Nach Ermordung Hariris: USA ziehen Botschafterin aus Damaskus ab
zuletzt aktualisiert: 15.02.2005 - 21:44Beirut (rpo). Das Verhältnis der USA zu Syrien ist seit längerer Zeit gespannt. Jetzt, nach der Ermordung des ehemaligen libanesischen Ministerpräsidenten Rafik Hariri, hat Washington seine Botschafterin aus Damaskus abgezogen.
Dagegen sagte der EU-Außenbeauftragte Javier Solana der Nachrichtenagentur AP, er sehe keine unmittelbare Notwendigkeit, die Beziehungen zu Syrien zu verändern. Hariris Anhänger machten Damaskus direkt für den Bombenanschlag verantwortlich, bei dem neben dem gemäßigten Oppositionspolitiker 16 weitere Menschen getötet und etwa 120 verletzt worden waren.
Der UN-Sicherheitsrat beauftragte Generalsekretär Kofi Annan, dringend einen Bericht über die Umstände, Ursachen und Konsequenzen des Attentats vorzulegen, und äußerte sich besorgt über die Entwicklung im Libanon vor den geplanten Parlamentswahlen. "Alles muss getan werden, um die Täter zu finden und zu bestrafen", sagte Annan in New York.
Bevor US-Botschafterin Margaret Scobey Syrien verließ, überreichte sie der Regierung eine scharfe Protestnote, wie ein Regierungsmitarbeiter in Washington sagte. US-Präsident George W. Bush hatte das Attentat auf Hariri scharf verurteilt, der als langjähriger Regierungschef eine zentrale Rolle bei der Stabilisierung und wirtschaftlichen Erholung des Libanon nach dem Bürgerkrieg gespielt hatte. Ein Regierungssprecher forderte Syrien auf, einer UN-Resolution des vergangenen Jahres Folge zu leisten und seine 15.000 Soldaten aus dem Libanon abzuziehen.
Die Europäische Union folgte dem Schritt Washingtons zunächst nicht. Er sehe keine unmittelbare Notwendigkeit, die Beziehungen zu Damaskus nach dem Anschlag zu verändern, sagte Chefdiplomat Javier Solana der AP. Zugleich deutete er seine Unterstützung für eine internationale Untersuchung an.
Der Tathergang blieb weiter unklar. Innenminister Suleiman Frandschieh deutete an, dass ein Selbstmordattentäter mit einem Fahrzeug voller Sprengstoff Hariris Autokonvoi gerammt haben könnte. Justizminister Adnan Addum äußerte Zweifel an einem von Al Dschasira ausgestrahlten Video, in dem sich eine Gruppe namens "Beistand und Dschihad in Syrien und Libanon" zu der Tat bekannte. Dieses Video sei möglicherweise ein Versuch, die Ermittlungen in die Irre zu führen. Der Innenminister nannte das Attentat das Werk "internationaler Parteien", hinter dem ein Netzwerk stehe.
Aoun macht Damaskus verantwortlich
Der im französischen Exil lebende frühere libanesische Armeechef Michel Aoun bekräftigte seinen Verdacht, dass Syrien hinter dem Attentat stecke. Damaskus habe das Land "völlig unter Kontrolle", sagte er. Hariri hatte sich gegen die Einflussnahme Syriens gewandt und war im Oktober im Streit über die syrische Rolle im Libanon zurückgetreten.
Sein Sohn Saadeddine antwortete auf die Frage nach dem Grund für die Ermordung seines Vaters: "Das ist doch offensichtlich, oder?" Am Vorabend hatte er an einem Treffen von Oppositionspolitikern teilgenommen, die in einer Erklärung Syrien sowie die jetzige libanesische Regierung für den Anschlag verantwortlich machten.
Während in Beirut am Dienstag gespannte Ruhe herrschte, griffen in Hariris Heimatstadt Sidon Dutzende Demonstranten syrische Arbeiter an. Dabei wurden fünf Syrer leicht verletzt. Hunderte Demonstranten zogen in einem Trauermarsch durch die Straßen, andere versammelten sich vor dem Wohnsitz der Familie Hariri. Vor dessen Residenz in der Hauptstadt bildeten sich lange Schlangen.
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