| 21.18 Uhr

Zum Tod von Schimon Peres
Der Friedensvisionär

Israel nimmt Abschied von seinem letzten Gründervater: Kein wichtiges Regierungsamt, das Schimon Peres nicht irgendwann besetzt hätte. Am Mittwoch verstarb er im Alter von 93 Jahren. Von Susanne Knaul und Charles Landsmann

Schimon Peres war einer derer, die aus der Diaspora kamen und ihr Leben lang Hebräisch mit Akzent sprachen. Er gehörte zu den Zionisten, die den Traum vom Staat der Juden von der ersten Stunde an mitgestalteten.  Er war Regierungschef und Staatspräsident. Und er erhielt den Friedensnobelpreis. In der Nacht zu gestern erlag er im Alter von 93 Jahren den Folgen eines Schlaganfalls.

1923 war er als Sohn der Eheleute Persky im damals polnischen Wiszniew geboren worden, einem jüdischen Schtetl mit 1500 Einwohnern. In Memoiren erinnert sich Peres an das Talmudstudium bei seinem Großvater und die frühe Erkenntnis, "dass nichts auf der Welt nur eine Seite hat". Das Kind war gottesfürchtig und stritt heftig mit seinen Eltern, als sie ausgerechnet am Sabbat ihr eben erstandenes Radio anschalteten. Den erwachsenen Peres sah man allenfalls noch auf Beerdigungen mit der Kippa, der Kopfbedeckung frommer Juden - oder bei Besuchen der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem.

Auf einem polnischen Dampfer erreichte Peres als Elfjähriger Tel Aviv, besuchte dort das Gymnasium und anschließend ein landwirtschaftliches Internat im nahen Ben Schemen. Melken, Säen und Ernten standen auf dem Lehrplan, aber auch, wie man mit einer Pistole umgeht. Peres las dort das "Kapital" von Karl Marx und traf seine spätere Frau Sonia, mit der er eine Tochter und zwei Söhne haben sollte. Der fromme Shtetl-Jude entwickelte sich in Ben Schemen zu einem zionistischen Sozialdemokraten.

 Vater der israelischen Rüstungsindustrie

Israels erster Regierungschef David Ben-Gurion wurde auf den jungen Parteigenossen von der Mapai, der Vorläuferin der Arbeitspartei, aufmerksam, der inzwischen aus dem polnischen Persky ein hebräisches Peres gemacht hatte, und nahm ihn unter seine Fittiche. Beide Männer verstanden sich auf Anhieb und ein Leben lang, was nicht unbedingt typisch für Peres ist.

Sein Verhältnis zu Golda Meir, die Jahre später Regierungschefin wurde, und auch zu Jitzchak Rabin war schwieriger. Als "ewigen Intriganten" beschimpfte Rabin einst seinen Parteigenossen, mit dem er jahrzehntelang Machtkämpfe ausfocht.

Eine der ersten Aufgaben des jungen Peres war die Waffenbeschaffung. Er selbst war zwar nie ein großartiger Soldat, aber er verstand sich darauf, Israels Sicherheitspolitik vom Schreibtisch aus voranzutreiben. Paradoxerweise hinterließ der Mann, der wie kein anderer im Ruf steht, um Versöhnung mit den arabischen Nachbarn gerungen zu haben, seine tiefsten Spuren in der Zeit als Staatssekretär und Minister für Verteidigung.

Peres gilt beispielsweise nicht nur als Vater der israelischen Rüstungsindustrie, sondern auch des Atomreaktors von Dimona und damit der - offiziell nicht existierenden - israelischen Atombombe. Sie hat sich, genau wie von ihm geplant, über Jahrzehnte hinweg als überlebenswichtige Abschreckung erwiesen.

