Iran: Wieder Gewalt gegen Mussawi-Anhängern
zuletzt aktualisiert: 17.07.2009 - 17:51Teheran (RPO). Zehntausende iranische Oppositionelle haben während des zentralen Freitagsgebets in der Hauptstadt Teheran mit Rufen wie "Freiheit, Freiheit" gegen die Regierung protestiert. Erstmals seit der umstrittenen Präsidentenwahl vom 12. Juni leitete der einflussreiche frühere Staatschef Haschemi Rafsandschani das Freitagsgebet und kritisierte die Regierung ungewöhnlich scharf.
Tausende Anhänger von Oppositionsführer Mir Hossein Mussawi protestieren vor der Universität, die Bereitschaftspolizei und die Bassidsch-Miliz setzten Tränengas ein.
Die Demonstranten riefen "Tod dem Diktator" und forderten den Rücktritt von Präsident Mahmud Ahmadinedschad. Viele junge Demonstranten trugen Augenzeugen zufolge grüne Tücher - die Farbe von Mussawis Bewegung. Die Sicherheitskräfte, besonders die gefürchtete Bassidsch-Miliz, reagierte mit voller Härte.
Doch in der Teheraner Universität kam der Protest sogar von der Kanzel: Rafsandschani forderte vor zehntausenden Anhängern die Freilassung inhaftierter Oppositioneller. Er rief in seiner Predigt die Iraner zur Einheit auf.
Gleichwohl war die Rede eine klare Herausforderung an den geistlichen Führer Ayatollah Ali Chamenei, der die offiziellen Ergebnisse der Präsidentenwahl und damit den Sieg von Amtsinhaber Ahmadinedschad bestätigt hatte.
Es gebe Zweifel an den Ergebnissen, betonte Rafsandschani: "Es gibt einen beträchtlichen Anteil intelligenter Leute, die ihre Zweifel äußern. Wir müssen etwas unternehmen, um diese Zweifel auszuräumen." Rafsandschani warnte in seiner von Rundfunk und Fernsehen übertragenen Rede vor einer "Krise".
Rafsandschani spricht von unislamischer Regierung
Das Publikum unterbrach die Rede immer wieder mit Rufen wie "Freiheit, Freiheit". Rafsandschani hatte Tränen in den Augen, als er sagte, wie sehr der islamische Prophet Mohammed die Rechte des Volkes geachtet habe. Die Islamische Republik müsse auf ihr Volk hören, forderte der Ayatollah.
"Wo die Menschen nicht vertreten werden oder ihre Stimme nicht beachtet wird, ist die Regierung nicht islamisch", sagte Rafsandschani. In der ersten Reihe seiner Zuhörer saß der bei der Präsidentenwahl offiziell unterlegene Kandidat Mussawi, der erstmals seit der Wahl wieder am zentralen Freitagsgebet teilnahm.
Zahlreiche Hardliner unterbrachen Rafsandschanis Rede mit den üblichen Rufen "Tod Amerika", Oppositionelle antworteten indes mit den Rufen "Tod Russland", "Tod China", Die beiden Länder haben Ahmadinedschad bereits kurz nach der Wahl ihrer Unterstützung versichert.
Rafsandschani gilt als einer der führenden Unterstützer der Opposition in der Geistlichkeit. Er ist der Vorsitzende von zwei der drei mächtigsten Gremien im Iran, des Experten- und Schlichtungsrats. Das dritte klerikale Machtzentrum, den Wächterrat, kritisierte er mit scharfen Worten. Jener habe die Chance nicht genutzt, mit der Überprüfung der Wahlergebnisse das Vertrauen der Menschen zurück zu gewinnen.
"Bittere Zeit"
Schon vor der Predigt setzte die Polizei Tränengas ein, um einige vor dem Gebäude zusammengeströmte Anhänger Mussawis an der Teilnahme zu hindern. Der Reformpolitiker Mahdi Karrubi, ein weiterer unterlegener Präsidentschaftskandidat, wurde nach Angaben von Augenzeugen von Regierungsanhängern angegriffen, sein Turban wurde zu Boden geworfen.
Rafsandschani nannte die Zeit der Unruhen nach der Wahl eine "bittere Zeit", in der alle verloren hätten. Die Sympathie müsse denen gelten, die unter den Ereignissen gelitten hätten, die festgenommen worden seien. In den vergangenen Wochen hielten Hardliner die Freitagspredigt, die die Iraner aufriefen, sich hinter die Linie des geistlichen Führers Ayatollah Chamenei zu stellen und den Sieg von Präsident Ahmadinedschad anzuerkennen.
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