Qualvoller Tod in der Wüste -EPD!!!-: Vor 100 Jahren erhoben sich in Deutsch-Südwestafrika die Herero gegen koloniale Unterdrückung
zuletzt aktualisiert: 08.01.2004 - 15:34Frankfurt a.M. (epd). Der deutsche Oberbefehlshaber brüstete sich unverhohlen mit seiner mörderischen Kriegsführung: "Ich vernichte die Aufständischen mit Strömen von Blut und Strömen von Geld." Zu seiner Politik, schrieb Generalleutnant Lothar von Trotha in einem Brief, zählten "krasser Terrorismus" und "Grausamkeit". Der Mann mit dem wilhelminisch gezwirbelten Schnurrbart, Kommandant der so genannten Schutztruppe in Deutsch-Südwestafrika, wähnte sich in einem "Rassenkampf".
Vor 100 Jahren - am 12. Januar 1904 - hatte sich das Volk der Herero gegen die deutschen Kolonialherren im heutigen Namibia erhoben. Der darauf folgende Krieg, der bis 1908 andauern sollte, artete zu einem bis dahin beispiellosen Vernichtungsfeldzug aus. Nach Schätzung der Gesellschaft für bedrohte Völker kamen 65.000 Herero und 10.000 Angehörige der Nama ums Leben - die Mehrheit der beiden ethnischen Gruppen. Die Gräuel gingen als erster von Deutschen begangener Völkermord in die Geschichte ein.
Unter der deutschen Kolonialherrschaft war die indigene Bevölkerung von 1885 an zunehmend verarmt: Gouverneur Theodor Leutwein spielte mit wechselnden Bündnissen die Häuptlinge der Ureinwohner gegeneinander aus. Deutsche Siedler eigneten sich immer größere Länderein an und entzogen so den Herero, einem Volk von Viehzüchtern, die Lebensgrundlage. Eine Rinderpest im Jahr 1897 verschärfte die Notlage der Afrikaner dramatisch.
Es war schließlich der bis dahin als treuer Verbündeter Leutweins geltende Herero-Chef Samuel Maharero, der den Widerstand gegen die Deutschen organisierte. Der erste Schlag der Rebellen - eine Serie von Überfällen auf Farmen und Handelsstationen - traf die Kolonialmacht vollkommen unvorbereitet. Eiligst musste die deutsche Schutztruppe auf etwa 15.000 Soldaten verstärkt werden.
Die Wende zum Genozid nahm der Feldzug mit der Schlacht am Waterberg im August 1904. Nach ihrer Niederlage flüchteten die überlebenden Herero-Kämpfer mit ihren Familien in die Omaheke-Wüste - eine tödliche Falle. Die Deutschen riegelten das Gebiet ab. Ein Befehl von Trothas, auf alle zurückkehrenden Herero zu schießen, wurde zwar nach einigen Wochen vom Kaiser wieder aufgehoben. Zu diesem Zeitpunkt waren jedoch bereits Zehntausende qualvoll verdurstet. Das hatte, wie Aussagen von Trothas belegen, zum Kalkül der Schutztruppe gehört.
Legitimiert wurde die Brutalität mit den um die Jahrhundertwende aufkeimenden Rassentheorien: «Die Afrikaner galten nach diesen Vorstellungen als minderwertig», erläutert der Kölner Afrikanist Reinhard Schmidt-Arendt. Mit Schädelvermessungen und ähnlich abstrusen Methoden sei den Herrschaftsfantasien ein pseudo-wissenschaftlicher Anstrich gegeben worden. «Es gibt also Parallelen zur Ideologie der Nazis.»
In «Deutsch-Südwest» wurden auch die ersten deutschen Konzentrationslager eingerichtet: Dort wurden Herero und später auch Nama - im Kolonialistenjargon verächtlich «Hottentotten» genannt - eingepfercht; Männer, Frauen und Kinder gleichermaßen. Die Nama, lange Zeit mit den Deutschen verbündet, hatten sich nach der Schlacht am Waterberg ebenfalls gegen die Kolonialmacht erhoben. In den ersten KZs der deutschen Geschichte starben Tausende an Seuchen, Unterernährung und an den Folgen von Zwangsarbeit.
Wie der Berliner Historiker Joachim Zeller in einem Aufsatz darlegt, waren diese Internierungslager zwar nicht mit den späteren Todesfabriken der Nazis - also Auschwitz oder Treblinka - gleichzusetzen. Vergleichbar seien sie aber mit Konzentrationslagern wie Buchenwald oder Dachau.
Die Folgen der kaiserlichen Kolonialherrschaft von 1884 bis 1915 reichen bis in die Gegenwart: Von Trotha ließ während des Krieges die indigenen Völker fast restlos enteignen. Land und Vieh wurden den weißen Siedlern zugeschlagen. «An der ungleichen Landverteilung in Namibia hat sich nichts geändert - nach wie vor besitzen die Weißen den Großteil der Agrarflächen», sagt der Afrikanist Schmidt-Arendt.
Und bis heute drängen die Herero - im heutigen Namibia eine Minderheit - auf eine Entschuldigung und Entschädigungszahlungen für das begangene Unrecht. Bislang ohne Erfolg. Die Bundesregierung verweist auf die hohe Entwicklungshilfe, die Namibia aus Deutschland erhält. Außenminister Joschka Fischer (Grüne) sprach bei einem Besuch in Windhoek zuletzt von der deutschen «Verantwortung für die Kolonialgeschichte». In den USA versuchen Herero-Vertreter ihre Forderungen nach Reparation in Milliarden-Höhe seit einigen Jahren gerichtlich durchzusetzen.
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