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Tony Blair in der Kritik
Was Sie über die Untersuchung zum Irakkrieg wissen müssen

Was Sie über die Untersuchung zum Irakkrieg wissen müssen
Der Untersuchungsbericht enthüllt: Ex-Premierminister Tony Blair und seine Regierung haben schwere Fehler gemacht. FOTO: dapd, Sang Tan
London . Der Schlag trifft Tony Blair hart. Jetzt hat der Ex-Premier es schwarz auf weiß: Er hat britische Truppen voreilig und auf Grundlage falscher Berichte in den Irakkrieg geschickt. Trotzdem darf der Ex-Premier auch erleichtert sein – ein Vorwurf fehlt.

2,6 Millionen Wörter, rund dreimal so lang wie eine Shakespeare-Gesamtausgabe ist der Untersuchungsbericht zum Irakkrieg, auf den die Briten sieben Jahre lang gewartet haben. Drin steht, was viele schon längst ahnten oder wussten: Ex-Premierminister Tony Blair und seine Regierung haben schwere Fehler gemacht.

Um was geht es? Vor allem um die Frage, warum Großbritannien 2003 unter Führung der USA in den Irakkrieg gezogen ist und Machthaber Saddam Hussein gestürzt hat. Premierminister war damals Tony Blair, US-Präsident war George W. Bush. Die offizielle Begründung für den Krieg lautete, der Irak besitze Massenvernichtungswaffen. Untersucht wurden aber auch die Einsatzplanung, Ausrüstung und Vorkehrungen für die Zeit nach dem Rückzug der Alliierten aus der Region. Es gab übrigens schon vier kleinere Untersuchungen zum Irakkrieg in Großbritannien.

Warum ist das so heikel? Wie auch in Deutschland war der Krieg in Großbritannien extrem umstritten – und im Gegensatz zu Deutschland machten die Briten mit. Einige Mitglieder von Blairs Labour-Regierung traten aus Protest zurück, Millionen gingen auf die Straße. Inzwischen gilt es längst als erwiesen, dass die angeblichen Massenvernichtsundwaffen ein Vorwand waren, um Saddam Hussein loszuwerden. Die Briten beschäftigt vor allem die Frage, ob Blair gelogen und Fehler gemacht hat – viele dachten, der Bericht werde absichtlich verzögert, um ihn zu schützen. Immerhin kamen 179 britische Soldaten bis 2009 ums Leben.

Und hat Blair denn nun gelogen? Dem Bericht zufolge nicht – das ist dann aber auch alles. Er hätte die Geheimdienst-Berichte hinterfragen müssen, sagte John Chilcot, der die Untersuchung geleitet hat. Stattdessen habe er sie als Beweise verkauft, sich nicht mit dem Kabinett abgesprochen, nicht alle Möglichkeiten einer friedlichen Lösung ausgeschöpft und Bush schon acht Monate vor der Invasion "unbedingte" Unterstützung beim Sturz Saddam Husseins zugesagt.

Was steht sonst noch im Bericht? Nicht viel Gutes: Die britischen Truppen seien schlecht ausgerüstet in den Krieg gezogen, die Besetzung der irakischen Provinzen sei "gänzlich unzureichend" geplant gewesen, die Regierung habe die Folgen und Risiken der Invasion unterschätzt und die USA nicht ausreichend unter Druck gesetzt, Pläne für die Zeit nach dem Krieg zu machen. Dass die Region destabilisiert werden und die Terrorgruppe Al-Kaida erstarken könnte, sei vorab klar gewesen.

Wie reagiert Blair? Sichtlich angeschlagen. Mit brüchiger Stimme und den Tränen nah beschrieb er, wie schwer ihm die Entscheidung für den Krieg gefallen sei und dass er nur das Beste gewollt habe für sein Land. Die Welt sei ohne Saddam Hussein ein besserer Ort, sagte er, die Soldaten seien nicht umsonst gestorben. Er übernehme die "volle Verantwortung" für die Fehler – habe aber nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt.

Wie reagieren die Briten? Schon vor der Veröffentlichung des Berichts demonstrierten Kriegsgegner und Angehörige der Opfer in London. Sie sehen sich darin bestätigt, dass ihr Land sich nie an dem Einsatz hätte beteiligen dürfen. Einige Hinterbliebene der getöteten Soldaten nannten Blair einen Terroristen und drohten damit, ihn vor Gericht zu zerren.

Hat das irgendwelche Folgen? Juristisch nicht. Politisch ist das Ergebnis vor allem für Labour heikel. Die Partei war 2003 in der Kriegsfrage tief gespalten. Jeremy Corbyn, der aktuelle Parteichef, war ein erbitterter Gegner des Militäreinsatzes. Allerdings verzichtete er am Mittwoch darauf, Blair beim Namen oder gar einen Kriegsverbrecher zu nennen, wie manche erwartet hatten – und vermied damit noch größeren Streit, als nach dem Brexit-Votum der Briten bei Labour ohnehin schon herrscht.

(dpa/jeku)
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