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Nahost
Israel sucht seine Identität

Warum Israel gespalten ist
Ein orthodoxer Jude betet an der Klagemauer in Jerusalem. (Archiv) FOTO: dpa, rj lof jai
Jerusalem. Juden, Christen und Araber. Strenggläubige und Säkulare. Die neue und die alte Generation: Israel hat viele Gesichter. Und die Erinnerung an den Holocaust schweißt das Land nicht mehr so zuverlässig zusammen wie einst. Von Jessica Balleer

Oben auf dem Herzlberg stehen sie zusammen und singen, stolz und voller Leidenschaft, von einer Freiheit, die es hier nicht wirklich gibt. Sie singen von der zweitausend Jahre alten Hoffnung, ein freies Volk zu sein, in ihrem eigenen Land Zion und in Jerusalem. Israelische Spitzenpolitiker, Holocaust-Überlebende und Hunderte Familienmitglieder haben sich für die israelische Nationalhymne erhoben: "Hatikwa", die Hoffnung.

Die Kälte der Nacht liegt über Jerusalem. Betroffenheit am Holocaust-Gedenktag. Sie täuscht darüber hinweg, dass sich das Land seit der Staatsgründung im Mai 1948 und bis heute auf der Suche befindet. Und dass Identität und Stabilität eine bislang unerfüllte Hoffnung sind. Scharfschützen auf den Dächern der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem sichern diese Zeremonie. Die Uniformierten halten sich im Schatten auf, verborgen vor den Gästen, während sich auf der Bühne politische Widersprüche zeigen.

"Der Holocaust darf kein Gefängnis sein"

Ein nachdenklicher Staatspräsident steht am Mikrofon. Reuven Rivlin widerspricht seinem verstorbenen Mentor Menachem Begin. In die Amtszeit Begins, des ehemaligen Ministerpräsidenten und Außenministers Israels, fällt der zweite Libanonkrieg 1982. "Ein Nicht-Angriff auf den Libanon bringt uns ein zweites Treblinka", hatte Begin damals gesagt. "Ein Fehler", sagt Rivlin an diesem Abend. "Der Holocaust darf kein Gefängnis sein, von dem aus Israel die Welt betrachtet. Der Holocaust ist tief in unsere Seelen eingebrannt. Aber er darf nicht die Angriffshaltung rechtfertigen, die wir bei jeder Kritik an unserem Staat einnehmen." Die Welt teile sich nicht in "Gerechte unter den Völkern" auf der einen und Nazis auf der anderen Seite. Menschlichkeit sei die fundamentalste Wahrheit eines jeden Juden.

Amit Tau (rechts) ist Soldatin in Israel. FOTO: IDF

Dann aber betritt Premierminister Benjamin Netanjahu die Bühne. "Bibi", wie ihn alle in Israel nennen, spricht ausschließlich davon, dass sich Israel gegen seine Feinde verteidigen müsse. "Nach 1000 Jahren Antisemitismus ist es naiv zu glauben, der Hass gegen den Staat der Juden, gegen Israel sei verschwunden. Die Starken überleben, während die Schwachen untergehen." Die Erinnerung an den Holocaust, an die Ermordung von sechs Millionen europäischen Juden, sie bestimmt bis heute das streitbare Selbstbild Israels. Die Politiker sprechen zu einem Volk, das mit dem täglichen Terror leben muss. Ein Volk, das viele Gesichter hat.

Nirgendwo zeigen sich die Unterschiede so stark wie auf den Straßen Jerusalems, wo Juden, Christen und Muslime zusammenleben. Die ultraorthodoxen Juden erkennen den Staat Israel nicht an, leisten keinen Wehrdienst und leben abgekapselt. Dann ist da die große Mitte der Gesellschaft, die die religiösen Einschränkungen des öffentlichen Lebens häufig ablehnt. Selbst viele der Siedler in der Westbank leben dort nicht ausschließlich aufgrund nationalistischer Überzeugungen, sondern auch aus opportunistischen Motiven - weil der Wohnraum in den größeren Städten knapp und unerschwinglich geworden ist und man in den Siedlungen gut leben kann. Ob und wie viel Platz Araber in ihrem Staat haben sollten, ist selbst unter gemäßigten orthodoxen Juden sehr umstritten. Der Riss zieht sich aber nicht nur quer durch die Religionen. Er spaltet auch die Generationen.

Auf dem Herzlberg öffnet sich der Blick auf dieses Jerusalem. Nur wenige Hundert Meter entfernt liegt das Parlament - die Knesset. Jahrzehntelang machten Regierungsmehrheiten von hier aus eine Politik, die vor allem von der Angst vor einem zweiten Holocaust getrieben war. Ein Argument, um Militäreinsätze und den andauernden Konflikt mit den Palästinensern nach innen und außen zu rechtfertigen. Israels Politik fußte auf der Idee, man müsse eine universelle Lehre aus dem Holocaust ziehen: ihn als einmaliges, schreckliches Vergehen am jüdischen Volk zu verstehen und mit allen Mitteln zu verhindern, dass er sich wiederholt. Juden in der Diaspora haben das Land Israel daher als Zufluchtsort verstanden.

