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Krise in Griechenland: Vermummte regieren in Athens Straßen

VON THOMAS REISENER - zuletzt aktualisiert: 11.03.2010 - 21:19

Athen (RP). Die Proteste gegen das Sparprogramm der Regierung in Athen eskalieren: Am zweiten landesweiten Streiktag innerhalb von zwei Wochen kam es gestern zu Straßenschlachten zwischen Demonstranten und der Polizei. Der Generalstreik legte das öffentliche Leben abermals lahm.

Tränengas riecht süßlich, bevor es in der Nase brennt und in der Lunge sticht. Sekunden später jucken und nässen die Augen so stark, dass man für ein paar Minuten nichts mehr sehen kann. Alles konzentriert sich aufs Gehör: fünf dumpfe Schüsse, die griechische Polizei setzt wieder Tränengas ein. Und die Schlachtrufe der 40.000 Demonstranten in Athen gehen in eine Art Kriegsgeheul über.

Der Protest gegen die Sparmaßnahmen der Regierung eskaliert. Griechenland ist so gut wie bankrott. Mehrwertsteuer, Benzin, Tabak, Alkohol: Ministerpräsident Giorgos Papandreou lässt keine Steuerschraube aus. Das Gehalt der 300.000 Beamten soll um ein Drittel sinken. So etwas hat das Land noch nie erlebt.

 "Ihr habt eure Gewinnen nicht geteilt"

"Ihr habt eure Gewinne nicht geteilt,­ jetzt behaltet auch eure Verluste", hallt es über die enge Stadion-Straße nordöstlich vom Athener Parlament, durch die sich der Demonstrationszug gerade schiebt. Aus den Hochhäusern ringsum gibt es Applaus. Plötzlich kippt die Stimmung: Zuerst steigert sich der Applaus auf den Balkonen zum Stakkato. Dann übernehmen die Demonstranten diesen Rhythmus und brüllen laut. 20 Sekunden später fliegen die ersten Steine.

Fast zeitgleich lösen sich knapp 50 Polizisten mit Protektoren auf den Schultern, Schusswesten, Helmen, Schutzschilden und Gasmasken aus einer am Rand stehenden Hundertschaft und stürmen auf die Menge zu. Schlagstöcke. Geschrei. Noch mehr Steine. Tränengas.

Das "Berksha" geht zu Bruch: Die schmale Boutique mit dem rotem Fensterrahmen und der billigen Jeansmode dahinter ist das erste Opfer des Donnerstags, an dem die Gewerkschaften das Volk zum Generalstreik aufgerufen haben. Ein paar Züge fahren noch, ansonsten steht das öffentliche Leben still.

So still, dass man vormittags um elf noch gar nicht daran glaubt: Die internationale Presse schlürft gelangweilt im "Public Café" Cappuccino. Von da hat man den ganzen Parlamentsplatz gut im Blick: Ein paar Polizisten halten ihre Gesichter in die Frühlingssonne. "Die sind so doof", sagt ein kroatischer Fernsehjournalist noch über die griechische Bevölkerung, "die haben sich ihren eigenen Streik vermasselt."

Vermummte Schläger hinter brennenden Barrikaden

Eine Stunde lang scheint er recht zu behalten: Auf den Straßen ist verdächtig wenig los. Vielleicht, weil die Gewerkschaften den eigentlich für nächste Woche geplanten Generalstreik aus unerfindlichen Gründen kurzfristig vorverlegt haben. Vielleicht auch, weil viele wegen der streikenden Busfahrer erst gar nicht in die Stadt vordringen. "Und dann lassen sie auch noch die Zeitungsredakteure streiken", schüttelt der Kroate den Kopf. "Dann bekommt doch von der ganzen Sache niemand etwas mit."

Wenig später gehen ganz andere Fernsehbilder um die Welt: Vermummte Schläger verschanzen sich hinter brennenden Barrikaden und schleudern Molotow-Cocktails auf die Polizei. Autos brennen, und der schwere Qualm von angezündeten Müllcontainern zieht über das Exarchia-Viertel. Natürlich über das Exarchia-Viertel. Dessen besetzte Wohngebäude sind schon seit 30 Jahren Rückzugsort der Radikalen. Was in Hamburg einmal die Hafenstraße war, ist in Athen heute Exarchia.

Aber diese Bilder zeigen nur die halbe Wahrheit. Der schwarze Block, dessen Mitglieder auch in Griechenland gerne Sturmhauben, Motorradhelme, Lederhandschuhe und Palästinenser-Tücher tragen, bestand gestern aus nicht mehr als 100 Randalierern. Die anderen 40.000 Demonstranten haben den Krawall zwar mit breitem Grinsen goutiert, sich an dem Vandalismus aber nicht beteiligt.

Die U-Bahnstation Panepistimio ist eine Ruine

Nach Polizeiangaben waren es sogar nur "50 gewaltbereite Jugendliche", die immer wieder eine Eskalation heraufbeschworen haben.
Demnach ist Anna für die Polizei eine "gewaltbereite Jugendliche": Sie ist Anfang 40, arbeitet als Grundschullehrerin, ist stolz auf die vielen Schlägereien mit der Polizei und wohnt seit 15 Jahren in Exarchia. "Von meinem Schlafzimmer sehe ich jeden Morgen den Platz, auf dem die Polizei am 6. Dezember 2008 einen 15-Jährigen erschossen hat", sagt sie.

Ihr Gesicht und das ihrer 14-jährigen Tochter Athena hat sie mit dem Magensäure-Binder Maaloxan weiß angemalt. "Das schützt die Haut vor Tränengas" erklärt Anna, als ginge es um Sonnencreme. Ihre bewährte Gasmaske hat sie diesmal Jason überlassen, ihrem Sohn, der kaum älter als Athena ist. "Ich muss ihn ja schützen", begründet Anna das, dreht sich mit ihren Kindern um und setzt die kuriose Straßenlektion fort.

Das Unterrichtsmaterial liegt ihr zu Füßen: Auch wenn es nur 100 Randalierer waren ­ entlang der gesamten Akademias-Straße, die sich vom Parlament bis in das Flüchtlingsviertel Omonoia zieht, ist der Boden mit blütenweißem Marmor-Bruchwerk übersät. Das hat der schwarze Block aus den Bankenfassaden herausgeschlagen, um damit auf die Polizisten loszugehen. Die U-Bahnstation Panepistimio ist seit Donnerstag eine Ruine. Obwohl die preiswerte und auffallend saubere U-Bahn zu den größten sozialen Errungenschaften der Stadt zählt, haben die Randalierer die Stationstreppe in Wurfgeschosse zerlegt.

Quelle: RP

 
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