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Reise-Blog
Wenn Politiker Kaninchen verschenken

Fotos: RP-Redakteurin Jasmin Buck in China
Fotos: RP-Redakteurin Jasmin Buck in China FOTO: RP Jasmin Buck
China. Die Luft in Chinas Hauptstadt kann schon mal aufs Gemüt schlagen, wie RP-Redakteurin Jasmin Buck bereits an ihrem ersten Tag der Reise feststellt. Sie begleitet NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft für eine Woche durch China. Seien Sie im Reise-Blog dabei. Von Jasmin Buck

Sieben Tage hat die SPD-Politikerin Zeit, um den wirtschaftlichen Austausch und das Verständnis zwischen beiden Nationen voranzutreiben. Ob der als Kümmerin bekannten Landesmutter das gelingt und wie das Riesen-Reich auf eine junge West-Europäerin wirkt, können Sie täglich in unserem Reise-Blog nachlesen. Wir aktualisieren diese Seite mit den neusten Reisebeiträgen.

Gedankenspiele zum Abschied

20 Millionen Menschen zieht es in China pro Jahr vom Land in die Städte. Innerhalb von vier Jahren kann das Reich der Mitte kurzerhand Landesteile mit der Bevölkerungsgröße von Deutschland umsiedeln. Oder muss es jedenfalls. In der Provinz Sichuan entsteht innerhalb von knapp 20 Jahren eine ganze Metropole, die sechs Millionen Menschen eine neue Heimat geben will. Am  Ende wird das gesamte Areal so aussehen wie in einem Sciencefictionfilm. Das größte Gebäude der Welt steht ebenfalls in China: ein riesiges Shoppingcenter mit Swimmingpools und Bowlingbahnen. Kurzum: China entwickelt sich rasant. Der Sciencefictionfilm ist keiner. Alles ist echt. Ob das allen Europäern wirklich bewusst ist?

Wo wurde dieses Bild aufgenommen? FOTO: Jasmin Buck

Sollte es. Denn das Land ist wichtig für Deutschland, für unsere Wirtschaft, für große und kleinen Firmen. Wir verkaufen bereits jetzt viel von unserem Know-how in das 1,4-Milliarden-Reich. Vor allem NRW ist ein wichtiger Handelspartner. Politiker bereisen China, um alte Kooperation zu stärken und neue zu schaffen. Das ist richtig so. Und Teil des Systems. Doch nicht alles, was in China passiert, funktioniert auch. Was beim Smog in den Metropolen beginnt, geht über Menschenrechtsverletzungen, die die meisten am besten ausblenden und endet bei einer politischen Ausübung, die für viele Europäer unvorstellbar ist. Auch für uns Deutsche.

Politik ist ein schwieriges Geschäft. Doch egal, für was man sich einsetzt, was man für richtig hält oder worüber man sich aufregt: Demokratien besitzen einen entscheidenden Standortvorteil: die freiheitliche Grundordnung. Freies Denken führt zu Kreativität und Sicherheit. Und das gepaart mit Schnelligkeit ist der Schlüssel zur Innovation. Genau das brauchen die Unternehmen, braucht die Wirtschaft, braucht Deutschland, um im globalen Wettbewerb zu bestehen.

Wir sollten diesen entscheidenden Standortvorteil nutzen - und dabei nicht vergessen, dass Europa diese Aufgabe nur durch Zusammenhalt meistern kann. Denn auch außerhalb Chinas läuft zurzeit einiges falsch.

Mit diesen Gedanken verabschiede ich mich aus China. Es war eine aufregende Zeit.

Duisburg: China-Präsident Xi besucht Hafen FOTO: dpa, fg lre

Freitag, 24. April, 19.45 Uhr

Johannes Rau soll in moralischen Fragen unerbittlich gewesen sein. Glaubt man Korrespondentenberichten aus der Zeit, als der SPD-Politiker Bundespräsident war, hat das in China auch die KP-Spitze zu spüren bekommen. In einem "Zeit-Artikel" von 2003 heißt es: "Jedesmal wenn Rau auf seiner Reise einem ranghohen Kommunisten begegnete, begann er mit Nettigkeiten: ,Als ich China das letzte Mal 1985 besuchte, habe ich zu meiner Frau gesagt: Wenn es mit meiner politischen Karriere nicht klappt, werde ich Fahrradfabrikant in China', erzählte Rau seinem Amtskollegen Hu Jintao zum Auftakt der offiziellen Gespräche beider Staatsoberhäupter in der Großen Halle des Volkes in Peking. Hu schmunzelte zwar, konnte aber nichts entgegnen. Er war ja nicht zum Small-Talk gekommen. Aber Rau natürlich auch nicht."

