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Franzosen wählen konservativen Spitzenkandidaten
Erdrutschsieg für Fillon zeichnet sich ab

Vorwahlen in Frankreich: Erdrutschsieg für Francois Fillon zeichnet sich ab
Die beiden früheren französischen Premierminister Francois Fillon (62, l) und Alain Juppe (71) traten in den Vorwahlen gegeneinander an. FOTO: dpa, isl ukit
Der frühere Regierungschef Fillon wird die Vorwahlen der Konservativen haushoch gewinnen. Das legen die ersten Hochrechnungsergebnisse nahe. Sein Rivale Alain Juppé kam nur auf knapp 33 Prozent. Von Christine Longin, Paris

Mit der Unterstützung einer überwältigenden Mehrheit der Konservativen wird François Fillon als Kandidat in die Präsidentschaftswahl nächstes Jahr gehen. Der 62-Jährige entschied die zweite Runde der Vorwahlen laut ersten Teilergebnissen am Sonntag noch deutlicher für sich als erwartet. Mit fast 67 Prozent der Stimmen liegt er uneinholbar vorne gegen den Bürgermeister von Bordeaux, Alain Juppé, der seine Niederlage einräumte.

Der Sieger der Vorwahlen der Konservativen hat laut Umfragen gute Chancen, der nächste Präsident Frankreichs zu werden. Der erzkonservative Fillon, der dem Land eine liberale Rosskur verpassen will, hatte die erste Runde vor einer Woche überraschend deutlich mit 44 Prozent für sich entschieden. Ex-Präsident Nicolas Sarkozy schied dagegen als Drittplatzierter aus.

Sarkozy war nach der ersten Runde ausgeschieden

Nachdem Sarkozy sich für Fillon ausgesprochen hatte, gilt dessen Sieg ohnehin als ausgemachte Sache. Fillon verkörpert das katholische, ländliche Frankreich und hatte unter anderem die Unterstützung der Bewegung gegen die Homo-Ehe, die vor vier Jahren Hunderttausende mobilisiert hatte. Er sprach sich gegen eine multi-kulturelle Gesellschaft aus und forderte die Assimilierung der Einwanderer – ein Begriff, den auch Sarkozy im Wahlkampf oft verwendet hatte.

Allerdings trat der stets brav gescheitelte Fillon nüchtern auf und vermied im Gegensatz zu dem Ex-Präsidenten populistische Parolen. 58 Prozent der Franzosen waren laut dem Meinungsforschungsinstitut "Harris Interactive" der Meinung, dass der Abgeordnete in der vergangenen Woche den besseren Wahlkampf gemacht hatte.

Kontrahent Juppé setzte sich für Frankreichs Vielfalt ein

Der gemäßigte Juppé setzte sich dagegen für die Vielfalt Frankreichs ein, die dessen Reichtum sei. Der 71-Jährige, der seit 40 Jahren in der Politik ist, warb auch um die von den Sozialisten enttäuschten Wähler während Fillon Unterstützung von früheren Kadern des Front National wie dem Europaabgeordneten Aymeric Chauprade erhielt.

Juppé, der bei der Fernsehdebatte am Donnerstag das Ruder nicht mehr herumreißen konnte, wirkte zum Schluss müde und resigniert. Der frühere Außenminister und Regierungschef hatte fast zwei Jahre lang in den Umfragen vorne gelegen und war erst auf den letzten Metern von Fillon überholt worden, der lange als "Mister Nobody" galt. Die Sonntagszeitung "Journal du Dimanche" verglich Juppé mit dem "müden General einer niedergeschlagenen Armee". 

Bei Sozialisten zeichnet sich Kandidatur von Valls ab

Ein Erfolg war für die konservativen Republikaner, die zusammen mit den Parteien der Mitte erstmals Vorwahlen abhielten, die Beteiligung von mehr als vier Millionen an beiden Sonntagen. Bei den Sozialisten hatten im Jahr 2011 2,7 Millionen Wähler abgestimmt. Die Regierungspartei hält im Januar ihre Vorwahlen ab. Ob François Hollande da noch einmal antreten wird, will der Präsident im Dezember bekanntgeben.

Seit der Veröffentlichung des Buches "Un président ne devrait pas dire ça" (Ein Präsident sollte das nicht sagen), in dem Hollande über Freund und Feind herzieht und Verteidigungsgeheimnisse ausplaudert, wird seine Kandidatur von Parteifreunden offen angezweifelt. Am Samstag schlug der Präsident der Nationalversammlung, Claude Bartolone, vor, dass sich sowohl Hollande als auch Regierungschef Manuel Valls um die Präsidentschaftskandidatur bewerben sollen. 

Fillon plant rigorose Wirtschaftsreformen

Valls zeigte sich in einem Interview mit dem "Journal du Dimanche" zu der Aufgabe bereit. "Jeder muss verantwortungsbewusst nachdenken. Ich werde meine Entscheidung bewusst fällen." Fillon und dessen "brutales Programm" griff der Regierungschef scharf an. Der Kandidat plant ein Ende der 35-Stunden-Woche, die Streichung von 500.000 Stellen im öffentlichen Dienst, eine Mehrwertsteuererhöhung von zwei Prozentpunkten, ein höheres Rentenalter und staatliche Einsparungen über 100 Milliarden Euro.

Frankreich wählt nächstes Jahr am 23. April und 7. Mai in zwei Wahlgängen einen neuen Präsidenten. Umfragen sagen den Einzug der Rechtspopulistin Marine Le Pen in die Stichwahl voraus, wo sie gegen den konservativen Kandidaten verlieren dürfte. Die Sozialisten haben den Meinungsforschern zufolge keine Chance, in die zweite Runde einzuziehen. 

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