Unruhen in der arabischen Welt: Was die Proteste in Bahrain und Libyen anstachelt
zuletzt aktualisiert: 17.02.2011 - 14:27Manama/Tripolis (RPO). In Bahrain werden die Proteste gewaltsam niedergeschlagen, in Libyen wird zu einem "Tag des Zorns" aufgerufen. Die Proteste, die von Tunesien und Ägypten ausgingen, erfassen nun auch die beiden Ölstaaten. Den einen, in dem ein König herrscht, und den zweiten, in dem der Herrscher wie ein König agiert.
Muammar Gaddafi liebt den großen Auftritt. Seine Ausbrüche bei internationalen Konferenzen sind bekannt, und in Italien belehrt er immer wieder hübsche junge Damen über den Islam. Der despotische Machthaber gibt sich gern, als hätte er alles im Griff und unterlässt es nicht, dass westliche Ausland zu attackieren. Doch nun sieht er sich Protesten in seinem Land ausgesetzt, die so gar nicht in das Bild des alles überragenden Herrschers passen.
Wo Gadaffi sich gern königlich gibt, da herrscht in Bahrain tatsächlich ein König: Scheich Hamad bin Isa Al Chalifa. Auch er sieht sich Protesten der Bevölkerung ausgesetzt, auch er bekommt die Auswirkungen der Geschehnisse in Tunesien und Ägypten zu spüren. Allerdings richten sich die Proteste dort eher gegen das sunnitische Regime von Ministerpräsident Scheich Chalifa bin Salman Al Chalifa statt gegen den König selbst, auch wenn die beiden verwandt sind.
Und so sagt auch der Nahost-Experte Erich Gysling gegenüber dem Schweizer Fernsehen, die Bevölkerung wolle Reformen, "aber nicht unbedingt den Rücktritt des Königs". Er schließt aber auch nicht aus, dass sich das eines Tages wandeln könnte.
Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten
Die Situation in anderen arabischen Ländern
Algerien
In der Hauptstadt Algier sind für kommendes Wochenende ein Protestmarsch und Streiks angekündigt. Außenminister Medelci tut die Proteste als „Minderheitsaktion“ ab.
Jordanien
Seit fünf Wochen regen sich immer wieder Proteste. Die Regierung hat das Demonstrationsrecht gelockert. König Abdullah II. will außerdem das Wahlrecht reformieren.
Syrien
Das autokratische Regime hat gerade erst eine 19-jährige Bloggerin zu fünf Jahren Haft verurteilt. Gleichzeitig werden Subventionen an Bauern und Arme verteilt.
Palästinenser-Gebiete
Unter dem Eindruck der Revolution in Ägypten ist das Kabinett der Autonomie-Regierung zurückgetreten.
Jemen
Demonstranten haben nach ägyptischem und tunesischem Vorbild zu „Tagen des Zorns“ aufgerufen und fordern den Rücktritt des Präsidenten Saleh.
Iran
In Teheran kam es zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und regimetreuen Milizen. Dabei wurden mindestens zwei Demonstranten getötet.
Nicht nur, was die Herrscherstruktur betrifft, auch in vielen anderen Dingen unterscheiden sich Bahrain und Libyen massiv. Das beginnt schon allein bei den Beweggründen für die Demonstrationen. So flammt etwa in Bahrain wieder ein jahrhundertealter Konflikt auf, nämlich jener zwischen Schiiten und Sunniten.
Die Mehrheit der Bevölkerung in Bahrain ist - im Gegensatz zu vielen anderen arabischen Staaten - schiitisch, die Herrscher aber sunnitisch. Und so beklagen die Menschen im Land, dass sie etwa vom Arbeitsmarkt oder vom Wohnungsmarkt ausgeschlossen werden. Auch hat das Land im Gegensatz zu Libyen selbst kaum Öl, wovon die Bevölkerung profitieren könnte.
Allerdings konnte sich die sunnitische Herrscherkaste bisher immer behaupten. Seit 1783 hat sie die Zügel der Macht bereits in der Hand, zunächst im Emirat, später schließlich in einer konstitutionellen Monarchie mit einem gewählten Parlament, so wie sie auch heute noch besteht. Dass der König selbst abdanken muss, scheint dahere noch weit entfernt. Weiten sich die Proteste aus und ein Umsturz wie in Tunesien und Ägypten würde gelingen, dann wird es wohl erstmal den Ministerpräsidenten treffen. Dann aber sind Reformen nötig, um das Land zu beruhigen und den König im Amt zu halten.
Eine verarmte libysche Bevölkerung
In Libyen dagegen hat der Machthaber selbst einiges in der Hand, um die Demonstranten zu beruhigen. Denn hier geht es nicht um ethnische Konflikte, sondern um die verarmte Bevölkerung mit einer Arbeitslosigkeit von 30 Prozent. Das Land selbst aber ist nicht arm, die Geschäfte mit dem Öl laufen gut. Nur kommen sie eben nicht bei der Bevölkerung an.
Es ist eine Ausgangssituation, wie sie auch in Tunesien und Ägypten vor den Umstürzen vorherrschte. Hunger macht wütend. Trotzdem rechnen Experten nicht damit, dass ein Umschwung wie in Ägypten möglich wäre. Zu sehr habe Gaddafi bisher alles im Griff. Außerdem seien die Proteste auf die Stadt Benghasi beschränkt, die von jeher nicht viel mit Gaddafi anfangen kann.
Viel war in den vergangenen Wochen geredet worden von der Welle der Proteste, die über die anderen Länder hinwegschwappen könnte. Libyen und Bahrain jedenfalls scheinen vom ägyptischen oder tunesischen Weg weit entfernt zu sein.
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