Was nicht in dem Artikel stand: Zu seiner Amtszeit als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen hat Rau seinen chinesischen Gastgebern ein Geschenk mitgebracht. 1988 reiste er nach Sichuan. Die Provinz in Westchina gehört zu den fruchtbarsten Regionen des Landes. Das Gebiet besteht etwa zur Hälfte aus Hochgebirgslandschaften, die landwirtschaftliche Produktion ist enorm wichtig, vor 30 Jahren kämpften die Bauern noch viel stärker ums Überleben als heute. Deshalb wollte der Politiker aus NRW den Menschen vor Ort eine Freude machen: und schenkte ihnen Angora-Kaninchen. Die possierliche Kaninchenrasse, aus deren Wolle die Faser Angora hergestellt wird, durften sich in einen ärmlichen Bezirk in den Bergen niederlassen - und vermehrten sich offenbar prächtig. Die chinesischen Bauern nutzen die Tiere bald, um aus ihren Fellen Gewinn zu schlagen. Sie verkauften das Fleisch oder verarbeiteten es zu Pelzen. So wurde aus der armen chinesischen Bauern-Region schnell eine reiche Gegend. Einem ehemaligen Ministerpräsidenten aus NRW sei dank.

Die kleine Edda, Hannelore Kraft und die Blumen FOTO: Michelis

Erzählt hat die Geschichte Qin Lin, Vorsitzende im Auslandskommitee der Provinz Sichuan. Wie eine Journalistin aus Düsseldorf auf diese Geschichte hingewiesen worden ist? Einer Ministerpräsidentin aus NRW sei dank.

Donnerstag, 23. April, 16.18: Ein Volk von Säufern?

Ich könnte niemals Politikerin werden. Zu viel Arbeit, zu wenig Bewegung, zu viel Rampenlicht, zu viele Meinungen, zu wenig Anerkennung, zu wenig Harmonie - und ja: auch zu viel Alkohol! Hannelore Kraft und Garrelt Duin haben bei ihrer Tour durch die chinesischen Provinzen jedenfalls schon so manchen Schnaps und Wein (egal, wie hochprozentig) trinken müssen. Denn Saufen gehört in China offenbar zu sozialen Ereignissen dazu. Zugegeben: In anderen Gesellschaften ist das ähnlich (an alle Kommilitonen aus meiner Münsteraner Studienzeit: Ich verspreche, dass hier in China vieles unter drei erzählt wird!).  Doch die Spielregeln liegen im Reich des Reisweins völlig anders als im Westen. Chinesen trinken nur, wenn sie auch essen. Deshalb gibt es Spirituosen in großen Mengen vor allem bei Festessen. Und von denen gab es in den vergangenen Tagen so einige. Ein lautes "Ganbei!" jagt das nächste. Es wird getrunken, geprostet und gelächelt. Auf die Freundschaft, auf die Ministerpräsidentin, auf die Zusammenarbeit, auf den Erfolg, auf... Naja. Lassen wir das. "Ganbei" heißt nicht nur "Prosit", sondern auch "leeres Glas". Einige Teilnehmer nehmen das wörtlich und trinken ihren Schnaps tatsächlich in einem Schluck. Frei nach dem Motto: ex oder ich kauf nix' von dir. Seit einiger Zeit steht die chinesische Sauf-Kultur aber vor einem Wandel – sowohl auf offizieller Ebene als auch in der Einstellung vieler Chinesen. Da das Volk sich maßlos über die üppigen Bankette der Beamten und Parteimitglieder auf Staatskosten ärgert, hat Staatspräsident Xi Jinping gleich zu Beginn seiner Amtszeit nicht nur die Menüs, sondern auch die angebotenen Getränke strikt regulieren lassen, heißt es. Den Offizieren der Armee soll er den Alkohol bei offiziellen Anlässen sogar verboten haben.