Bei Wahlen erfolglos

Zwei mutige militärische Großtaten gehen auf sein Konto: die Befreiung von mehr als 100 Geiseln aus der Hand palästinensischer und deutscher Terroristen 1976 in Entebbe und der israelische Rückzug aus dem Südlibanon im Jahr 2000. Ob es die militärischen Orden waren, die Peres trotz dieser Verdienste nicht bieten konnte, oder seine Selbstüberschätzung, dass er Wahlkämpfe nicht nötig habe - Tatsache ist, dass er sich bei Wahlen nur ein einziges Mal durchsetzen konnte: Erst 2007 votierte das Parlament für ihn als Staatspräsidenten.

Schon sieben Jahre zuvor hatte Peres für das höchste Amt im Staat kandidiert und den Kürzeren gezogen. Die Abgeordneten entschieden sich überraschend für den wenig charismatischen Mosche Katzaw vom rechten Likud.

"Bin ich ein Versager?", rief Peres im Mai 1997 von der Bühne des Parteitags, ein Jahr nach der Wahlniederlage gegen Benjamin Netanjahu. "Jaaa!", antworteten die Genossen im Chor. Peres war der ewige Zweite, auch in den Reihen der eigenen Partei. Als Nummer zwei funktionierte Peres besser, vor allem unter Jitzchak Rabin, der seinem Außenminister freie Hand bei den geheimen Verhandlungen mit der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO ließ.

Gemeinsames Streben nach zwei Staaten

Im September 1993 reichten PLO-Chef Jassir Arafat und Israels Regierungschef Rabin einander zum ersten Mal die Hand. Sie vereinbarten die Osloer Prinzipienerklärung über das gemeinsame Streben nach zwei Staaten für die zwei Völker. Arafat, Rabin und Peres wurden kurz darauf mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Rabin zahlte mit seinem Leben - er wurde 1995 ermordet. Nur wenige Monate nach dem Mordanschlag verlor die Arbeitspartei unter Peres, der die Nachfolge Rabins angetreten hatte, die Parlamentswahl knapp gegen den Likud unter Netanjahu - die Friedensverhandlungen mit den Palästinensern lagen fortan auf Eis.

Der ungehemmt ehrgeizige Peres, der Bücherwurm, der stets ein passendes Zitat oder eine Volksweisheit parat hatte, der Visionär des Nahen Ostens, war in Israel selbst ausgesprochen unbeliebt und bei der politischen Rechten geradezu verhasst. Im Ausland genoss er dagegen seit Jahrzehnten höchstes Ansehen - wenn Peres von der Notwendigkeit sprach, Israel als jüdischen Staat zu definieren, klang es eben anders als aus dem Munde eines Benjamin Netanjahu, vor allem in den Ohren seiner zahlreichen Freunde in der Sozialistischen Internationalen.

Peres liebte die Anerkennung und genoss es, im Mittelpunkt zu stehen. Seinen 90. Geburtstag feierte er vor drei Jahren groß mit Hunderten geladenen Gästen, darunter der frühere US-Präsident Bill Clinton, Robert de Niro und Barbra Streisand.

Während die meisten Palästinenser ihre Hoffnungen auf einen eigenen Staat, ein friedliches Leben, einen normalen Alltag inzwischen begraben haben, blieb Peres' Zuversicht ungebrochen. "Es gibt noch immer eine Welt zu heilen", sagte er in seiner Abschiedsrede vor zwei Jahren als Staatspräsident. Noch vor 14 Tagen, als ihn bereits ein gefährlicher Blutpfropfen im Hirn behinderte, stellte er seine Visionen von einem "Neuen Nahen Osten" vor. Danach ließ er sich ins Krankenhaus fahren, wo er den fatalen Schlaganfall erlitt.

Peres selbst bezeichnete sich als Optimisten, doch er war mehr als das: ein pragmatischer Träumer. Den einen Traum, die Gründung des jüdischen Staates Israel, half er zu verwirklichen. Der zweite, Frieden für Israel in Koexistenz mit den Nachbarn, blieb ein Traum.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Zum Tod von Schimon Peres: Der Friedensvisionär


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.