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Luftangriffe in Syrien
Putin führt den Westen am Nasenring durch die Manege

Wladimir Putin - eitel, autoritär, entschlossen
Wladimir Putin - eitel, autoritär, entschlossen FOTO: dapd, Johannes Simon
Meinung | Düsseldorf. Der Macher blamiert die Zauderer: Während der Westen dem Bürgerkrieg in Syrien und der Destabilisierung der gesamten Nahost-Region bislang weitestgehend hilflos zugeschaut hat, greift Russland jetzt plakativ militärisch in Syrien ein. Moskau präsentiert sich damit als entschlossener Kämpfer gegen den Terrorismus und als ernstzunehmende Ordnungsmacht in der Welt, die der Supermacht USA durchaus ebenbürtig ist, so wie es Präsident Wladimir Putin gern sieht. Von Helmut Michelis

Unabhängig von der Frage, welche Ziele Putin wohl in Syrien wirklich verfolgt, ist festzustellen: Der Kreml-Chef führt den Westen zurzeit am Nasenring durch die internationale Manege und kann in diesem taktischen Spiel nur gewinnen. Nebenbei lenkt er erfolgreich vom weiter schwelenden Konflikt in der Ukraine und Russlands unrühmlicher Rolle dort ab.

Auf den ersten Blick ähnelt Putins militärisches Eingreifen dem des türkischen Staatschefs Recep Tayyip Erdogan, der in diesem Sommer nach langem Zögern endlich versprach, energisch gegen die Terrormiliz Islamischer Staat vorzugehen, dann aber unter diesem Deckmantel vorrangig die ihm verhassten Kurden attackieren ließ. Jüngste Meldungen aus Syrien besagen, dass die russischen Bomben als erstens nicht etwa dem IS, sondern anderen bewaffneten Gegnern des syrischen Präsidenten Baschar al Assad galten. Diese Oppositionsgruppen bedrängen Assads Truppen offenbar zurzeit heftiger als der IS.

Baschar Al-Assad – vom Hoffnungsträger zum Zyniker FOTO: dpa, nm moa

Von Anfang an war es Russlands Ziel, das befreundete Assad-Regime an der Macht halten, schon deshalb, um in Tartus den strategisch wichtigen Flottenstützpunkt am Mittelmeer halten zu können. Assad steht allerdings mit dem Rücken zur Wand. Möglicherweise will der Kreml jetzt mit Waffengewalt zumindest ein "Rest-Syrien" um Damaskus und die Mittelmeerküste retten. Erst in zweiter Linie dürfte es Putin um eine Schwächung der radikalen Islamisten gehen, auch wenn sie speziell aus dem Nordkaukasus heraus auch Russland bedrohen.

Auffällig ist die abwartende Haltung der kriegsmüden USA. Vielleicht hofft Washington, doch noch mit Moskau eine Art Allianz zur Beendigung des Bürgerkrieges schmieden zu können. Die russischen Bombenangriffe auf die syrische Opposition sind allerdings für die Lösung der Krise nicht hilfreich. Sie könnten die Kämpfe sogar noch weiter verlängern – mit allen negativen Folgen auch für Europa.

Eiszeit: Obama und Putin in New York FOTO: afp, kb
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