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Schanna Nemzowa
Tochter von ermordetem Boris Nemzow will "Russland wachrütteln"

Zahnna Nemzowa: Nemzow-Tochter will "Russland wachrütteln"
Boris Nemzows Tochter, Schanna Nemzowa. FOTO: dpa, sab
Bonn. Der russische Oppositionspolitiker Boris Nemzow wurde vor einem Jahr auf offener Straße in Moskau erschossen. Fast genau ein Jahr später hat seine Tochter Schanna Nemzowa ein Buch über ihren Vater veröffentlicht. Es ist auch eine Abrechnung mit Putin.

Schanna Nemzowa lacht, sie macht Witze über die russische Propaganda, die braunen Augen blitzen, sie ist voller Ideen. Dabei ist es erst ein Jahr her, seit ihr Vater Boris Nemzow, einer der bekanntesten russischen Oppositionspolitiker und scharfer Kritiker des Präsidenten Wladimir Putin, auf offener Straße erschossen wurde. In Sichtweite des Kremls, der einer der bestüberwachten Orte der Welt ist.

Das Attentat in der Nacht des 27. Februar 2015 löste weltweit Entsetzen aus. Die 31-jährige Fernsehjournalistin Nemzowa machte unmittelbar darauf Putin persönlich politisch verantwortlich für den Mord an ihrem Vater. Fast genau ein Jahr später erscheint Nemzowas Buch "Russland wachrütteln". Geschrieben hat sie es in Deutschland, wohin sie angesichts der andauernden Drohungen in sozialen Netzwerken emigriert ist.

Sie arbeitet jetzt bei der Deutschen Welle in Bonn. Das von dem Journalisten und Kreml-Kritiker Boris Reitschuster übersetzte Werk erscheint zunächst nur in Deutschland. Aber die regierungskritische Moskauer Zeitung "Nowaja Gaseta" wolle Auszüge auch auf Russisch veröffentlichen, sagt Nemzowa.

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"Unrechtsstaat" nennt Nemzowa das Russland Putins. Keine echten Wahlen mehr, die Annexion der Krim, der heimliche Krieg in der Ukraine, Medienpropaganda und abstruse Gesetze bilden für sie eine "Liste des Irrsinns". "Es gibt kein normales politisches Leben mehr in Russland, nur noch inszeniertes Theater", schreibt sie. Auch die russischen Medien seien "Teil der repressiven Maschine".

Immer wieder zitiert sie ihren Vater, der Putin einen "Informationskrieg" und "geistigen Terrorismus" vorgeworfen hatte. Der "Fall Lisa" - die mit Gerüchten und Falschinformationen aufgebauschten russischen Medienberichte über eine angebliche Vergewaltigung einer 13-jährigen Russlanddeutschen durch Migranten in Berlin - ist für Nemzowa die jüngste Bestätigung dieser These. Die Berliner Polizei hat die angebliche Tat längst dementiert.

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Nemzowa möchte sich selbst nicht als "politisch" bezeichnen. Jetzt aber kämpft sie für die schonungslose Aufklärung des Mordes an ihrem Vater und fordert eine internationale Kontrolle der Ermittlungen. Vieles spreche dafür, "dass wie bei politischen Morden in Russland üblich, nur die unmittelbaren Killer vor Gericht kommen", schreibt sie. Die Auftraggeber aber brauchten sich "keine Sorgen zu machen".

Mit der scharfen Kritik an Putins Politik stellt sich Nemzowa auch in die Nachfolge ihres Vaters. Dazu gehört viel Mut, denn in Russland oder auch im Ausland in Opposition zum Kreml zu sein, kann lebensgefährlich sein. So überlebte Boris Nemzows Mitstreiter, Wladimir Kara-Musa, eine Vergiftung nur knapp. In seinem Blut fand man Schwermetallspuren. Doch gerichtstaugliche Beweise für einen Anschlag fehlen.

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Nemzowa versuchte, ihre Angst zu besiegen. "Putin und seine Leute wünschen sich doch, dass man alles vergisst - den Mord an Litwinenko, an Nemzow, an Politkowskaja", sagt sie und zählt einige der spektakulären Morde an russischen Regimekritikern der vergangenen Jahre auf. "Aber das lassen wir nicht zu."

Boris Nemzow, der nur 55 Jahre alt wurde, wurde 1997 Erster Vizepremier unter Präsident Boris Jelzin und galt damals als einer der Hoffnungsträger Russlands. Zuvor hatte er in den 90er Jahren als junger Gouverneur von Nischni Nowgorod die Stadt zu einem Vorzeigeprojekt für marktwirtschaftliche Reformen gemacht. Als Putin Ende der 90er Jahre an die Macht kam, entschied sich Nemzow für die Opposition. Zweimal wurde er inhaftiert, mehrmals angegriffen. "Mein Vater wurde zwar physisch umgebracht, aber sein Geist lebt weiter", schreibt Nemzowa. "Und dieser Geist ist gefährlich für das Regime."

Sich selbst sieht Nemzowa nicht als Dissidentin. "Ich bin einfach ein freier Mensch, der das sagt, was er für richtig und notwendig hält. Und ich lebe nicht gern in einem unfreien Land. Ich kämpfe nur für Gerechtigkeit." An eine baldige Rückkehr nach Russland glaubt sie nicht. "Oder glauben Sie etwa, ich würde dort noch eine Arbeit finden?"

Sie brauche ihre Kräfte für die Ermittlungen und für die von ihr gegründete Nemzow-Stiftung, die zur Gesellschaft und Politik in Russland forschen und Stipendien an Studenten vergeben soll. Auch einen "Nemzow-Preis" will sie verleihen - "für den Mut, seine Meinung zu äußern".

(dpa)
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