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Vizepräsident der USA
Wer hat Angst vor Michael Pence?

Vizepräsident der USA: Wer hat Angst vor Michael Pence?
FOTO: dpa, msc
Falls Donald Trump des Amtes enthoben wird, tritt ein Mann an seine Stelle, der dasselbe Weltbild hat, aber nicht aus Opportunismus, sondern aus tiefster Überzeugung: Der religiöse Eiferer Mike Pence. Von Tobias Jochheim

Dass praktisch niemand außerhalb des US-Bundesstaats Indiana weiß, wer Mike Pence ist und wofür er steht, liegt vor allem an John Nance Garner. Der ist seit 50 Jahren tot, doch kaum jemand prägt so sehr das Bild, das sich Amerika und die Welt bis heute vom Posten des US-Vizepräsidenten machen. Legendär ist Garners Ausspruch, das Amt sei weniger wert als "ein Eimer warmer Spucke". Tatsächlich hatte er von einer anderen Körperflüssigkeit gesprochen, die aber jahrzehntelang niemand schriftlich festzuhalten wagte. Garner ist nicht irgendwer; von 1933 bis 1941 war er selbst Vizepräsident. Und schon der erste Inhaber dieses Amts überhaupt, John Adams, hatte seinen eigenen Posten zum "unwichtigsten, der je erdacht wurde" erklärt.

Der Vizepräsident als Frühstücksdirektor – dieses Bild ist im kollektiven Bewusstsein sehr viel präsenter als der Fakt, dass er  stets nur einen Schritt davon entfernt ist, der mächtigste Mann der Welt zu werden. Das ist mehr als graue Theorie: 14 der bis heute 48 Vizepräsidenten stiegen früher oder später zum "Führer der freien Welt" auf, darunter Thomas Jefferson, Richard Nixon und George H.W. Bush. Neun von ihnen gelang das direkt aus dem Amt des Vize – und die Wahrscheinlichkeit dafür, dass Mike Pence (57) der zehnte wird, steigt mit jedem Tag. Wenn Donald Trump so weitermacht, steht in Washington bald ein wichtiger Umzug an: Raus aus der Villa des Vizepräsidenten im Garten der Sternwarte gegenüber der neuseeländischen Botschaft, nur vier Kilometer die Straße herunter und doch unendlich weit – ins Weiße Haus.

Höchste Zeit also für die Frage: Wer ist Michael Richard Pence? Eines von sechs Kindern von Nancy Jane und Edward, Tankstellenpächtern in der Kleinstadt Columbus, Indiana. Ein Familienmensch, der mit seiner Gattin Karen, einer Ex-Grundschullehrerin und Malerin, drei Kinder großgezogen hat; die jüngste Tochter studiert noch, ihre Geschwister sind Filmemacherin und Marineoffizier. Ein Mann mit großen Ambitionen, der sich nach einem Geschichts- und Jurastudium sowie einigen Jahren in einer kleinen Kanzlei in die Politik stürzte. Zweimal stellte er sich zur Wahl um einen Sitz im Kongress, doch sowohl 1988 als auch 1990 scheiterte er – nicht zuletzt, weil herauskam, dass er Spendengelder seiner Anhänger privat verwendete, für Ratenzahlungen, Einkäufe und Golfturnier-Antrittsgelder. Illegal war das damals nicht, aber die öffentliche Meinung drehte sich gegen ihn.

Dass er Demokrat und Katholik war, ist lange her

Um die Gunst der Menschen in dem erzkonservativen Staat zurückzugewinnen, zog der begabte Redner mit der sonoren Stimme und dem festgefrorenen Lächeln eine politische Radio-Talkshow auf, die so gut ankam, dass sie bald von 18 Sendern im ganzen Staat Indiana übertragen wurde. Mit einer entsprechend großen Fangemeinde im Rücken wagte Pence nach einem Jahrzehnt den dritten Anlauf, diesmal mit Erfolg: Im Jahr 2000 wurde er erstmals Abgeordneter, mit dem Slogan: "Christ, Konservativer und Republikaner – in dieser Reihenfolge."

Das hätte ihm kein Jugendfreund zugetraut. Wie der Rest seiner Familie galt auch Pence als überzeugter Demokrat, zu den Vorbildern des engagierten Messdieners zählte neben Martin Luther King auch John F. Kennedy, ein Katholik irischer Abstammung wie Pences Großvater. Doch als Pence am College seine spätere Frau traf, wandte er sich zum Entsetzen seiner Mutter der evangelikalen Bewegung zu, in Teilen sektenähnlich und größtenteils politisch weit rechts. Sein Idol wurde Ronald Reagan, sein Lieblingsthema Familie, was vor allem bedeutet: erbitterter Kampf gegen Abtreibung, Homo- und Transsexualität. Eine seiner Ideen: Geld aus Hilfsprojekten für Aids-Partienten abziehen und damit die "Heilung" von Schwulen bezahlen. Einem Mann, der Barack Obama mit Hitler verglich, widersprach er nicht. Die von Obama eingeführte Krankenversicherung verglich er selbst hinter verschlossenen Türen mit dem 11. September 2001.

