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Kolumne Gesellschaftskunde
Begegnung gibt es nur persönlich

Kolumne Gesellschaftskunde: Begegnung gibt es nur persönlich
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Düsseldorf. Kommunikation ohne persönliches Zusammentreffen wird immer wichtiger. Doch durch den schnellen Austausch von Nachrichten und Gedanken bleibt etwas auf der Strecke: die Wahrnehmung von Mensch zu Mensch. Von Dorothee Krings

Einem anderen ins Gesicht zu schauen, verändert die Beziehung zwischen zwei Menschen. Ein solcher Blick schafft Verbindlichkeit, löst den Einzelnen aus der Abstraktheit der Masse, über die sich leicht urteilen und deren Schicksal sich bequem verdrängen lässt. Der französische Philosoph Emmanuel Lévinas glaubte, dass beim Blick in das Antlitz eines anderen alle ethische Verpflichtung beginnt. Das Gesicht gebe den Impuls für das Gefühl der Verantwortung. Denn der Andere erscheine zwar völlig fremd, doch zugleich blicke einen aus dieser Fremdheit "die ganze Menschheit" an und verpflichte einen, "keinen Mord zu begehen".

Lévinas war Jude, ein großer Teil seiner Familie wurde von den Nazis ermordet, und nach seiner Emigration nach Frankreich hat der Schüler von Edmund Husserl und Martin Heidegger Deutschland nie mehr betreten. Aber er hat nach einem Ursprung der Empathie gesucht, um einen universellen Humanismus zu begründen. Und hat eine Ethik der Achtung formuliert, die im leibhaftigen Aufeinandertreffen von Menschen, Gesicht zu Gesicht, ihren Ausgang nimmt.

Solche Begegnungen werden weniger. Durch E-Mail-Verkehr und soziale Medien tauschen Leute ihre Nachrichten und Gedanken immer häufiger schriftlich aus. Oder schicken einander Schnappschüsse und arrangierte Fotos. Das ist schneller als ein Face-to-face-Kontakt, aber es ist auch etwas völlig Anderes.

Begegnungen schaffen Momente 

Denn Begegnungen dienen eben nicht nur dem Austausch von Informationen, sondern schaffen Momente, da der Einzelne wahrnimmt, mit wem er es in seiner Umgebung tatsächlich zu tun hat. Er sieht, hört, riecht, empfindet den anderen, empfängt all die unbeachteten Signale, die oft so viel wichtiger sind als die eigentliche Botschaft.

Natürlich lässt die verdichtete Arbeitswelt heute nicht mehr zu, dass man jede Info persönlich zum Kollegen bringt. Und auch im Privaten hat die Kommunikation zugenommen, kaum kommen Verabredungen noch ohne Mail-Verteiler zustande. Dieser Austausch von Display zu Display funktioniert schnell und über große Distanzen, aber nicht ohne Verlust: Er ist gesichtslos, körperlos, stimmlos – und fördert Unverbindlichkeit. So wird Empathie zu einer Ressource des gesellschaftlichen Zusammenhalts, die an Selbstverständlichkeit verliert.

Weil das schleichend geschieht, bleiben solche Entwicklungen oft unbemerkt. Bis ein Klima sich gewandelt hat und immer weniger Menschen sich verantwortlich fühlen für das Miteinander – das keine Gesichter mehr hat.

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