US-Truppen ziehen ab: Versinkt der Irak nun wieder in Gewalt?
zuletzt aktualisiert: 30.06.2009 - 18:11Washington (RP). Die Iraker feiern. Die US-Truppen haben sich nach sechs Jahren vollständig aus den Städten und Dörfern des Landes zurückgezogen. Die Kontrolle soll nun die neue irakische Armee übernehmen. Es ist die Nagelprobe für die Lebensfähigkeit eines freien Irak: Glückt sie, ist es die Wende für das Land. Glückt sie nicht, droht ein Blutbad.
Überschattet wurde der Abzug von einem schweren Anschlag in der nordirakischen Stadt Kirkuk. Dort wurden nach Angaben irakischer Behörden mindestens 26 Menschen getötet und 70 weitere verletzt, als auf einem Markt im Zentrum ein mit Sprengstoff präpariertes Auto explodierte.
30. Juni 2009. Für die Iraker ein historischer Tag. Künftig sollen rund 500.000 irakische Polizisten und 250.000 irakische Soldaten weitgehend die Verantwortung für die Sicherheit im Lande tragen. Der irakische Präsident Dschalal Talabani dankte den USA für ihren Beitrag im Kampf gegen den Terror.
Zum Countdown lief im Fernsehen eine Uhr mit wehender Flagge und dem Hinweis "30. Juni: Tag der nationalen Souveränität." Der 30. Juni – das ist der Tag, an dem die US-Truppen aus den irakischen Städten abziehen und die Aufgabe, für Ordnung zu sorgen, in die Hände der irakischen Polizei und Armee legen. Gelingt es den Irakern, die Gewalt im Zaum zu halten, wäre das ein Zeichen, dass das Land auf dem Weg zu Stabilität ist. Gelingt es nicht, ist neues Blutvergießen programmiert.
Urlaubssperre zum Gründungstag
Die Zweifel, dass es gelingt, sind in den letzten Tagen gewachsen. Bei Anschlägen vor allem auf schiitische Märkte und Moscheen kamen mindestens 250 Menschen ums Leben. Es ist eine zynische Al-Qaida-Abschiedsfeier für die US-Truppen und der Versuch militanter Gruppen, dem Irak wieder die eigene Tagesordnung aufzudrücken.
Die Regierung hatte den Tag zum nationalen Feiertag erklärt. Zu sehen waren vor allem mit Blumen und Fahnen geschmückte Panzer und gepanzerte Fahrzeuge von Polizei und Armee. Wegen der angespannten Lage hatte die Regierung eine Urlaubssperre für die irakischen Sicherheitskräfte verhängt. Allein im Juni starben im Irak mehr als 200 Menschen bei Anschlägen.
Die Menschen haben Angst
Nun sind die US-Truppen nicht aus der Welt. Die verbliebenen 133.000 amerikanischen Soldaten wurden in den letzten Wochen bereits an den Stadträndern stationiert. Von dort können sie jederzeit von der irakischen Regierung zurück in die Städte gerufen werden. Erst 2011 sollen die Amerikaner weitgehend aus dem Irak verschwunden sein. Es soll aber auch Pläne geben, wonach 50 000 US-Soldaten in Form von Anti-Terror-Einheiten, Militärberatern und Ausbildern im Land bleiben sollen.
Für die 650.000 Mann starke irakische Armee und Polizei schlägt nun die Stunde der Wahrheit. Nach der Anschlagserie der letzten Tage haben die Menschen Angst. "Warum schützt uns die irakische Armee nicht," riefen etwa aufgebrachte Jugendliche in Sadr City und warfen Steine auf irakische Soldaten, nachdem dort in der vergangenen Woche auf einem Markt eine Bombe mindestens 80 Menschen tötete.
Beschwörung der Zuversicht
Es gibt aber auch Zuversicht. Muhammad Askari, Militär-Berater des irakischen Premiers Nuri Al-Malikis, glaubt an Fortschritte. "Die einzige Bedrohung, die wir heute erleben, sind Selbstmordattentäter oder Bombenanschläge," erklärt er in einem Interview mit dem Fernsehsender al Dschasira und erinnert daran, dass in der Vergangenheit al Qaida und andere militante Organisationen zeitweise ganze Provinzen beherrscht hatten.
Zuversicht demonstriert auch der US-Oberkommandierende in Irak, General Ray Odierno. Er bescheinigt den Irakern "unglaubliche" Fortschritte und sieht die Zeit gekommen, ihnen die Verantwortung zu übertragen: "Ich habe jetzt mehr Vertrauen in die irakischen Sicherheitskräfte denn je.
Für US-Präsident Barack Obama gibt es kein Zurück. Die Übergabe der Städte bringt ihn seinem Wahlversprechen einen Schritt näher, diesen unpopulären Krieg zu beenden, der mehr als 4300 US-Soldaten und Zehntausende Iraker das Leben gekostet hat.
Terroristen ohne Ausrede
Premier al-Maliki wiederum sucht sich vor den Wahlen im nächsten Jahr als derjenige zu profilieren, der den Terror besiegt und die amerikanische Besatzung beendet hat. Er war es, der den 30. Juni zum nationalen Feiertag erklärte. Der Abzug der Amerikaner werde "die Sicherheit des Iraks stärken" und der Welt beweisen, dass die Iraker ihre Angelegenheiten selbst regeln könnten", erklärte er.
Mancher Iraker hofft auch auf eine Art Einsicht der Terroristen. "Wer immer für die neuerlichen Anschläge verantwortlich ist: Nach dem Abzug der US-Truppen gibt es keine Ausrede mehr," meint General Kalib Schagati Al-Kenani, Chef des irakischen Anti-Terror-Büros. "Sie haben sich immer gerühmt, gegen die Besatzung zu kämpfen. Nun ist die Besatzung und damit ihre Rechtfertigung weg."
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