Terror in Afghanistan: Wer heute wählt, riskiert sein Leben
zuletzt aktualisiert: 20.08.2009 - 12:04Kabul/Kandahar (RPO). 15 Millionen Afghanen sind heute zum Urnengang aufgerufen. Wer sein demokratisches Grundrecht wahrnimmt und zur Wahl geht, riskiert sein Leben. Die radikalislamischen Taliban drohen damit, Wähler zu ermorden oder den Finger abzuhacken. Sie erkennen ihre Opfer an der Tinte am Finger. Ziel der Drohungen: die Wahl zu einer Farce zu machen.
Aus dem ganzen Land kamen im Laufe des Vormittags Berichte über einzelne Gewalttaten. Im nordafghanischen Baghlan drangen Aufständische aus mehreren Richtungen in die Stadt vor, um die Öffnung der Wahllokale zu verhindern. Es kam zu schweren Kämpfen mit den Sicherheitskämpfen. 22 Aufständische wurden dabei getötet, sagte der regionale Polizeichef der Nachrichtenagentur AFP. >>> mehr
In Laschkar Gah, der Provinzhauptstadt von Helmand, schlug eine Rakete laut einem Reporter der Nachrichtenagentur AP vor Ort unmittelbar in der Nähe von Wählern ein, ein Kind wurde getötet. In Kabul gab es Augenzeugen zufolge eine Explosion in einem Wahllokal, bei der ein Wahlbeobachter verletzt wurde.
Bei einer Schießerei nahe einer Polizeistation im Osten der Hauptstadt Kabul wurden am Donnerstag zwei Aufständische von afghanischen Sicherheitskräften erschossen, wie ein Polizei-Sprecher der Nachrichtenagentur AFP sagte. Sie hatten sich mit Komplizen demnach in einem Haus verschanzt und das Feuer auf die Beamten eröffnet. Ein Angreifer wurde den Angaben zufolge festgenommen, nach einem weiteren wurde noch gesucht.
Ohne Wähler keine Legitimität
Sicherheitsfirmen berichteten aus Kabul indes von mindestens fünf Explosionen. Afghanische Behördenvertreter wollten die Berichte jedoch offenbar nicht bestätigen, nachdem das Außenministerium am Mittwoch dazu aufgerufen hatte, während der Öffnungszeit der Wahllokale nicht über die Gewalt im Land zu berichten, um eine hohe Wahlbeteiligung sicherzustellen.
Die Taliban haben mit Anschlägen gedroht und zum Boykott der Abstimmung aufgerufen, um der Wahl die Legitimität streitig zu machen. Abgesichert wird die Wahl von rund 175.000 afghanischen Sicherheitskräften, dazu kommen mehr als 100.000 internationale Soldaten unter NATO- und US-Mandat. In den Tagen vor der Präsidentenwahl war die Zahl der Anschläge massiv gestiegen.
Karzai hält demonstrativ seinen Finger in die Kameras
In der Hauptstadt Kabul zeichnete sich am Morgen zunächst eine schwache Wahlbeteiligung ab. Die Menschen haben Angst, Opfer des Taliban-Terrors zu werden. Die radikalislamischen Widerstandskämpfer haben damit gedroht, Wählern die Finger abzuschneiden. Nach dem Urnengang bekommt jeder Wähler einen nicht abwaschbaren Tintenfleck auf die Fingerkuppe und ist somit eindeutig identifizierbar. Damit soll eine mehrfache Stimmabgabe verhindert werden.
Amtsinhaber Hamid Karsai, der als klarer Favorit in das Rennen um das Präsidentenamt ging, appellierte bei der Stimmabgabe in Kabul an seine Landsleute, wählen zu gehen. "Ich fordere die Afghanen auf, aus den Häusern zu kommen und zu wählen, damit Afghanistan durch ihre Stimme sicherer und friedlicher wird", sagte Karsai. Nach der Stimmabgabe hielt er den Fotografen seinen in Tinte getunkten Finger entgegen.
Um das Präsidentenamt bemühen sich 36 Bewerber. Sollte Karsai nicht die absolute Mehrheit erringen, müsste er am 1. Oktober in einer Stichwahl voraussichtlich gegen seinen schärfsten Rivalen, den früheren Außenminister Abdullah Abdullah, antreten. Mit vorläufigen Ergebnissen der Abstimmung wurde für Samstag gerechnet. Über Kabul kreisten am Donnerstag permanent Hubschrauber, Sicherheitskontrollen waren nochmals verschärft worden.
Steinmeier: Abzug in zehn Jahren
Die Bundesregierung erwartet, dass die Bundeswehr spätestens in zehn Jahren aus Afghanistan abgezogen werden kann. Verteidigungsminister Franz Josef Jung nannte am Donnerstag erneut eine "Bandbreite von fünf bis zehn Jahren". Auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier sagte: "Ich rechne nicht damit, dass wir noch zehn Jahre oder länger in Afghanistan militärisch präsent sein werden."
Der CDU-Politiker Jung betonte im ARD-Morgenmagazin, niemand könne genau sagen, wie lange der Einsatz dauern werde. "Sie können keinen klaren Zeitpunkt nennen. Sie können nur das Ziel nennen." Ziel sei, Afghanistan in die Lage zu versetzen, selbst für seine Sicherheit zu sorgen, "damit es nicht wieder zurückfällt in eine Terrorherrschaft der Taliban".
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