder von einem Weißen, Eric Garcetti, abgelöst wurde.

Die Latinos in Los Angeles verändern sich. Viele Hispanics treten etwa von der katholischen Kirche zu protestantischen Erweckungsbewegungen über. Evangelikale Führer wie Jesse Miranda sind in der Latino-Bevölkerung fest verwurzelt und sehen sich als Missionare für die Pfingstbewegungen. Sie predigen Leistungsbereitschaft und diesseitiges Glück, anders als Fatalismus und den Glauben an jenseitige Gerechtigkeit, den sie bei der katholischen Kirche festmachen. Auch wenn inzwischen einer von sechs Hispanics zum Protestantismus übergetreten ist, vertritt die Papstkirche dennoch die meisten Latinos. In Südkalifornien ist es bereits sichtbar, dass die Vereinigten Staaten zwar spanischer und katholischer werden, aber doch amerikanisch bleiben.

Von Los Angeles und anderen Orten des Südens aus starten die Hispanics ihren Siegeszug durch die USA. Es ist die in Zahlen bislang stärkste Zuwanderung der Geschichte der Landes. Derzeit leben 57 Millionen Latinos in den Staaten - bei einer Gesamtbevölkerung von 321 Millionen. Zur Jahrhundertmitte werden es 106 Millionen von fast 400 Millionen sein. Dann wäre jeder vierte Amerikaner ein Hispanic. In den 50er Jahren waren gerade einmal drei Millionen Amerikaner spanischsprechend.

Für die USA dürfte das eine demografische Revolution auslösen. Denn die Hispanics sind viel jünger als die Gesamtbevölkerung. Die Hälfte der hispanischen Volksgruppe ist 28 Jahre und jünger. Bei Weißen beträgt der Wert 42 Jahre, bei Schwarzen 32. Jugend bedeutet Bewegung und Dynamik. Das wird in den Arbeitsmärkten zu spüren sein. Der Druck auf den Mindestlohn wächst, wenn Hispanics legal oder illegal die meisten der einfachen Jobs übernehmen.

Schon fürchten Konservative, dass die Assimilation der neuen Zuwanderungsgruppe die USA international weniger wettbewerbsfähig machen. Denn die Hispanics verlassen früher die Oberschule als die Weißen, erreichen vergleichsweise weniger Schulabschlüsse und stellen weniger als die Hälfte der Manager und freien Berufe, die ihnen nach ihrer Bevölkerungszahl eigentlich zustünde. Zugleich sind sie anfälliger für Kriminalität. Allein in der Großstadt Chicago soll es mehr als 100 000 spanischsprechende Bandenmitglieder geben. In Los Angeles kontrollieren Lationo-Gangs ganze Stadtteile, in die Polizisten nur selten ihren Fuß setzen.

Doch das Bild der Konservativen greift zu kurz. Tatsächlich bemühen sich die Hispanics, ihren Lebensstandard zu verbessern. Statt Fatalismus ist Erwerbsgeist angesagt. Noch beträgt das Vermögen eines durchschnittlichen Haushalts beschämende 7100 Euro gegenüber 102 000 bei einem weißen Haushalt. Doch auch die größte amerikanische Minderheit hat erkannt, dass Bildung zu höherem Einkommen führt. Die Zahl der Hispanics an den Oberschulen und Colleges steigt. Selbst renommierte Hochschulen wie die University of California Los Angeles (UCLA) haben einen wachsenden Anteil von Latino-Studenten, wenn auch die Gruppe der Asiaten noch schneller zunimmt. Auch die brennendsten sozialen Probleme werden geringer. Die Schwangerschaftsrate bei Minderjährigen hat um 40 Prozent abgenommen und liegt unter der von schwarzen Mädchen. Gleichzeitig bekommen die hispanischen Familien weniger Kinder als früher und können sich umso mehr um die Ausbildung ihres Nachwuchses kümmern. Die Overton High School, eine Oberschule in Nashville, Tennessee, hat einen Schüleranteil von 70 Prozent, die zu Hause nicht Englisch, sondern meistens Spanisch sprechen. Doch gerade die Jungen sehen das nicht als Nachteil. In den USA ist Zweisprachigkeit plötzlich "cool".

Der rasche Aufstieg der Hispanics verläuft nicht ohne Ängste und Aggressionen. Die Farbigen sehen sich bei den einfachen und mittleren Jobs bedrängt. Viele Weiße, die sich der Rechten zugehörig fühlen, dringen auf schnelle Abschiebung der Millionen von illegalen Flüchtlingen. In Texas soll deshalb ein Gesetz fallen, das armen, aber begabten Studenten ein staatliches Stipendium garantiert - unabhängig davon, ob sie legal und illegal im Land sind. Arizona macht regelrecht Jagd auf illegale Einwanderer. Doch auch bei Amerikas Rechten beginnt ein Umdenkungsprozess. Denn in ihren Werten sind die Latinos oft konservativer als andere Bevölkerungsgruppen. Zwei republikanische Politiker, die die Mentalität der Hispanics besonders gut verstehen, sind die Präsidentschaftsanwärter Marco Rubio und Jeb Bush, der mit einer Latina verheiratet ist. Sie könnten Nutzen aus dem gewaltigen Wählerpotenzial der Hispanics ziehen und nicht alles den Demokraten überlassen, die traditionell eher auf Minderheiten setzen.

Quelle: RP
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