Bleibt also zu hoffen, dass Geschäftsleute in China ab jetzt einen klaren Kopf mehr zu schätzen wissen als die Verbrüderung im Suff. Der Arzt des Vertrauens wird es einem im Zweifelsfall auch danken. Damit es am Ende nicht heißt: Wo früher eine Leber war, ist heute eine Mini-Bar (so wie bei Willi Herren).

Mittwoch, 22. April, 18.03 Uhr: Heute zur Abwechslung mal ein Quiz

Wo habe ich dieses Bild (unten) aufgenommen? Antworten bitte an jasmin.buck@rheinische-post.de. Und wer noch Fragen hat, die ich der Ministerpräsidentin stellen soll, kann die gerne mitschicken. Bis Samstag habe ich noch Zeit. Die Geschichte, wie NRW-Firmen China erobern, lesen Sie hier! Wa an (Gute Nacht)

Dienstag, 21. April, 13.11 Uhr: Backe, backe Kuchen - und Brötchen

Bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking war Michael Bock in der Form seines Lebens. In die Medaillenränge hat es der Mann aus Darmstadt am Ende aber nicht geschafft. Dabei könnte man ihm durchaus zutrauen, Diskus, Kugel oder Speer in beachtliche Weiten zu katapultieren. Doch der 1,90-Meter-Mann setzt eher auf Fingerfertigkeit - und knetet täglich kiloweise Teig. Bock ist Bäcker. Und hat sich im Reich der Mitte selbstständig gemacht.

"Während Olympia habe ich mich in das Land verliebt", sagt der 52-Jährige. Und wenig später auch in eine chinesische Rechtsanwältin. Heute sind die beiden verheiratet - und betreiben "Michaels German Bakery" im Herzen Pekings. Der Weg hin zum eigenen Laden war beschwerlich: Zuerst habe er einen chinesischen Partner gehabt. Der habe ihn dann aber eines Tages übers Ohr gehauen und heimlich sämtliche Backrezepte von der Festplatte gezogen. "Da hat meine Frau zu mir gesagt: Komm', wir schaffen das auch alleine."

Seit drei Jahren backt der Darmstädter Körnerbrötchen, Brezel und Berliner im Akkord: "Die mögen die Chinesen nämlich besonders gern." Für Ministerpräsidentin Hannelore Kraft hat Bock bei einem Empfang in China sogar extra glutenfreie Brötchen gebacken. Die SPD-Politikerin verträgt keine Getreideprodukte. Ansonsten benutzt Bock für seine Produkte 25 Prozent deutsches und 75 Prozent chinesisches Weizenmehl. 15 Mitarbeiter hat er mittlerweile, darunter auch eine Angestellte aus Deutschland.

Ob er seine Heimat vermisse? "Das letzte Mal war ich 2009 in Deutschland. Bevor ich nach China gekommen bin, habe ich sieben Jahre in Japan gelebt und gearbeitet. Meine Heimat ist da, wo ich mich wohl fühle." Eine Sache, die kann der Hesse allerdings bis heute nicht ablegen: die typische deutsche Arbeitsmoral. Chinesen würden während der Arbeit gerne mal ein Schwätzchen halten und über Familienprobleme sprechen. "Das ist nix für mich", sagt Bock.

Dieses "Schuster, bleib bei deinen Leisten" gilt auch für die tägliche Kommunikation: Chinesisch spricht der Auswanderer bis heute kaum. Für Bock ist das kein Nachteil: "Hauptsache, den Menschen schmeckt's."

Montag, 20. April 17.08 Uhr: Chinesischer Mindestlohn - oder so ähnlich

Sie kauern, sitzen und stehen vor den Bahnhöfen, halten Pappschilder hoch, auf denen sie ihre Fertigkeiten anpreisen, ihr Hab und Gut sind oft nur die Kleider, die sie am Leib tragen. Chinas Wanderarbeiter strömen vor allem vom armen Land in die reichen Städte - wie einst zu Zeiten der Industrialisierung in England. Doch es gibt einen großen Unterschied: Die Massen, die durch das Reich der Mitte strömen, dürften größer sein als die gesamte Bevölkerung Westeuropas. Niemand - auch keine staatliche Stelle - weiß, wie groß die Gruppe wirklich ist. Es sind Hunderte von Millionen.