"Wir Soldaten beschützen unser Volk"

Dafür steht selbst heute noch die junge Generation ein. Schulabsolventen wie Amit Tau, die glauben, Angriff sei der beste Weg zur Verteidigung. Tau war gerade 18 Jahre alt geworden, als sie zum ersten Mal ein Sturmgewehr bediente. Zwei Wochen nach ihrem Eintritt in die "Israel Defense Forces" (IDF), die israelische Armee, folgte das erste Schießtraining. "Das ist doch normal", sagt sie. Denn den Anblick bewaffneter Soldatinnen und Soldaten sind Israelis nicht nur gewohnt, sie sind dankbar für diesen Schutz. "Ich habe eine Mission für Israel", sagt die 20-Jährige. Sie diene nicht nur in der israelischen Armee, weil es die Wehrpflicht von zwei Jahren für israelische Frauen vorschreibt. Amit hat sich freiwillig für den Dienst gemeldet: "Wir Soldaten beschützen unser Volk."

Ihre Eltern, sagt Amit, seien stolz auf ihre Tochter. Derzeit gehört die junge Frau einer besonderen Einheit an, die bei Eilat die südliche Grenze zu Jordanien bewacht. Der bedrohlichste Feind ist die Terrororganisation Islamischer Staat (IS). .Amit Tau ist Teil des neuformierten Bardelas-Bataillons - "Bardelas" bedeutet Geparden. Es ist die dritte gemischte, aus Frauen und Männern bestehende Einheit der israelischen Armee. Der militärische Alltag ist immer gleich: Die Einheit fährt zur jordanischen Grenze und patrouilliert dort. Natürlich wisse sie, sagt Amit, dass auch Europa mehr und mehr mit dem Terrorismus konfrontiert werde. In Israel sei dies aber noch deutlich schlimmer. Hisbollah, Hamas, IS: "Israel ist von Feinden umzingelt", sagt sie. Ein Gespräch über innere Konflikte, zivile Opfer oder asymmetrische Kämpfe in den besetzten Gebieten mit Amit ist aber kaum möglich. Eine Pressesprecherin der IDF geht dann sofort dazwischen.

Dass israelische Soldaten in sehr belastende Situationen kommen, beweisen Aussagen der im Gaza-Krieg 2014 eingesetzten Soldaten. Die israelische Menschenrechtsorganisation "Das Schweigen brechen" hatte die Berichte 2015 veröffentlicht. Also eben jene Nichtregierungsorganisation, mit deren Vertretern sich Bundesaußenminister Sigmar Gabriel bei seinem Israel-Besuch Ende April getroffen hat, was Ministerpräsident Netanjahu dazu bewegte, sein Treffen mit dem deutschen Gast abzusagen.

Träume für die eigene Zukunft hat Amit Tau dennoch: Sie will nach dem Wehrdienst Jura studieren. Und sie will reisen, sagt sie. Barcelona ist ein Traumziel der 20-Jährigen. Berlin hat sie schon gesehen, war dort shoppen und hat "zu viel Bier" in Bars getrunken. Was junge Erwachsene eben tun.

Anders als Amit Tau, ist Ibrahim Salameh (52) bereits ein Reisender. Der Palästinenser und katholische Christ ist ein Grenzgänger, seit 1992 arbeitet er als einer von wenigen Touristenführern im israelisch-palästinensischen Grenzgebiet. Salameh sagt, die Saison 2017 sei seit Langem die erste, die wirklich gut laufe. Nach Angaben der Tourismusbehörde lag die Zahl der Gäste mit 349.000 rund 38 Prozent über der des Vorjahres. Seit Januar haben rund eine Million Menschen das Land besucht. "Die Touristen kommen aber nur, wenn es ruhig bleibt." Pilgertouren seien vor allem bei Europäern und Amerikanern beliebt. Zwei Tage Palästina besichtigen, meist Bethlehem und Jericho, und dann Israel.

Zwei Pole, die beide Israel darstellen

Als Reiseleiter habe er einen Sonderstatus, erklärt Salameh. Das mache für seine Kunden vieles einfacher. "Alleine und ohne Reisegruppe wird es am Checkpoint schon schwieriger." Morgens wollen 5000 bis 6000 durch die Kontrolle bei Jerusalem, das dauert. Der Konflikt zwischen Israel und Palästina belaste seinen Alltag aber nicht. Heute sei alles frei, der Umgang miteinander offener. "Im Tourismus braucht es gute Beziehungen auf zwei Seiten, sonst hängen beide in der Luft. Ich mache einfach meine Arbeit." Und worauf hofft er in Zukunft? Salameh sagt, jeder könne Frieden von sich in die Familie und in die Gesellschaft tragen. "Man kann nicht in diesem Land leben, wenn man keine Hoffnung hat." Wer mit der Vergangenheit abschließen könne, für den führe ein Weg in die Zukunft.

Ein neues Wohnungsprojekt der israelischen Siedlung Maale Adumim bei Jerusalem. (Archiv) FOTO: dpa, OB fgj

Wie kann es sein, dass sich 8,3 Millionen Israelis darauf nicht verständigen können? Eine Autostunde gen Westen schauen junge Israelis durch große, bunte Sonnenbrillengläser auf all diese Probleme.

Schweiß im Frühsommer an der Strandpromenade von Tel Aviv. Hier joggen, shoppen und feiern die Israelis, deren Welt sich nicht um Politik oder Religion, um Vergangenheit und den Holocaust dreht. Eine neue Generation lebt hier ihren Traum: Während Jerusalem betet, macht Tel Aviv die Nacht durch. Dies sind zwei Pole, die beide Israel darstellen, aber unterschiedlicher kaum sein könnten.

Quelle: RP
 
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