Bis 2013 blieb er Kongressabgeordneter, danach stieg er auf zum Gouverneur von Indiana. Sein Programm: rabiate Steuersenkungen, Streichung von Mietzuschüssen, Opposition gegen eine Erhöhung des Mindestlohns. Pence ließ auch festschreiben, dass kein syrischer Flüchtling in Indiana leben dürfe und dass Restaurantbetreiber homo- und transsexuelle Gäste abweisen können – bevor Bundesrichter beide Gesetzte für nichtig erklärten.

Mit einer anderen Frau allein in einem Raum? Niemals!

Zum "Running Mate" von Donald Trump wurde Pence im Juli 2016 erkoren, weil er bei erzkonservativen christlichen Wählern populär ist, bei Waffennarren und Wissenschaftsfeinden, die die Evolutionstheorie ablehnen und den Klimawandel leugnen wie er selbst. Was natürlich die Frage aufwarf: Wie kann Pence mit seinem Glauben vereinbaren, den Sexisten und Rassisten Trump salonfähig zu machen, der mit seiner dritten Gattin zusammenlebt? Wie als expliziter Gegner von Negativkampagnen über politische Gegner hauptberuflich lächeln und die Daumen recken für einen Mann, der fast ausschließlich auf bösartige Halbwahrheiten und Lügen setzt, über Barack Obama und Hillary Clinton, Journalisten und unliebsame Richter? Mike Pence ließ seinen Bruder Gregory eine Antwort ausrichten, die allerdings bloß aus einem Bibelspruch bestand, mit dem sich buchstäblich alles rechtfertigen lässt: "Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet."

Pence selbst pflegt sorgsam das Image eines farb- und harmlosen Langweilers: Gern lässt er sich mit den beiden Katzen "Oreo" und "Pickle" sowie dem familieneigenen Kaninchen ablichten, als Lieblings-Superheld nennt er Superman, als Lieblingsfilm den "Zauberer von Oz". Den Heiratsantrag machte er seiner späteren Frau beim Entenfüttern, wobei er den Ring und ein Fläschchen Champagner in ausgehöhlten Brotlaiben versteckte. In Washington gilt er als Sonderling, weil er seine Gattin "Mutter" nennt und strikt vermeidet, allein mit einer anderen Frau in einem Raum zu sein, geschweige denn zu essen. Diese Haltung, die er mit fundamentalistischen Muslimen und orthodoxen Juden teilt, hat Folgen. In zwölf Jahren habe er nicht ein einziges vertrauliches Gespräch mit ihr geführt, beklagte sich bitter eine Mitarbeiterin. Posten wie Berater, Anwalt oder Pressesprecher können Frauen bei Pence praktisch nicht bekleiden.

Von einer Kontroverse darum abgesehen ist er bislang als Vizepräsident nur ein einziges Mal aufgefallen: Am 7. Februar hatte sich der Senat nicht auf einen Minister einigen können – zum ersten Mal in der Geschichte der USA überhaupt. Betsy DeVos sollte Schulministerin werden, eine Milliardärin, die staatlich finanzierte Schulen per se ablehnt. Weil das auch republikanische Senatoren ablehnten, ergab sich eine Pattsituation. Pence nutzte das Stimmrecht, das ihm nur in dieser Situation zusteht, um ihr den Posten zu verschaffen.

Über sein eigenes Amt sind von Pence übrigens keine abfälligen Bemerkungen bekannt – im Gegensatz zu anderen, die später als "Aufsteiger" bekannt wurden: Harry S. Truman (1884-1972) hatte gelästert, der Posten des Vize sei "so nützlich wie eine fünfte Zitze am Euter einer Kuh". Und Thomas R. Marshall (1854-1925) bereicherte das Genre der sarkastischen Kurzgeschichte: "Es waren einmal zwei Brüder. Einer wurde Seemann, der zweite Vizepräsident. Von beiden hat man nie wieder etwas gehört." Für Mike Pence wird das nur gelten, falls Donald Trump irgendwie doch im Amt bleibt oder aber Pence mit in den Abgrund reißt. Wahrscheinlicher scheint derzeit, dass er Präsident wird. Ein Mann mit Überzeugungen, so ungewohnt, ja teils anachronistisch sie auch wirken. Inhaltlich ein Anti-Obama, aber immerhin nicht impulsgesteuert. Hart in der Sache, aber wenigstens weich im Ton. Ein klassischer republikanischer Politiker eben, aber: ein Politiker.

 
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