Deutschland diskutiert seit Monaten über den gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro. Den chinesischen Wanderarbeitern wird man das wohl kaum erklären können. 1,3 Milliarden Chinesen: eine nahezu unvorstellbare Zahl an Menschen, die arbeiten wollen - und zwar um jeden Preis. Knapp 40 Cent pro Stunde betrug der chinesische Stundenlohn vor rund zehn Jahren, wie das Magazin "China Economic Quartely" damals errechnete.

Geht es nach Markus Taube, Professor für Ostasienwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen, hat sich dieser Wert bereits jetzt drastisch verbessert. GroßeTeile der chinesischen Bevölkerung überschritten gerade die Einkommensschwelle, jenseits derer signifikanter Konsum möglich sei, sagt Taube. Seit 15 Jahren beschäftigt er sich mit China, kennt das Land wie seine eigene Westentasche. Wenn Taube über das Mega-Reich sinniert, glaubt man ihm jedes Wort. "Die Einkommen in China werden steigen, es wird Sozial-, Kranken- und Rentenversicherungen geben", ist sich der Experte sicher. Dann sei endlich Schluss damit, dass es vor allem für die ländliche Bevölkerung keinerlei Absicherung mehr gebe.

Und wenn nicht, schicken wir einfach unsere Arbeitsministerin Andrea Nahles für ein paar Wochen nach China. Die SPD-Politikerin ist ja schließlich auch die Retterin des deutschen Rentensystems. Oder etwa nicht?

Sonntag, 19. April, 20.00 Uhr: Ausatmen und durch

Mit der Luftverschmutzung in Peking ist es wie mit dem Rauchen. Man fällt nicht auf der Stelle tot um, wenn man ein paar Mal tief einatmet. Man weiß aber, dass man seinem Körper etwas Ungutes antut. Ming scheint das nicht zu stören. Die Augen des 27-Jährigen, versteckt hinter einen grünen Brille mit runden, schweren Gläsern, sind auf den Feierabendverkehr in Peking fokussiert. Er bremst, lächelt. Hupt, lächelt. Wechselt ohne zu blicken die Spur. Und lächelt. Ob ihn die schier unerträgliche Dimension der Luftverschmutzung (ich bilde mir ein, den Feinstaub zu riechen und zu schmecken) denn gar nicht stört?

Nein, sagt der junge Chinese. Peking sei eben kein Luftkurort. Und weil er das wisse, arbeite er eben nur ein paar Monate im Jahr in der Mega-City, und lotst Touristen durch die vollgestopften Straßen. Dann räuspert er sich, ohne es zu merken. Ein tiefer, gurgelnder Laut, der mir aufs Gemüt drückt. Da kann auch Mings Lächeln nicht helfen. Chinas Behörden gehen davon aus, dass 2020 rund 140 Millionen Autos auf den Straßen des Landes unterwegs sein werden. Die rasante Motorisierung ist eine Bedrohung. Aber kann man sie aufhalten? Wohl kaum. Einige Städte, erzählt Ming, versuchen durch Auktionen, bei denen Pkw-Zulassungen meistbietend versteigert werden, der Autoflut Herr zu werden.

Doch solche Ideen können das Problem allenfalls lindern, nicht lösen. Noch dazu geht der Westen (gehe auch ich) mit schlechtem Beispiel voran: Viele Haushalte besitzen einen Zweitwagen. Der ist oft nötig - aber nicht immer auch jeder gefahrene Kilometer. Bevor ich aus dem Bus steige, frage ich Ming noch schnell, was er mit Deutschland verbindet. Wieder ein Räuspern - diesmal aber wohl eher aus Verlegenheit. "Schnelle Autos", sagt Ming. Na herzlichen Glückwunsch!

 

Quelle: RP
 
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