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Bei Worten zum Christentum eisiges Schweigen
Mit seiner Rede vor dem türkischen Parlament wollte der Bundespräsident offenbar ein Gegengewicht zu seiner Rede am Tag der Deutschen Einheit schaffen, die heftige Debatten um den Platz des Islam in Deutschland ausgelöst hatte. Er freue sich, dass er in beiden Reden dasselbe sagen könne, sagte Wulff vor Journalisten in Ankara. Hatte er sich in Bremen mit dem Platz des Islam in Deutschland auseinandergesetzt, so sprach er nun in Ankara über den Platz des Christentums in der Türkei. "Das Christentum gehört zweifelsfrei zur Türkei", sagte der Bundespräsident vor dem türkischen Parlament, in dem das vor allem auf den Oppositionsbänken teilweise anders gesehen wird – im Saal herrschte eisiges Schweigen. Von Thomas Seibert

Auch die erste Rede eines deutschen Staatsoberhauptes vor dem türkischen Parlament wurde streckenweise von der deutschen Integrationsdebatte dominiert. "Es ist wichtig, dass wir unsere Probleme klar benennen", sagte Wulff in dieser Rede. "Dazu gehören das Verharren in Staatshilfe, Kriminalitätsraten, Machogehabe, Bildungs- und Leistungsverweigerung."

Ratlose Blicke erntete er dafür von seinen türkischen Zuhörern, die wenig von solchen Problemen wissen: Staatshilfen gibt es in der Türkei zu wenige, als dass man sich darauf stützen könnte, die einheimische Jugend ist bildungshungrig und leistungsorientiert, und rüpeliges Benehmen wird in der türkischen Gesellschaft beizeiten mit Kopfnüssen eingedämmt.

Obwohl er in der Türkei sprach, waren Wulffs Aussagen vor allem an die deutsche Öffentlichkeit gerichtet. Schon zum Auftakt hatte Wulff die Äußerungen des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer über eine mangelnde Integrationsfähigkeit von Türken zurückgewiesen. "Zu behaupten, eine ganze Gruppe könne und wolle sich nicht integrieren, halte ich für falsch", hatte er in dem Interview mit der türkischen Zeitung. "Hürriyet"gesagt.

"Die Grundlage für die Lösung vieler Probleme ist vor allem, die deutsche Sprache zu lernen", sagte Wulff in dem Interview weiter. Er freue sich, dass der türkische Staatspräsident Abdullah Gül die Bedeutung des Spracherwerbs betont habe.

Geschickt verband Wulff seine Mahnung mit dem Thema, das in der Türkei immer interessiert: Europa. "Die Religionsfreiheit ist Teil unseres Verständnisses von Europa als Wertgemeinschaft", sagte er. "Wir müssen religiösen Minderheiten die freie Ausübung ihres Glaubens ermöglichen." Das sei nicht unumstritten, aber notwendig, fügte der Bundespräsident hinzu – und sprach damit vielleicht Zuhörer in beiden Ländern: Jüngsten Umfragen zufolge wollen fast 60 Prozent der Deutschen die islamische Religionsausübung in Deutschland einschränken, während ebenso viele Türken öffentliche Veranstaltungen von Christen in der Türkei verbieten würden. Staatspräsident Abdullah Gül zählt immerhin nicht zu ihnen: Er sei auch Präsident der christlichen und jüdischen Türken, sagte Gül auf der gemeinsamen Pressekonferenz mit Wulff, der in Bremen erklärt hatte, er sei auch der Präsident der Muslime in Deutschland.

Quelle: Rheinische Post
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