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Russland und USA
Wo die Wurzeln der neuen Eiszeit liegen

Russische Bomber: Zwischenfälle über Nord- und Ostsee
Russische Bomber: Zwischenfälle über Nord- und Ostsee FOTO: UK MOD
Washington . Eigentlich glaubten Experten den "Kalten Krieg" zwischen den Supermächten überwunden: Nun ist das Verhältnis zwischen den USA und Russland so frostig geworden, dass viele inzwischen von einem neuen "Kalten Krieg" sprechen.

Wegen der Ukraine-Krise verschlechterten sich die Beziehungen rasant. Dass es so schnell gehen konnte, liegt in der Geschichte der Nationen begründet - Jahrzehnte alte, längst überwunden geglaubte Vorurteile kamen wieder an die Oberfläche.

Trotz des Zusammenbruchs der Sowjetunion vor fast einem Viertel Jahrhundert lauern fundamentale Ängste - manchmal im Unterbewusstsein - in beiden Nationen. Das bringt ihre Weltanschauungen auf einen Kollisionskurs. Häufig gibt es einen Zusammenhang mit der Osterweiterung der Nato - der Moskauer Weigerung, den amerikanischen Versicherungen zu glauben, dass diese Expansion keine Bedrohung für Russland darstelle. Auch der brodelnde Zorn von Präsident Wladimir Putin darüber, dass sein Land den Supermacht-Status verloren hat, spielt eine Rolle.

Die einstige US-Außenministerin Madeleine Albright sah die Probleme schon kommen, als die Atmosphäre noch freundlicher war - nach der Unterzeichnung der Nato-Russland-Akte über eine Zusammenarbeit zur Förderung von Sicherheit und Stabilität im Jahr 1997. Albright beschrieb ihren kürzlich gestorbenen damaligen Amtskollegen Jewgeni Primakow im Magazin "Foreign Policy" als flexiblen Realisten. Aber schon kurz nach der Einigung auf den Deal seien Differenzen sichtbar geworden. "Vom ersten Mal an, als wir bei einem Nato-Treffen zusammen an einem Tisch saßen, wurde klar, dass wir, egal, was unterzeichnet wurde, Schlüsselvereinbarungen unterschiedlich sehen würden."

Die Russen waren verständlicherweise besorgt über die Nato, die 1949 als ein Bollwerk gegen etwaigen sowjetischen Expansionismus in Europa gegründet worden war. Der Kreml befürchtete nach dem Zerfall der Sowjetunion, dass die USA die Nato bis an die russischen Grenzen ausdehnen werde, und nahm Washington gegenteilige Versicherungen nicht ab. Tatsächlich ist Russland jetzt an seinen westlichen und südlichen Grenzen praktisch von Nato-Staaten umgeben. "Das Gefühl, dass falsch mit ihnen gespielt wurde, nicht nur ein Mal, nicht nur zwei Mal, sondern in einer Reihe von Fällen, sitzt bei den Russen ziemlich tief", sagt Wayne Merry vom American Foreign Policy Council, ein früherer US-Diplomat in Moskau.

Mitglied in der Nato - Ziel der Pufferstaaten

Während des Zweiten Weltkrieges und danach besetzten sowjetische Truppen Staaten in Ost- und Mitteleuropa, die dann zu Sowjetrepubliken oder Satelliten im Warschauer Pakt gemacht wurden und als Puffer dagegen dienen sollten, erneut überrannt zu werden. Nach dem Kollaps der Sowjetunion suchten diese nunmehr wieder unabhängigen Staaten ihrerseits Schutz vor einer Wiederholung ihrer eigenen Geschichte und bemühten sich schließlich um eine Nato-Mitgliedschaft. Der Anreiz? Das Versprechen, das jedes Mitglied der Allianz jedem anderen Mitglied im Fall eines Angriffes zur Hilfe kommt.

Aber das war zutiefst beunruhigend für die Russen, die das Verschwinden des sowjetischen Imperiums erlebt hatten - und besonders für Putin, der 2000 die Führung von Boris Jelzin übernahm. Als der prorussische ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch 2014 durch massive Straßenproteste von der Macht vertrieben wurde, reagierte Putin mit der Annexion der strategisch wichtigen Krim-Halbinsel, auf der überwiegend russisch gesprochen wird. Der Kreml, so die USA und ihre westlichen Verbündeten, heizte außerdem einen bewaffneten Aufstand in der weitgehend von Russen bewohnten östlichen Ukraine an, um eine Loslösung von Kiew zu bewirken. Die Region ist das industrielle Kernland der Ukraine.

Die USA und die Europäer antworteten mit scharfen wirtschaftlichen und anderen Sanktionen gegen Moskau, und bis jetzt köcheln die Kämpfe zwischen ukrainischen Truppen und Rebellen trotz zweier Waffenruhe-Vereinbarungen weiter. Die Nato stationierte in den Staaten des Baltikums schweres Gerät und entsandte Hunderte Militärausbilder in die Ukraine.

Haben die USA die Farbrevolutionen angezettelt?

Es gibt bislang keine Anzeichen für ein Einlenken Putins. Er warf den USA wiederholt vor, Russland unterjochen zu wollen, und lastete dem Westen an, hinter der Entmachtung Janukowitschs zu stecken. "Ich glaube nicht, dass die USA jemals voll begriffen haben, wie fest die Russen glauben, dass die Farbrevolutionen von den USA angezettelt wurden", sagt Jessica Matthews von der Denkfabrik Carnegie Endowment.

Sie bezieht sich auf die Rosenrevolution in der früheren Sowjetrepublik Georgien, die zur Entmachtung von Präsident Eduard Schewardnadse, dem ehemaligen sowjetischen Außenminister, führte, und auf die prowestliche Orangene Revolution in der Ukraine im Jahr 2004. Damals war Janukowitsch zum Rücktritt vom Amt des Regierungschefs gezwungen worden. Der Kreml glaubt, dass die USA seinerzeit und auch 2014 ihre Hände mit im Spiel hatten.

Haben Russlands Vorgehen in der Ukraine und auf der Krim sowie der Krieg mit Georgien 2008 im Westen Empörung ausgelöst, beruhen Putins Motive auf tiefem russischen Misstrauen gegen die Welt, die das Land umgibt. Dennoch: Putin telefonierte Ende Juni mit US-Präsident Barack Obama - erstmals seit vier Monaten. Dem Weißen Haus zufolge sprachen die Beiden über die Verhandlungen mit dem Iran über ein Atomabkommen, den Bürgerkrieg in Syrien und den Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat.

Matthews hält viel mehr Kommunikation zwischen Washington und Moskau für nötig. "Ich glaube, Klarheit über die Nato-Absichten im Fall Ukraine könnte eine Wende bewirken", sagt die Expertin. Aber diese Klarheit "kann nur persönlich und still vermittelt werden".

(ap)
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