kalaydo.de Anzeigen stellen auto immobilien kleinanzeigen tiere ferienwohnungen inserieren
  RP Providing |  RP Shop |  PremiumCard |  RP Reise
         
  Newsletter |  RSS |  Mobil |  Apps
Abo & Service | Anzeigen | ePaper | Schulprojekte  
 
       
 
  Gast
Kommentare ()

Flucht nach Europa: "Wir sahen das zweite Boot untergehen"

VON HANS-GÜNTER KELLNER - zuletzt aktualisiert: 01.05.2006 - 12:35

Madrid (RP). Flucht nach Europa: Der 28-jähriger Gambier Mammadou hat sein Leben riskiert, um in Spanien Arbeit zu finden.

Freitagabend in einer Jugendherberge im Madrider Vorort Leganés. Sozialarbeiterin Iciar Fernández überprüft die Liste der 30 Schwarzafrikaner, die die Polizei gerade von den Kanarischen Inseln nach Madrid geflogen hat. Sie kommen aus Mali, Guinea-Conakry oder Äquatorial-Guinea. Einige blicken ins Leere, andere schauen die junge Frau voller Hoffnung an.

Iciar bestätigt der Polizei die Ankunft der Männer und verteilt warme Kleidung. Viel mehr kann sie im Moment nicht tun - außer noch auf das spanische Asylrecht aufmerksam zu machen, dass es Asylbewerbern verbietet zu arbeiten. Aber genau dafür hat auch Mammadou, ein kräftiger 28-Jähriger aus Gambia, alle Gefahren auf sich genommen - um in Europa zu arbeiten:

"Es ist eine sehr schlimme Reise gewesen. In Mauretanien hatten sie nur gesagt: Du musst diesen Kurs halten. Bis nach Teneriffa. Das Wetter war schlecht, wir waren müde. Pausenlos ist Wasser ins Boot eingedrungen, mit Eimern haben wir es wieder herausgeschöpft. " Mammadou starrt auf den Tisch, wenn er redet. Fünf Tage hat die Fahrt über den Atlantik gedauert.

"Ich habe Menschen sterben sehen. Ursprünglich sind wir mit zwei Booten unterwegs gewesen. Unseres hatte keine Schwierigkeiten. Aber das andere ist untergegangen. Wir haben den Leuten nicht helfen können, wir wären selbst gekentert und ertrunken. Die meisten können ja nicht schwimmen."

1.000 Euro für die Überfahrt ohne Kapitän

1.000 Euro hat er für die Überfahrt bezahlt, wie jeder der rund 40 Armutsflüchtlinge in dem kleinen mauretanischen Fischerboot. Dazu gab es ein GPS-Navigationssystem, einen Kapitän hatten sie dagegen nicht. "Wir haben fünf Tage lang einfach nur im Boot gesessen, konnten nicht schlafen, nichts essen. Viele fingen an, wirres Zeug zu reden. Es war schlimm."

Wenn er an Zuhause denkt, denkt Mammadou an seine Mutter. Den Tag, als er sie verließ, wird er nie vergessen. Es war der 25. November 2004: "Ich bin sehr traurig gewesen. Ich bin einfach losgelaufen. Ich muss mich jetzt um mich selbst kümmern und hier in Europa Geld für meine Familie verdienen und mir mein Leben aufbauen."

Rückblickend meint er jetzt: "Ich könnte einem Freund in Gambia nicht dazu raten, den gleichen Weg zu gehen. Ich bin angekommen, aber was aus mir wird, weiß ich nicht. Ich weiß nicht, ob ich jemals Papiere bekommen werde, ob ich arbeiten darf. (...) Es ist besser, er bleibt dort, in seiner Armut."

In der Madrider Jugendherberge setzt sich Mammadou zu den anderen Flüchtlingen vor das Fernsehgerät. "Ich muss jetzt sehr stark sein, sehr stark", sagt er. Mammadou wartet auf Montag, da will die Sozialarbeiterin Iciar wiederkommen. Sie werde ein Telefon mitbringen, hat sie angekündigt, und die Afrikaner könnten dann ihre Kontaktpersonen in Spanien anrufen.

Kontakte sind lebenswichtig

Iciar hat ihr Versprechen gehalten und das Telefon mitgebracht. Fast jeder hat irgendeinen Kontakt in Spanien, Verwandte, Freunde aus dem gleichen Dorf oder Rufnummern, die sie unterwegs von Weggefährten bekommen haben. Mammadous Kontakt lebt in Barcelona. Er kennt ihn nicht. Der Mann aus Gambia will ihn aufnehmen. Auch viele andere haben ihre ersten Anlaufstellen ausfindig gemacht und wollen noch heute los.

Per U-Bahn geht es zur großen Station für Überlandbusse im Madrider Zentrum. Die Monotonie vom Wochenende ist wie weggeblasen. Iciar besorgt die Tickets. Mit Cafés, Tortillas und 50 Euro für jeden lässt Iciar die Afrikaner in der Cafetería zurück.

Mammadou: "Ich weiß, ich bin auf illegale Weise in Spanien eingereist. Es wird sehr, sehr schwer werden, hier die nötigen Papiere zu bekommen." Als der Bus endlich abfährt, lächelt er unsicher. Vor ihm liegt eine ungewisse Zukunft als Illegaler in Europa.

"Gefährlicher Transit - Die afrikanische Wanderung nach Europa" - diese Sende-Reihe ist bis 7. Mai im Deutschlandfunk täglich um 8.20 Uhr zu hören. Unsere Zeitung druckt einige bearbeitete Reportagen der Sendung.

Quelle: Rheinische Post

 
weitere Artikel
 
Links zu diesem Artikel
 

 
Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung:

       
Anzeige:

Aktuell bei RP Online
Was in Schröders Gesetzentwurf steht

Betreuungsgeld für Eltern

Was in Schröders Gesetzentwurf steht

Familienministerin Kristina Schröder (CDU) hat den Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld auf den ... mehr 

Weißes Haus bedauert Obamas KZ-Versprecher

"Polnisches Todeslager"

Weißes Haus bedauert Obamas KZ-Versprecher

Das Weiße Haus hat sich für eine missglückte Äußerung von US-Präsident Barack Obama zu einem KZ in Polen entschuldigt. mehr 

Videos

Video

Grefrather Eisbahn wird zur Filmkulisse

Die Schlittschuhläufer laufen eine Runde nach der anderen. Auf der Außenbahn des Grefrather Eisstadions ist dieses Mal alles etwas anders . ... mehr 

V.I.P Duisburg:"Der Checker" - von Vivien Daberkow

Sie kennen es mittlerweile alle. Casting-Shows gibt es noch und nöcher. Die Teilnehmer überschwemmen in der Hoffnung auf den ganz ... mehr 

"Polnisches Todeslager"

Weißes Haus bedauert Obamas KZ-Versprecher

Das Weiße Haus hat sich für eine missglückte Äußerung von US-Präsident Barack Obama zu einem nationalsozialistischen Konzentrationslager in Polen entschuldigt, das der Staatschef als "polnisches Todeslager" bezeichnet hatte. mehr

 
 
 

US-Präsident bestimmt Ziele der Drohnenangriffe

Obama wacht persönlich über "Todesliste"

 

Diese Männer spalten Ägypten

Ein Islamist und ein Mubarak-Mann

 

Bundespräsident zu Gast in Israel

Gauck: Israel plant keinen Angriff gegen Iran

Top-Services