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Warum ein Deutscher US-Truppen führt

Analyse: Warum ein Deutscher US-Truppen führt
Markus Laubenthal (51). FOTO: Bundeswehr
Wiesbaden. Erstmals wird ein ausländischer General, ein Soldat der Bundeswehr, offiziell Chef des Stabes der US Army in Europa. Es ist ein wichtiges politisches Signal: Nach der NSA-Spähaffäre soll in Deutschland neues Vertrauen wachsen. Von Helmut Michelis

Wenn Markus Laubenthal (51) heute seinen Dienst als Chef des Stabes im Hauptquartier der US-Landstreitkräfte in Wiesbaden antritt, wird er seine deutsche Uniform anbehalten. Doch der gebürtige Aachener schreibt transatlantische Geschichte: Erstmals seit Friedrich Wilhelm von Steuben (1730-1794), George Washingtons Stabschef im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, übernimmt wieder ein deutscher Offizier eine bedeutende Führungsaufgabe in den US-Streitkräften - ganz öffentlich, mit allen Rechten und Pflichten und von beiden Staaten mit großem Wohlwollen betrachtet.

Laubenthal wird, hinter zwei US-Generalen, in der amerikanischen Führungsstruktur die Nummer drei in Europa. Die US Army Europe umfasst mehr als 37 000 Soldaten, die in Deutschland und Italien stationiert sind. Der deutsche Offizier stößt in Wiesbaden auf die Namen berühmter früherer Kommandeure: Der spätere US-Präsident Dwight D. Eisenhower und der Weltkriegs-Held George Patton gehörten einst dem hohen Stab an. Mit den umstrittenen Einsätzen von US-Kampfdrohnen gegen Terroristen wird Laubenthal dagegen nichts zu tun haben - dafür ist das Kommando Africom in Stuttgart zuständig.

Aber ein deutscher General, der kraft seines Amtes Zugang zu den geheimsten US-Militärdokumenten erhält und Entscheidungen treffen muss, die möglicherweise den Interessen der Bundesregierung zuwiderlaufen? Hinter dieser Personalie steht diesseits und jenseits des Atlantiks die hohe Politik, die die Wellen der Empörung zu beruhigen versucht: Die Berufung Laubenthals ist, unausgesprochen, auch eine vertrauensbildende Maßnahme Washingtons, um das durch die NSA-Abhöraffäre schwer geschädigte deutsch-amerikanische Verhältnis wieder zu kitten. Die US-Truppenzeitung "Stars and Stripes" lässt dies in einem großen Bericht über Laubenthal anklingen: "Einige in Deutschland haben nahegelegt, dass die Beziehungen des Landes zu den Vereinigten Staaten im Sog der Spionage-Affäre neu bewertet werden sollten."

Ein deutscher Stabschef in der US Army soll auch ein Signal an die nord- und osteuropäischen Nato-Verbündeten sein, die sich zunehmend von der russischen Aufrüstung und vom Säbelrasseln des Präsidenten Wladimir Putin bedroht fühlen. Die Amerikaner bekennen sich mit der Aufnahme eines Europäers in ihre militärische Führungsstruktur deutlich zu dieser Verteidigungsallianz. Der deutsche General wird künftig mitzuentscheiden haben, wenn es um Manöver wie "Rapid Trident" ("Schneller Dreizack") geht, eine Übungsreihe, die traditionell unter Führung der Ukrainer stattfindet, und um die Präsenz von US-Truppen in Polen und im Baltikum, die allgemein zum Schutz der beunruhigten Verbündeten weiter ausgebaut werden soll.

Die Ernennung Laubenthals hatte sich verzögert, weil die Rahmenbedingungen offenbar zunächst nicht geklärt waren. Am 30. Juli wurde dann aber im Washingtoner Pentagon, dem Verteidigungsministerium, ein Abkommen geschlossen, das die Bedingungen genau festlegt, unter denen deutsches Personal aus dem Verteidigungsbereich zum US-Heer entsandt wird. Das Papier regelt auch den Umgang mit Geheimsachen, eventuelle Disziplinarmaßnahmen und sogar die Anzugsordnung und die Vergütung der Umzugskosten.

Der deutsche General hat bereits vielfältige Erfahrungen mit der US Army gesammelt. Als Kommandeur der Panzerbrigade 12 "Oberpfalz" arbeitete er mit dem 2nd Cavalry Regiment im bayerischen Vilseck zusammen; die beiden Verbände haben sogar eine Patenschaft abgeschlossen. Bei Einsätzen im Kosovo und in Afghanistan war sein Kontakt zu US-Soldaten ebenfalls eng. Laubenthals neuer Kommandeur, Generalleutnant Donald Campbell, spricht von einem wichtigen Ereignis in der deutsch-amerikanischen Zusammenarbeit. Es sei "ein kühner, großer Schritt", wenn es gelte, "in einem multinationalen Umfeld mit unseren deutschen Verbündeten zusammenzuarbeiten".

Im US-Militär und bei den Veteranen stößt diese Entscheidung indes nicht überall auf Beifall: Leser der US-Zeitung "Army Times" empören sich in der Internet-Meinungsspalte, Präsident Barack Obama erniedrige damit Amerika, die Soldaten müssten diesem General den Befehl verweigern, es sei ein "Gruß an die Nazis" - noch die harmloseren Kommentare. Ein Spötter befürchtet, dass Obama demnächst wohl auch einen palästinensischen Hamas-Führer im US-Generalstab einsetzen werde.

Die Kritiker sind aber in der Minderheit: Die Kontakte zwischen den deutschen und amerikanischen Soldaten gelten seit Jahrzehnten als sehr gut; die US Forces lieferten schon 1955 die wichtigsten Beiträge zum Aufbau der neuen deutschen Streitkräfte.

Deutschland stellt heute den höchsten Anteil ausländischer Soldaten, die in den USA stationiert sind: 1300 Bundeswehr-Angehörige leben dort, oft mit Familienangehörigen. Meist gehören sie zur Luftwaffe und werden in den USA ausgebildet, zum Beispiel am Flugabwehr-System "Patriot". Unter das neue Abkommen fallen vor allem Stabsoffiziere der Bundeswehr, die als Verbindungsoffiziere zu den US-Streitkräften oder als Dozenten eingesetzt sind, zum Beispiel an der Air Force Academy in Colorado Springs oder an der Kampftruppenschule in Fort Leavenworth.

2013 war die Fregatte "Hamburg" für ein halbes Jahr fest einer US-Flugzeugträgerkampfgruppe unterstellt und übernahm die Flugabwehr, was es vorher in dieser klaren Zuordnung noch nie gegeben hatte. Ein Deutscher an der Spitze eines amerikanischen Stabes ist allerdings regelrecht revolutionär: Noch vor wenigen Jahren hatte sich ein hoher deutscher General bitter beklagt, weil die US-Verbündeten ihm in Afghanistan als Nicht-Amerikaner den Einblick in wichtige Pläne strikt verweigert hätten.

Quelle: RP
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