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Audienz für Putin
Der Papst macht Ostpolitik

Putin zur Audienz bei Papst Franziskus
Putin zur Audienz bei Papst Franziskus FOTO: dpa, mau jak
Düsseldorf. Wer Wladimir Putin aussperrt und unter seinesgleichen bleibt, behält seine weiße Weste - und seinen engen historischen Horizont auch. Papst Franziskus konterkariert zu Recht die Sanktions-Mentalität der G 7-Gipfler. Von Reinhold Michels

Russlands Präsident Wladimir Putin zur Audienz bei Papst Franziskus im Vatikan. Politisch platt könnten manche ärgerlich so reagieren: Ein Landräuber des frühen 21. Jahrhunderts werde vom Stellvertreter Christi auf Erden empfangen. Wie könne das richtig sein? Um es gleich vorwegzunehmen: Das kann nicht nur richtig sein, das ist auch ein richtiges Zeichen päpstlicher beziehungsweise vatikanisch-diplomatischer Klugheit. Wenn es um Krieg und Frieden geht oder zumindest um die Frage, ob wir erneut in eine Phase des Kalten Krieges zwischen dem atomar bestückten russischen Reich und der freien Welt schlittern, dann erscheint es so ehrenhaft wie vernünftig, den anschwellenden Konflikt zu benennen und Lösungsmöglichkeiten auszuloten.

Wenn sogar G 7-Gipfel-Monstrositäten wie jene auf Schloss Elmau in Oberbayern offiziell damit begründet werden, der persönliche Kontakt zwischen den sieben Staatspersonen sei durch keine E-Mail, kein Telefonat und kein - dieser Scherz sei gestattet - wechselseitiges Belauschen zu ersetzen: Um wie viel mehr ist dann doch ein Vier-Augen-Gespräch zwischen Papst Franziskus und dem russischen Präsidenten ein Gebot der Stunde?

Auch dieses vorweg: Zu weltpolitischer Hochstimmung besteht momentan kein Anlass. Nach einer alten Turnerweisheit krönt erst der Abgang die Übung. So weit sind wir trotz Franziskus' Einsatz für den Frieden noch nicht. Skepsis ist und bleibt aus Erfahrung die einzig vertretbare Haltung, wo immer es um menschliches und politisches Tun oder Unterlassen geht.

Putin und Berlusconi - ziemlich beste Freunde FOTO: dpa, mau ase

Der Münchner Historiker Michael Wolffsohn erinnert im Vorwort zu seinem neuen Buch "Zum Weltfrieden" an Immanuel Kants epochales Werk "Vom ewigen Frieden", erschienen 1795. Wolffsohn schreibt: "Wenn ich recht sehe, ist Frieden seitdem unverändert mehr Sehnsucht als Wirklichkeit geblieben. Vom ewigen Frieden ganz zu schweigen." Noch weiter ging so zynisch wie provokativ der alte preußische General Helmuth von Moltke: Ewiger Friede sei bloß ein Traum, und nicht einmal ein schöner.

Zur historischen Wahrheit und zum Abgründigen der Spezies Mensch gehört auch, dass in der zweitausendjährigen Geschichte des Papsttums manch früher Vorgänger von Franziskus kein Friedensstifter war, sondern ein machtversessener Kriegstreiber. Doch, "Tempora mutantur nos et mutamur in illis" - "Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns in ihnen." Man könnte es auch so ausdrücken: Spätestens seitdem die Päpste räumlich zurückgeworfen wurden auf ihren nicht einmal einen halben Quadratkilometer winzigen Staat der Vatikanstadt, mit den operettenhaft erscheinenden 100 Schweizergardisten als bunter Wehr "Seiner Heiligkeit", sind sie so etwas wie geistige, geistliche Weltinstanzen zum höheren Nutzen der Menschheit, die das naturgemäß nicht immer so würdigt, vielleicht auch aufgrund anderer Einstellung nicht würdigen kann.

Päpstliches Tun, wie wir es gestern auf diplomatischer Ebene erlebten, geschieht stets auch im Sinne des deutschen Kirchenlehrers auf der Cathedra Petri, Benedikts XVI. (2005-2013), der einmal schrieb: "Die Moral, die die Kirche lehrt, ist nicht eine Speziallast für Christen, sondern sie ist die Verteidigung des Menschen gegen den Versuch seiner Abschaffung." Wer sonst als der Krieg, zumal ein solcher im Zeitalter der Atombomben und anderer Massenvernichtungswaffen chemischen oder biologischen Inhalts, bedeutet die weitgehende, wenn nicht völlige Abschaffung des Menschen?

Deshalb waren sämtliche Päpste seit dem frühen 20. Jahrhundert immer auch um den Frieden besorgt. Deshalb verfassten sie Enzykliken gegen die todbringenden, atheistischen Ideologien des 20. Jahrhunderts, den Kommunismus/Stalinismus und den rassistischen Nationalsozialismus. Aus Sorge vor dem Ausbruch eines Atomkriegs, der bei der Kuba-Krise 1962 im Bereich des Möglichen gelegen hatte, entwickelte der Vatikan seit dem Pontifikat des heiliggesprochenen Papstes Johannes XXIII. seine Ostpolitik, Jahre bevor die deutsche Entspannungspolitik unter Kanzler Willy Brandt (1969-1974) ihrerseits auf Aussöhnungskurs zu den Ostblockstaaten Sowjetunion, Polen und DDR schwenkte. Und schon Benedikt XV. (1914-1922) startete (leider vergebliche) Friedensinitiativen zur Beendigung des Ersten Weltkriegs.

Johannes XXIII., der 1963 seine Jahrhundert-Enzyklika "Pacem in terris" - "Friede auf Erden" veröffentlichte, verblüffte mit ungewöhnlichen Audienzen. So empfing er im März 1963 den Schwiegersohn des "Roten Zaren" Nikita Chruschtschow. Die Welt staunte, einige zürnten, aber der Papst ließ sich nicht beirren; so wie sich Johannes Paul II. (1978-2005) nicht von der Kritik beeindrucken ließ, dass ausgerechnet der Papst 2003 Tarik Asis, dem Außenminister des finsteren Irak-Machthabers Saddam Hussein, ein Gespräch gewährt hatte.

Hier fällt einem der alte Spruch ein, wonach man mit dem Teufel persönlich speisen muss, wenn es einer guten, etwa der Sache des Friedens förderlich ist. Man soll dann allerdings mit extra langem Löffel zu essen verstehen. Denn schon Jesus forderte von seinen Jüngern, sie sollten klug sein wie die Schlangen und arglos wie die Tauben. Um Frieden zu schaffen, reicht der fromme Blick allein nicht. Ein Papst soll auch beherzt ins Rad der Geschichte greifen. Johannes Paul II. hat das bei der Befreiung der Menschen im ehemaligen Ostblock getan.

Franziskus gelang das als Eisbrecher des Konflikts zwischen den USA und dem kommunistischen Kuba der Diktatoren-Brüder Castro. Den jüngeren, Raul, empfing er zuletzt im Vatikan. Wer Putin aussperrt und unter seinesgleichen bleibt, behält eine weiße Weste - und seinen engen historischen Horizont auch.

Quelle: RP
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